Familiengeschichte

Episode 14: Der Moment der Entscheidung

Der Schnee war brüchig geworden, feucht und schwer. Er zog sich in schmutzigen Flecken zurück, als wollte er die Spuren der letzten Wochen freilegen. Die Luft roch nach modrigem Holz und tauendem Boden. Schimon stand bewegungslos am Rande einer kleinen Lichtung. Vor ihm: ein Hügel, unauffällig, bedeckt mit Fichtenzweigen, Tannennadeln und morschem Geäst. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass sich darunter Leben verbarg. Doch Schimon wusste es besser.

Unter dieser Tarnung kauerten acht Menschen, zusammengepfercht in einem Erdloch, das sie in mühsamer Arbeit mit bloßen Händen und alten Werkzeugen gegraben hatten. Baumstämme bildeten das Dach, darauf Erde, darauf Zweige. Darunter Dunkelheit, Enge und Angst.

Ein leises Murmeln drang aus der Tiefe. Die Stimmen von Kindern, das Knistern eines kleinen Holzofens, das gelegentliche Klirren von Metall. Sie aßen gerade: erfrorene Kartoffeln, aufgewärmt in einem Blechtopf, süßlich im Geschmack, mehlig im Biss. Die Kinder saßen dicht aneinander: Hans, der verträumt in die Glut starrte. Erika, die still den längst ausgezogenen Löchern in ihren Strümpfen nachsah. Ruth, mit eingefallenen Wangen und gerunzelter Stirn. Und der kleine Günter, dessen Gesicht von einem rätselhaften Ausschlag gezeichnet war. Seine Haut war rot und schuppig, die Augen glänzten fiebrig.

Emilie saß am Rand, das Haar zerzaust, ihr Gesicht eingefallen, doch ihre Hände bewegten sich ruhig. Sie teilte die Kartoffeln auf, sorgte für Ordnung im Chaos. Neben ihr Valli Lontke, blass, mager, mit tiefen Schatten unter den Augen. Valli war die Tochter von Anna Lontke und die enge Freundin von Ruth. Ihre Mutter Anna, die Ehefrau von Otto Lontke, lehnte erschöpft an der Wand, während Valli an ihrer Seite saß, zu müde, um noch zu sprechen.

Schimon lag auf dem Bauch hinter einem umgestürzten Baumstamm, der von Flechten und Moos überwuchert war. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, sein Atem ging flach, kaum hörbar. Vor ihm erstreckte sich der Wald wie ein düsteres Schachbrett aus Licht und Schatten. Und zwischen den Stämmen, in der reglosen Stille, bewegte sich etwas.

Es waren Schatten zuerst. Flackernde Schemen zwischen den Bäumen, kaum wahrnehmbar. Dann erkannte er sie. Männer in Uniformen, russische Soldaten, langsam, lautlos, wie Raubtiere vor dem Sprung. Einer nach dem anderen löste sich aus dem Dickicht, glitt von Baum zu Baum, beugte sich, hob das Gewehr, erstarrte. Ihre Gesichter wirkten wie aus Granit gehauen, unbewegt, kalt. Sie flüsterten nicht, gaben keine Zeichen – sie verstanden sich ohne Worte.

Ein Offizier, größer als die anderen, trat aus dem Schatten. Seine Stiefel knirschten kaum hörbar auf dem gefrorenen Waldboden. Er blieb stehen, hob die Hand. Sofort sanken die Männer auf die Knie, legten sich in Position. Gewehre im Anschlag. Der Erdhügel – der getarnte Bunker – war umstellt.

Schimon spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt. Ein falscher Laut, ein raschelnder Ast, und alles würde explodieren. Er sah, wie einer der Soldaten mit dem Fuß eine Schneedecke beiseite schob – darunter schimmerte frische Erde.

Dann kam das Zeichen. Der Pfiff. Kurz, grell, wie der Ruf eines Raubvogels. In dieser Sekunde wusste Schimon, dass die Zeit abgelaufen war. Und dass sich das Schicksal der Versteckten nun entschied.

Stille. Dann ein Aufschrecken. Teller kippten um, eine Kartoffel rollte klatschend auf den feuchten Lehmboden. Emilies Blick suchte den von Herrn Lontke. Der alte Mann war bereits aufgestanden, sein Kiefer angespannt, der Blick starr.

„Alle bleiben ganz ruhig,“ sagte er mit leiser, aber bestimmter Stimme. Niemand sprach, aber jeder hörte. Mit zittrigen Fingern knotete er ein Stück weiße Bettlaken an einen krummen Stock. Dann kroch er zum schmalen Ausgang, stieß vorsichtig die Tannenzweige zur Seite.

Draußen hatte sich ein Ring gebildet. Russen. Ein Dutzend. Vielleicht mehr. In Tarnjacken, mit Gewehren im Anschlag. Gesichter hart, unbewegt. Der Offizier stand in der Mitte, groß gewachsen, mit kantigem Gesicht. Seine Maschinenpistole war auf das Loch gerichtet.

Lontke steckte die weiße Fahne hinaus. Ein Windhauch erfasste das Tuch, ließ es kurz flattern. Dann trat er hinaus. Langsam, mit erhobenen Händen. Seine Knie gaben nach. Er kniete nieder, die Stirn gesenkt, das Gesicht grau.

Nacheinander krochen die anderen hinaus. Valli als nächste. Ihre Beine zitterten, ihr Kleid war verschlissen, voller Dreck und Harzflecken. Dann Emilie, aufrecht, mit unbeirrbarem Blick. Ihre Kinder folgten, die Hände in die Höhe gestreckt. Erika schluchzte lautlos, Ruth sah sich hektisch um. Hans presste die Lippen zusammen. Günter schwankte, seine kleinen Finger zitterten.

Die Soldaten warteten. Dann stieß einer mit dem Lauf seines Gewehrs Emilie zur Seite, drang in das Erdloch ein. Zwei weitere folgten. Minuten vergingen. Jeder Laut unter der Erde ließ die Kinder zusammenzucken. Metall klirrte, Holz knackte.

Währenddessen standen die anderen weiter in einer Reihe. Die Gewehre im Rücken. Der Wald schwieg.

Dann tauchte der erste Soldat wieder auf. Kopfschüttelnd. Keine Waffen. Keine deutschen Soldaten. Keine Uniform.

Oder doch?

Der Offizier trat vor. Er musterte die Gruppe lange. Sein Blick blieb an Günters Gesicht hängen. Der Ausschlag. Die eingefallenen Wangen. Das Kind schien kaum noch zu stehen.

Er sagte nichts. Niemand sagte etwas. Der Moment dehnte sich. Sekunden wurden zu Minuten. Die Luft wurde schwer.

Dann: Ein kurzes Nicken. Doch wofür? Schimon wagte kaum zu atmen. Fortsetzung folgt…

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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