15.12.1932 – Kurt von Schleicher am Mikrofon: Die letzte Hoffnung vor dem Abgrund?
Es ist Donnerstagabend und über Deutschland liegt ein nasskalter, trüber Dezembernebel, der tief in die Kleidung kriecht. In den schlecht beheizten Wohnungen der Millionen Arbeitslosen herrscht eine gedrückte Stimmung, typisch für diesen grauen Advent. Doch um Punkt 20:00 Uhr verstummen die Gespräche in den Wohnstuben und Kneipen. Die Menschen rücken näher an ihre Radiogeräte, an die klobigen Röhrenempfänger oder die billigen Detektoren, denn eine Stimme erklingt, die das Schicksal der Republik wenden will. Reichskanzler Kurt von Schleicher, der erst seit knapp zwei Wochen im Amt ist, tritt vor das Mikrofon. Es ist mehr als nur eine Regierungserklärung, es ist der verzweifelte Versuch eines Mannes, das Ruder herumzureißen.
Der soziale General bittet um Vertrauen
Schleicher, ein Mann des Militärs, versucht an diesem Abend einen unglaublichen politischen Spagat. Er spricht nicht wie ein Diktator, sondern inszeniert sich als überparteilicher Sachwalter der Nation. Sein wichtigster Satz an diesem Abend brennt sich in das Gedächtnis der Zuhörer ein, als er betont, er sei weder Kapitalist noch Sozialist. Mit ruhiger Stimme verkündet er das Ende der harten Sparpolitik seines Vorgängers Franz von Papen. Er verspricht, dass es keine weiteren Lohnkürzungen mehr geben wird. Diese Nachricht sorgt in den Arbeiterhaushalten für ein fast ungläubiges Aufatmen. Er kündigt Arbeit und staatliche Programme sowie Preisüberwachungen an. Für einen kurzen historischen Moment scheint es, als könnte dieser General die gespaltene Nation tatsächlich versöhnen. Selbst an der Börse reagieren die Kurse zwar nervös, aber mit einem spürbaren Funken Hoffnung auf die angekündigte Stabilität.
Panik im Braunen Haus
Während Schleicher im Radio spricht und versucht, Zuversicht zu verbreiten, herrscht bei den Nationalsozialisten blankes Entsetzen. Für die NSDAP ist dieser 15. Dezember ein Tag der existenziellen Krise. Die Partei ist finanziell am Ende, moralisch am Boden und tief gespalten. Erst vor einer Woche ist Gregor Strasser, Hitlers wichtigster Mann für die Arbeiter, zurückgetreten, und Schleichers Plan ist teuflisch genial. Er will den moderaten Flügel der Nazis abspalten und in seine Querfront einbinden. Wer in den Tagebüchern von Joseph Goebbels aus diesen Tagen liest, findet Worte tiefer Depression und die Angst, kurz vor dem Ziel zu scheitern. Hitler reist nervös durch das Land, um seine Gauleiter bei der Stange zu halten. Wer heute auf die politische Wetterkarte schaut, könnte meinen, der Spuk der Nazis sei vorbei und ihr Zenit überschritten.
Diese scheinbare Schwäche der Nationalsozialisten sorgt auch in der jüdischen Gemeinschaft für eine gefährliche Illusion. Man hofft inständig, das Schlimmste sei überstanden, da die Nazis politisch in die Defensive geraten. Währenddessen blüht das jüdische Geistesleben weltweit weiter. Ein interessantes Detail am Rande ist, dass genau heute im fernen Philadelphia die erste Ausgabe einer neuen wissenschaftlichen Zeitschrift des renommierten jüdischen Ägyptologen Dr. Nathaniel Reich erscheint. Es ist ein Zeichen dafür, dass Forschung und Kultur weitergehen, ungeachtet der politischen Stürme. Auch im britischen Mandatsgebiet Palästina dreht sich das Rad der Geschichte weiter, wo das offizielle Amtsblatt heute neue Steuerverordnungen veröffentlicht und sich in Jerusalem mit dem Arab College Quarterly auch die arabische Intelligenzia neu formiert.
Internationale Sorgen und dunkle Vorzeichen
Dass die globale Krise noch lange nicht vorbei ist, zeigt ein Blick über die Grenzen, den die Menschen in den Zeitungen verfolgen. Die New York Times berichtet heute groß über den Schuldenstreit, denn Frankreich hat die Zahlungen der Kriegsschulden an die USA verweigert. Das internationale Finanzsystem wankt noch immer, und niemand weiß, ob Schleichers Arbeitsbeschaffungsprogramm gegen diese globale Depression bestehen kann. Es ist ein Tag des Wartens. Das Wetter passt zur politischen Lage, grau und unentschieden. Die Menschen frieren, aber Schleichers Worte im Radio haben zumindest ein kleines Feuer der Hoffnung entzündet. Vielleicht wird dieses Weihnachten doch friedlicher als gedacht. Wir, die wir die Geschichte kennen, wissen es besser. Wir wissen, dass es nur noch gut sechs Wochen sind, bis diese Hoffnung am 30. Januar 1933 endgültig zertrümmert wird. Aber für die Menschen an diesem Abend, die dem Knacken und Rauschen des Radios lauschen, ist die Zukunft noch offen.
Versetzt euch einmal in die Lage eines Arbeiters, der an diesem Abend am Radio sitzt. Hättet ihr dem sozialen General geglaubt, dass er die Demokratie oder zumindest den Frieden retten kann, oder hättet ihr es nur für einen weiteren Trick der Oberschicht gehalten?
Schreibt mir eure Gedanken dazu in die Kommentare!
Euer Schimon
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