13.12.1932 – Der Zorn in Rom, die Angst im Kaiserhof und eine trügerische Ruhe
Stell Dir vor, wir blättern gemeinsam zurück, fast ein Jahrhundert, an einen nasskalten Dienstag im Dezember. Wenn wir an das Jahr 1932 denken, haben wir oft sofort die Bilder von Fackelzügen und Marschierern im Kopf, doch der 13. Dezember 1932 erzählt uns eine ganz andere, leisere und zugleich unheimlichere Geschichte. Es ist ein Tag, an dem das Schicksal der Welt auf Messers Schneide stand, getarnt als ein ganz normaler Wintertag. Während die Menschen ihre Krägen gegen den feuchten Wind hochschlugen und sich auf das Weihnachtsfest vorbereiteten, brodelte es unter der Oberfläche. Es ist der Tag, an dem die Dunkelheit, die bald über Europa hereinbrechen sollte, noch einmal zögerte und sich fast selbst zerfleischte, während andernorts der Faschismus bereits lautstark triumphierte. Ich möchte Dich mitnehmen in diese seltsame Zwischenzeit, in der Hoffnung und Verderben so nah beieinander lagen wie selten zuvor.
Schatten über Europa und das Geschrei in Rom
Während es in Deutschland an diesem Tag politisch seltsam still wirkt, ist der Süden Europas laut und aggressiv. In Rom bebt die Erde unter den Füßen der Schwarzhemden. Benito Mussolini, der „Duce“, tritt an diesem 13. Dezember auf den Balkon des Palazzo Venezia. Seine Stimme hallt über die Plätze, aufgepeitscht von einem Vorfall im dalmatinischen Trogir, der die italienische Volksseele kochen lässt. Es geht um Nationalstolz, um Gebietsansprüche, um das Schüren von Hass gegen Jugoslawien. Mussolini nutzt diesen Tag, um der Welt zu zeigen, wie fest er im Sattel sitzt.
Für uns heute wirkt das wie ein düsteres Omen. Während in Italien der Faschismus bereits fest etabliert ist und seine Muskeln spielen lässt, wirkt Deutschland noch wie ein wankender Riese. Die Nachrichten aus Rom dürften auch in Berlin gehört worden sein, vielleicht als Warnung, vielleicht als Vorbild. Es ist dieser Kontrast, der mich so berührt: Der Lärm und der Pomp in Rom gegenüber der grauen Ungewissheit in Berlin. Es zeigt uns, dass das politische Gift in Europa bereits tief eingedrungen war, auch wenn es an diesem Tag in Deutschland noch nicht nach dem totalen Sieg der Nazis aussah – ganz im Gegenteil.
Die Tränen des Joseph Goebbels und die Stille im Kaiserhof
Was mich bei der Recherche am meisten bewegt hat, ist der Blick hinter die Kulissen der Macht, genauer gesagt in das berühmte „Hotel Kaiserhof“ in Berlin. Hier, im inoffiziellen Hauptquartier der NSDAP, herrscht an diesem 13. Dezember keine Siegesstimmung, sondern nackte Panik. Die Partei ist tief gespalten. Gregor Strasser, ein mächtiger Rivale Hitlers, hat hingeworfen, und die Bewegung droht zu zerbrechen. Wenn wir in die Seele der Täter blicken, finden wir an diesem Tag erstaunliche Schwäche. Joseph Goebbels, der später so zynische Propagandist, ist am Boden zerstört.
In seinen Tagebuchaufzeichnungen rund um diese Tage spüren wir eine tiefe Depression. Er schreibt Sätze, die von einer „großen Katastrophe“ künden, davon, dass man ihm den „inneren Halt“ genommen habe. Er und Hitler fürchten, kurz vor dem Ziel alles verloren zu haben. Sie sitzen in ihren Zimmern, schmieden Pläne, reisen hektisch umher, um die Gauleiter auf Linie zu bringen, doch die Angst sitzt ihnen im Nacken. Es ist fast surreal, sich vorzustellen, dass diese Männer, die nur sechs Wochen später die Macht ergreifen und die Welt in Brand setzen würden, an diesem Dienstag im Dezember glaubten, ihre Chance sei vertan. Es zeigt uns, wie fragil Geschichte sein kann und wie sehr sie oft am seidenen Faden des Zufalls und persönlicher Eitelkeiten hängt.
Der Trugschluss der Normalität und die Hoffnung
Und während im Kaiserhof die Nazis um ihre Zukunft zittern, atmen viele Menschen draußen auf – besonders unsere jüdischen Mitbürger. Es ist eine der tragischsten Facetten dieses Datums. Nach den Stimmverlusten der Nazis im November und dem jetzigen Chaos in der Partei keimt eine zarte, aber trügerische Hoffnung auf. In den Cafés und Redaktionen, in den jüdischen Gemeinden und bürgerlichen Wohnzimmern flüstert man sich zu, dass der „Spuk“ vielleicht vorbei sei. Man glaubt an den Rechtsstaat, man sieht auf technische Wunderwerke wie den „Fliegenden Hamburger“, den neuen Schnellzug, der in diesen Tagen als Symbol für Fortschritt und eine moderne Zukunft gefeiert wird.
Das Leben geht seinen Gang, der BBC Empire Service nimmt seinen Betrieb auf und verbindet die Welt, man kauft Weihnachtsgeschenke. Niemand ahnt an diesem 13. Dezember, dass die scheinbare Schwäche der Nazis nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Diese Ahnungslosigkeit, diese verständliche, menschliche Hoffnung auf das Gute und die Vernunft, bricht mir heute das Herz. Wir wissen, was kommt. Sie wussten es nicht. Sie sahen einen grauen Dezembertag und hofften auf einen friedlichen Frühling.
Mich würde sehr interessieren, wie Du diese Ambivalenz empfindest. Kennst Du solche Momente aus Erzählungen Deiner Familie oder vielleicht sogar aus eigenem Erleben, in denen man spürt, dass sich etwas verändert, man aber die Richtung noch nicht deuten kann? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, ich freue mich auf den Austausch mit Dir.
Euer Schimon
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