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20.02.1939 – Hakenkreuze im Herzen New Yorks: Der Tag, an dem der Hass den Madison Square Garden füllte

Es gibt Momente in der Geschichte, die sich wie ein dunkler Schatten über die Seele legen, wenn man sie heute betrachtet. Momente, in denen der Hass so laut und unverfroren auftrat, dass man kaum glauben mag, dass sie sich in einer Stadt ereigneten, die wir heute als Symbol der Freiheit kennen. Heute möchte ich mit euch über einen solchen Tag sprechen: den 20. Februar 1939. Ein Tag, an dem das Herz von New York, der Madison Square Garden, zum Schauplatz einer der verstörendsten Kundgebungen der modernen Geschichte wurde. Es war ein Montagabend, an dem das Gift des Nationalsozialismus versuchte, im Herzen der amerikanischen Demokratie Wurzeln zu schlagen.

Stellt euch vor, ihr geht durch die Straßen von Manhattan. Es ist ein kalter Abend, aber anstatt der üblichen Sportfans oder Theaterbesucher strömen Menschen in braunen Hemden mit Hakenkreuzbinden in die Arena. Über 20.000 Anhänger des Amerikadeutschen Bundes versammelten sich dort, um eine Ideologie zu feiern, die Europa bereits in den Abgrund riss. Was mich an diesem Ereignis besonders erschüttert, ist die perfide Inszenierung. Die Bühne war nicht etwa nur mit NS-Symbolik geschmückt; im Zentrum stand ein fast zehn Meter hohes Porträt von George Washington. Die Veranstalter versuchten, den Antisemitismus als „wahren Amerikanismus“ zu tarnen. Sie behaupteten ernsthaft, Washington sei der erste Faschist gewesen und verschmolzen Hakenkreuze mit US-Flaggen. Es ist diese bewusste Verdrehung von Werten, dieses Kapern von nationalen Symbolen für eine Ideologie der Unterdrückung, die mir heute noch eine Gänsehaut bereitet.

Reporter's Notebook: A look back at 1939 Nazi rally in New York City

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Die Reden an diesem Abend waren von einem Hass durchtränkt, der uns heute nur zu gut bekannt vorkommt. Fritz Kuhn, der Anführer des Bundes, wetterte gegen die „jüdisch kontrollierte Presse“ und verunglimpfte die Regierung von Franklin D. Roosevelt als „Rosenfeld-Regierung“. Inmitten dieses tosenden Meeres aus Hass geschah jedoch etwas, das mich tief bewegt. Ein 26-jähriger jüdischer Klempner aus Brooklyn, Isadore Greenbaum, hatte sich unter die Menge gemischt. Er konnte die Lügen nicht mehr ertragen. Als Kuhn auf dem Podium stand, stürmte Greenbaum die Bühne und rief: „Nieder mit Hitler!“ Er hatte keine Waffen, nur seine Stimme und seinen unbändigen Mut. Die Reaktion der „Ordnungshüter“ des Bundes war von brutaler Gewalt geprägt; sie schlugen ihn vor den Augen der jubelnden Menge zusammen und rissen ihm die Kleidung vom Leib. Die Polizei rettete ihn schließlich vor dem Schlimmsten, doch er wurde verhaftet, während die Hassprediger weitermachen durften.

Der Widerstand der Straße und die Stimme der Presse

Während drinnen der Hass regierte, bot sich draußen ein anderes Bild. Schätzungsweise 100.000 Gegendemonstranten versammelten sich, um gegen den Wahnsinn zu protestieren. Die New Yorker Polizei bot das größte Aufgebot ihrer bisherigen Geschichte auf, um Straßenschlachten zu verhindern. Am nächsten Tag reagierte die jüdische Presse mit einer Mischung aus Entsetzen und brennender Klarheit. Der jiddische Daily Forward feierte Greenbaum als Helden des Volkes, während einflussreiche Publikationen wie der American Hebrew davor warnten, dass die Maske des Patriotismus nur dazu diente, die Zerstörung der Demokratie vorzubereiten. Die jüdische Gemeinschaft erkannte sofort, dass diese Bilder als Propagandamaterial für Goebbels dienten, um der Welt zu zeigen: Selbst im jüdischen New York siegt unsere Idee.

Die unmittelbare Folge dieser Nacht war eine drastische Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen. Die jüdische Gemeinde erkannte, dass sie sich nicht mehr allein auf Zusicherungen verlassen konnte. Synagogen und Gemeindezentren evaluierten ihre Sicherheit, und es bildeten sich Gruppen zur physischen Selbstverteidigung. Junge Männer patrouillierten in den jüdischen Vierteln, um sicherzustellen, dass niemand schikaniert wurde. Der Geist von Isadore Greenbaum wurde zur Blaupause: Man wollte nicht mehr das Opfer sein, das schweigend zusieht. Auch politisch war es das Ende der Toleranz. Bürgermeister Fiorello LaGuardia nutzte die Empörung, um den Bund juristisch in die Mange zu nehmen, was schließlich zur Verhaftung Kuhns wegen Veruntreuung führte.

Ein Held über das Ereignis hinaus

Doch was wurde aus Isadore Greenbaum? Sein Weg ist für mich das stärkste Zeugnis gegen den Hass. Nach seiner Verurteilung zu einer kleinen Geldstrafe wegen „ungebührlichen Verhaltens“ verschwand er nicht in der Anonymität. Als die USA 1941 in den Krieg eintraten, zögerte er keine Sekunde und trat der U.S. Navy bei. Er kämpfte im Pazifik an vorderster Front. Der Mann, den die amerikanischen Nazis als „Untermenschen“ beschimpft hatten, riskierte sein Leben, um genau die Freiheit zu verteidigen, die es seinen Feinden ermöglicht hatte, ihre hässliche Fratze zu zeigen. Nach dem Krieg lebte er ein bescheidenes Leben als Fischer in Kalifornien und starb 1997. Er suchte nie das Rampenlicht, er tat einfach das, was getan werden musste.

Diese Geschichte erinnert uns daran, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist und dass der Mut eines Einzelnen Kreise ziehen kann, die ganze Generationen prägen. Isadore hat uns gezeigt, dass man nicht mächtig sein muss, um der Dunkelheit zu widerstehen. Man muss nur aufstehen, wenn alle anderen sitzen bleiben. Wenn wir heute auf diese Ereignisse blicken, müssen wir uns fragen: Sind wir heute wachsam genug, um die Masken des Hasses zu erkennen, bevor sie wieder eine Arena füllen?

Was löst diese Geschichte in euch aus? Haltet ihr den mutigen Einsatz von Einzelnen wie Isadore Greenbaum für entscheidend, oder glaubt ihr, dass solche Provokationen dem Hass nur noch mehr Aufmerksamkeit schenken? Glaubt ihr, wir können heute präventiv genug tun, oder braucht es immer erst einen solchen „Knall“, damit eine Gesellschaft aufwacht? Ich freue mich sehr auf eure Gedanken und eine tiefe Diskussion in den Kommentaren.

Euer Schimon

Bild: Kundgebung des Deutsch-Amerikanischen Bundes, New York, Madison Square Garden, Februar 1939; aus „Der Nazi-Streik“, 1943


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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