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20.01.1933 – „Es wird weiter gestützt“: Wenn der Weizenpreis fällt und der Staat einspringt

Ich blättere durch die Berliner Morgenpost vom 20. Januar 1933, und auf der Handels-Seite bleibt mein Blick an einer Überschrift hängen, die mit wenigen Worten den ganzen Frust benennt: „Es wird weiter gestützt“. Darunter steht „Vergeudete Getreide-Millionen“. Und in dem Moment war mir klar: Das ist nicht nur irgendeine Rand-Notiz. Das ist ein Blick in eine Zeit, in der Landwirtschaft, Politik und soziale Not ineinander verhakt sind – so fest, dass man unweigerlich anfängt, nach Parallelen zu heute zu suchen.

Der Text beschreibt die „Getreidestützung“, die schon seit Jahren über staatliche Stellen am Großmarkt läuft. Die Idee ist simpel: Wenn die Preise wegrutschen, wird Getreide dem Markt entzogen, damit der Absturz gebremst wird. Nur: Der Artikel macht ziemlich deutlich, dass daran niemand echte Freude hat.

Die Verbraucher zahlen am Ende mehr, weil Brotgetreide künstlich verteuert wird. Und die Bauern? Die haben davon oft auch nicht diesen „erlösenden“ Effekt, weil die Gesamtlage am Markt so kaputt ist, dass höhere Erzeugerpreise nicht automatisch bei ihnen ankommen. Genau diese Unzufriedenheit ist der Grundton des ganzen Artikels.

Dann kommen die Zahlen, und die sind hart: Für Roggen werden um die 150 Reichsmark je Tonne genannt, für Weizen etwa 185 Reichsmark – rund 30 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Also trotz Stützung ein spürbarer Rückgang.

Und die Begründung ist ebenfalls klar: gute Ernten, viel Ware, Überhänge. Aber der Artikel geht noch tiefer. Er sagt im Kern: Selbst wenn genug da ist, fehlt der Absatz, weil Arbeitslosigkeit und Krise auch den Brotverbrauch drücken. Das ist so ein Satz, der sitzt. Da merkt man: Hier geht es nicht um „Bauern gegen Verbraucher“, sondern um ein Land, das wirtschaftlich ausblutet.

20.01.1933 – „Es wird weiter gestützt“: Wenn der Weizenpreis fällt und der Staat einspringt

Warum das im Januar 1933 politisch so explosiv war

Wenn man sich die Zeitung als Ganzes anschaut, versteht man auch, warum so ein Weizenpreis-Thema damals kein Randthema war. Auf der Titelseite wird parallel über die Osthilfe und den Streit um Geld, Einfluss und Privilegien geschrieben. Landwirtschaft war in dieser Phase ein politisches Pulverfass: viele Betriebe verschuldet, viele Existenzen wackelig, und der Staat versucht mit Geld und Marktregeln irgendwie Ordnung zu halten.

Und genau da liegt die Sprengkraft: Stützung bedeutet nicht nur „Hilfe“, sondern auch Kosten. Der Artikel beschreibt das ziemlich nüchtern: Ware wird eingelagert, irgendwann kommt sie wieder zurück in den Markt, und am Ende stehen neue Millionen auf dem Zettel, die der Steuerzahler trägt. Das klingt wie ein technisches Problem, ist aber in Wahrheit ein Vertrauensproblem: Wer zahlt das, wer profitiert, und wie lange kann man das durchhalten?

Aktuell: Der Weizenpreis im freien Fall

Wenn ich das mit unserer Situation von heute vergleiche, sehe ich ein ähnliches Muster, aber mit anderen Voraussetzungen. 1933 wird vor allem der Preis gestützt, indem der Staat am Markt eingreift. Heute in der EU wird vielfach nicht der Preis „nach oben gedrückt“, sondern das Einkommen „unten abgesichert“. Und das ist genau der Punkt, der mich seit Monaten beschäftigt: Viele Landwirte könnten ohne Subventionen nicht überleben.

Die EU selbst sagt ganz offen, wie abhängig viele Betriebe von öffentlichen Zahlungen sind: Im EU-Durchschnitt lag der Anteil der Direktzahlungen am landwirtschaftlichen Einkommen (agricultural factor income) in den Jahren 2018 bis 2022 bei 23 Prozent, in einigen Ländern sogar deutlich darüber.
Für Deutschland gibt es Erhebungen, die ebenfalls zeigen, wie groß dieses Gewicht ist. Das Thünen-Institut beschreibt über mehrere Wirtschaftsjahre hinweg einen Anteil von ungefähr einem Drittel, je nach Betriebsform teils noch höher.

Und ja, auch preislich ist der Druck gerade real: Marktberichte aus Januar 2026 zeigen, dass Paris-Mahlweizen-Futures in dieser Phase eher schwach laufen bzw. nur mühsam hochkommen.

Was heute zusätzlich reinhaut, ist der internationale Wettbewerb und der ganze Handelskomplex rund um Getreide. Nach den Ausnahmeregeln seit 2022 wurden EU-Quoten auf ukrainischen Weizen und Gerste wieder eingeführt, weil der Preisdruck und die Unruhe unter EU-Bauern massiv waren.
Das ist so ein moderner Parallelfaktor, den es 1933 in dieser Form nicht gab: Damals war die Krise stark innengetrieben durch Deflation, Massenarbeitslosigkeit und wegbrechende Kaufkraft. Heute ist es ein Mix aus globaler Überversorgung, Exportkonkurrenz, Handelsströmen und gleichzeitig hohen Kosten für Betriebsmittel und Finanzierung. Und dann steht da der Landwirt dazwischen und fragt sich: Wovon soll ich eigentlich leben, wenn der Marktpreis nichts hergibt?

Am Ende sind es zwei Zeiten, in denen ein ähnlicher Satz über der Landwirtschaft steht: Der Markt regelt es nicht schnell genug, um Existenzen zu retten. Nur dass es 1933 vor allem um Lager, Aufkauf und Preisstützung ging – und 2026 um Direktzahlungen, Regeln, Auflagen und die stille Wahrheit, dass die Landwirtschaft ohne dieses System vielerorts nicht mehr stabil wäre.

Was glaubst Du: Sind Subventionen heute eher ein notwendiger Airbag, ohne den alles zerreißt, oder sind sie ein Zeichen dafür, dass wir seit Jahren an der falschen Stellschraube drehen? Schreib mir das bitte in die Kommentare, mich würde deine Meinung wirklich interessieren.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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