Kalenderblatt

07.12.1932 – Die trügerische Stille, bevor Deutschland zerbrach

Wenn ich an diesen Mittwoch im Dezember 1932 denke, spüre ich fast körperlich die Kälte, die damals durch die undichten Fenster der Berliner Mietskasernen kroch. Es war nicht nur der Winterfrost, der die Menschen frösteln ließ; es war eine bleierne Müdigkeit, die sich über das ganze Land gelegt hatte. Die Straßen waren grau, die Tage erschreckend kurz, und überall herrschte das Gefühl, dass die junge Republik ihren Atem angehalten hatte. Während die Menschen Öfen am Laufen hielten und versuchten, mit dem Wenigen, das sie hatten, über die Runden zu kommen, spürte man instinktiv: Dies ist kein gewöhnlicher Dezember. Es war eine Zeit des Wartens, aber nicht auf Weihnachten, sondern auf einen Knall, von dem niemand wusste, aus welcher Richtung er kommen würde. Kurt von Schleicher, der neue Kanzler, versuchte verzweifelt, eine Regierung zu führen, die im Grunde schon gescheitert war, bevor sie begonnen hatte. Er stand auf verlorenem Posten, ein General ohne Armee in einem politischen Niemandsland.

Der Kampf um die Macht und ein ferner Jubel

Im Reichstag selbst herrschte an diesem Tag eine fast gespenstische Ruhe. Keine fliegenden Tintenfässer, keine Schlägereien – nur das leise Rascheln von Papier und gedämpfte Gespräche. Doch diese Stille war trügerisch, sie war bedrohlicher als jeder Lärm. Die Abgeordneten der NSDAP und der KPD hielten sich zurück, nicht aus plötzlicher Vernunft, sondern aus eiskalter Taktik. Beide Seiten belauerten sich, wohl wissend, dass die eigentliche Entscheidung längst nicht mehr im Plenarsaal fiel, sondern in den Hinterzimmern. Dort brodelte es nämlich gewaltig. Gregor Strasser, Hitlers mächtiger Rivale in der eigenen Partei, verhandelte heimlich, suchte Auswege, schmiedete Allianzen – ein Tanz auf dem Vulkan, den Hitler als Verrat brandmarkte. Genau an diesem 7. Dezember war die Luft zum Zerreißen gespannt; der Bruch war greifbar, auch wenn er erst einen Tag später offiziell werden sollte. Und während in Berlin die Demokratie am seidenen Faden hing, blickte ein Teil Europas nach London. Dort spielte das österreichische „Wunderteam“ gegen England, ein dramatisches 3:4, das für wenige Stunden die Sorgen verdrängte. Doch selbst dieser ferne Jubel konnte die Realität in Deutschland nicht übertönen; er war nur ein kurzes Aufatmen in einer Welt, die bereits den Atem anhielt.

Wenn das Schweigen lauter schreit als der Lärm

Der 7. Dezember 1932 ist für mich deshalb so ein wichtiges Datum, weil er uns zeigt, dass Geschichte nicht immer mit Pauken und Trompeten geschrieben wird. Oft sind es die leisen Tage, die unspektakulären Momente, in denen sich das Schicksal wendet. Es ist der Tag, an dem das Entscheidende im Verborgenen geschieht, in den nicht ausgesprochenen Worten und den Brüchen zwischen Menschen, die um Macht ringen. Wir neigen dazu, nur auf den Lärm zu achten, auf die Skandale und die Gewalt. Aber dieser Tag lehrt uns, dass die wirkliche Gefahr oft in der Stille lauert – in der Erschöpfung einer Gesellschaft, die keine Kraft mehr hat, für ihre Freiheit zu streiten. Aus heutiger Sicht ist es eine Mahnung, genau hinzuhören, wenn es im politischen Raum plötzlich still wird. Denn Umbrüche kündigen sich selten an; sie wachsen im Schatten, bis sie groß genug sind, um alles zu verdunkeln. Was löst diese Vorstellung bei Dir aus? Und wo erlebst Du heute Situationen, in denen Du das Gefühl hast, dass die Stille gefährlicher ist als der offene Streit? Ich freue mich auf Deine Gedanken dazu in den Kommentaren.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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