
Episode12: Gefangen in der Vergangenheit – Die Grenze des Erträglichen
Schimon saß in der düsteren Waldarbeiterhütte, die Knie angezogen, die Arme fest um sich geschlungen. Die Kälte war ein gnadenloser Feind, der sich durch jede Faser seines Körpers fraß. Der Hunger war eine unerträgliche Qual, ein dumpfer Schmerz tief in seinem Magen, der ihn kaum klar denken ließ. Ihm wurde bewusst, wie lange er schon hier war. Noch nie hatte eine Zeitreise so lange gedauert.
Draußen, irgendwo in der Ferne, rollte der Krieg über das Land. Das donnernde Grollen der Front war unaufhörlich, ein dumpfer Puls, der sich durch den Boden bis in seine Knochen fraß. Es war ein Klang, der nie endete, der sich in seine Gedanken brannte, bis er kaum noch wusste, ob es real war oder nur in seinem Kopf nachhallte. Die Angst, die er anfangs noch kontrollieren konnte, kroch nun langsam und zäh in ihm hoch. Was, wenn er nie wieder zurückkehren konnte? Was, wenn das Kästchen seinen Griff auf ihn verstärkt hatte und er für immer hier bleiben musste?
Um ihn herum saßen Emilie, Herr Lontke und die anderen. Sie bewegten sich kaum, ihre Gesichter von Entbehrung gezeichnet. Aber niemand jammerte. Sie schwiegen, nahmen ihr Schicksal an, als hätten sie diese Situation schon längst akzeptiert. Der kleine Ofen an der Wand glomm schwach, spendete kaum Licht und nur spärliche Wärme. Ihre Schatten tanzten an den Wänden, geisterhafte Silhouetten in einer Welt, die jegliche Hoffnung verloren zu haben schien.
Schimon hielt es nicht mehr aus. Er musste sich bewegen, musste Luft schnappen, musste irgendetwas tun, um nicht in dieser Starre zu ersticken. Langsam erhob er sich, seine Glieder protestierten mit stechendem Schmerz. Die Türe der Waldarbeiterhütte stand gerade offen, er trat hinaus. Schimon bemerkte, dass sich hinter den Bäumen etwas bewegte.
Sein Herz schlug schneller. Soldaten tauchten aus der Dunkelheit des Waldes auf, kamen langsam näher. Es waren die sieben deutschen Soldaten vom Vorabend. Ihre Mäntel waren zerschlissen, ihre Gesichter ausgemergelt. Sie schleppten sich durch den Schnee, jeder Schritt ein Kraftakt. In den Armen trugen sie etwas, ein schweres, in Stoff gewickeltes Bündel.
Schimon wich zurück in die Hütte, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Soldaten eintraten. Der Feldwebel trat vor, legte das Bündel auf den Tisch. Seine Stimme klang rau und müde. „Wir haben eine Kuh geschossen. Sie irrte allein durch den Wald. Nehmt das Fleisch, damit ihr überleben könnt.“
Erika, Ruth und Valli standen dicht am Tisch, ihre Blicke auf das blutige Fleisch gerichtet. Niemand sprach. Es gab nichts zu sagen. Moral spielte in dieser Krisensituation keine Rolle. „Nicht weit von hier gibt es ein Feld. Vielleicht finden wir noch Kartoffeln unter dem Schnee,“ sagte Erika nach einer Weile leise.
„Die werden sicher erfroren sein,“ erwiderte Emilie. „Wir werden sehen.“ Erika nahm das Tuch, wandte sich an Ruth und Valli. „Kommt, wir nehmen eine Hacke mit.“ Schimon beobachtete, wie die drei sich warm einpackten und mit entschlossenen Schritten aufbrachen. Der Schnee knirschte leise unter ihren Schritten, bis sie vom Dunkel des Waldes verschluckt wurden.
Dann kam es. Das tiefe Dröhnen, das er so oft gehört hatte. Ein Beben in der Luft, ein reißender Sog, der ihn erfasste. Nein. Nicht jetzt. Er spürte, wie sich seine Umgebung auflöste. Der Boden unter ihm verschwand, Licht und Schatten verschmolzen zu einem Strudel. Schimon riss die Augen auf.
Er saß an seinem Schreibtisch. Die Dunkelheit des Zimmers umgab ihn, nur die kleine Lampe auf seinem Schreibtisch warf ihren schwachen Schein auf das alte Kästchen. Sein Atem ging schnell. Seine Finger waren eiskalt. Sein Blick wanderte zur Wanduhr. 4:48 Uhr. Zwei Minuten. Es waren nur zwei Minuten vergangen. Aber sein Körper erinnerte sich an eine lange und eisige Nacht. Er rieb sich die Augen und lehnte sich einen Moment in seinem Stuhl zurück. Die Realität seiner Rückkehr fühlte sich fremd an, als wäre er nicht wirklich wieder hier, sondern noch immer ein Teil dieser anderen, kalten Welt. Sein Körper zitterte leicht, als ob die Kälte der Vergangenheit sich noch in seinen Knochen festgekrallt hätte.
Langsam erhob er sich. Jeder Muskel schmerzte, als hätte er tatsächlich tagelang im Frost verbracht. Er schob seinen Stuhl zurück, hörte das vertraute Quietschen seines Bürostuhls. Alles wirkte so normal, so alltäglich, und doch fühlte sich nichts mehr wirklich an.
Er schlurfte in die Küche, seine Füße schwer, als würden sie ihn kaum tragen. Die Dunkelheit lag schwer über ihm, nur ein schwacher Schimmer fiel aus seinem Zimmer in den Flur. Die kleine Schreibtischlampe war die einzige Lichtquelle, ihr gedämpftes Leuchten tauchte den Raum in ein unruhiges Halbdunkel. In der Küche schaltete er das Licht ein und griff nach einem Kaffee-Pad, legte ihn ein und drückte auf den Knopf. Der Klang des tropfenden Wassers war beruhigend, beinahe hypnotisch. Er lehnte sich gegen die Anrichte, wartete, während der Duft von frischem Kaffee sich langsam in der Stille ausbreitete. Er hob die Tasse an seine Lippen, nippte vorsichtig. Die Hitze breitete sich wohltuend in seinem Inneren aus, doch das Erlebte aus der Vergangenheit ließ ihn nicht los.
Sein Blick glitt zur Tür. Im Nebenzimmer lag seine Frau, in tiefem Schlaf. Sie hatte nichts mitbekommen. Sie schlief immer etwas länger als er, ging später ins Bett. Ihre ruhigen Atemzüge drangen bis hierher, er wusste, dass sie friedlich schlummerte, während er mit den Schatten der Vergangenheit rang. Dort, auf dem Schreibtisch, stand es noch immer: das Kästchen. Unscheinbar, alt, ein einfaches Holzobjekt – und doch der Schlüssel zu einem Abgrund, den er noch nicht verstand.
Was, wenn er die Kontrolle darüber gewinnen könnte? Was, wenn nicht das Kästchen entschied, wohin er ging und wann er zurückkehrte, sondern er selbst? War es Zufall gewesen, dass er genau in dem Moment zurückkam, als die Angst in ihm am höchsten war? Oder war es sein eigener Wille gewesen, der unbewusst die Reise ausgelöst hatte? Er setzte sich langsam wieder an den Schreibtisch, stellte die Kaffeetasse neben sich ab. Sein Blick ruhte auf dem Kästchen.
Konnte er es lenken? Konnte er bestimmen, wohin er reiste, wie lange er blieb?
Er atmete tief durch, schloss die Augen und ließ seine Fingerspitzen sanft über die einzelnen Tasten gleiten. Konnte er es steuern? War es seine Angst gewesen, die ihn zurückgebracht hatte? Oder lag der Schlüssel zu dieser Reise viel tiefer verborgen? Die Kälte aus der Vergangenheit klebte noch immer an ihm, doch jetzt war es an der Zeit, Antworten zu finden.
Fortsetzung folgt…

