Kalenderblatt

23.02.1942 – Als die Struma in den Tod geschleppt wurde – Ein vergessenes Kapitel der Shoah

Am 23. Februar 1942 vollzog sich im Hafen von Istanbul ein diplomatisches und humanitäres Scheitern, das in einer der größten Katastrophen für jüdische Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs mündete. Nachdem das völlig fahruntaugliche Schiff Struma über zehn Wochen lang im Bosporus festgehalten worden war, erzwangen die türkischen Behörden an diesem Abend die Abschiebung der fast 800 Passagiere auf das offene Meer.

Der entscheidende Wendepunkt trat ein, als türkische Polizisten das Schiff gegen den massiven Widerstand der verzweifelten Menschen an Bord enterten. Die Struma, ein 75 Jahre alter ehemaliger Viehtransporter von nur 46 Metern Länge, verfügte zu diesem Zeitpunkt über keinen funktionierenden Motor und keinen Anker. Trotz der offensichtlichen Manövrierunfähigkeit wurde das Wrack von einem türkischen Schlepper erfasst und etwa zehn Meilen weit auf das Schwarze Meer hinausgezogen.

Dort kappten die Behörden die Schleppverbindung und überließen das Schiff mit seinen 791 Passagieren – darunter über 100 Kinder – ihrem Schicksal. Die Menschen trieben ohne Antrieb, ohne ausreichende Nahrungsvorräte und ohne Heizung in der winterlichen See. Vorausgegangen war ein monatelanges Tauziehen zwischen der Türkei, Großbritannien und Rumänien, bei dem keine Nation bereit war, die Flüchtlinge aufzunehmen oder ihnen die Durchreise nach Palästina zu gestatten.

Die Hintergründe des diplomatischen Versagens

Die Tragik des 23. Februars war das Resultat einer unnachgiebigen internationalen Politik. Großbritannien hielt strikt an seinem „Weißbuch“ von 1939 fest, das die jüdische Einwanderung nach Palästina begrenzte, um arabische Unruhen zu vermeiden. London weigerte sich bis zuletzt, den Passagieren der Struma Visa auszustellen, selbst für die Kinder an Bord wurde keine Ausnahme gemacht.

Die Türkei wiederum wollte unter keinen Umständen einen Präzedenzfall schaffen und sah sich als neutraler Staat nicht in der Pflicht, Flüchtlinge ohne gültige Anschlussvisa an Land zu lassen. Rumänien, das Land, aus dem die Menschen vor den Pogromen geflohen waren, verweigerte die Rücknahme des Schiffes. Diese politische Sackgasse führte direkt zu der Entscheidung, das Schiff am 23. Februar gewaltsam zu entfernen.

Die Vernichtung am Folgetag

Nur wenige Stunden nach der Abschiebung, in den frühen Morgenstunden des 24. Februar 1942, wurde die antriebslos treibende Struma von einer gewaltigen Explosion erschüttert. Das sowjetische U-Boot Shch-213 hatte das Schiff gesichtet und einen Torpedo abgefeuert. Aufgrund geheimgehaltener Befehle der sowjetischen Marine, jedes Schiff im Schwarzen Meer zu versenken, um deutsche Nachschubwege zu blockieren, wurde die Struma als Ziel identifiziert.

Das hölzerne Schiff sank innerhalb weniger Minuten. Von den fast 800 Menschen an Bord starben fast alle unmittelbar durch die Explosion oder infolge der extremen Kälte des Meerwassers. Nur ein einziger Passagier, der 19-jährige David Stoliar, konnte nach 24 Stunden im Wasser von türkischen Fischern lebend geborgen werden.

Dieser Tag markiert einen Tiefpunkt der Menschlichkeit, an dem politische Interessen über das Überleben Schutzsuchender gestellt wurden. Die Struma bleibt bis heute ein Symbol für die „geschlossenen Türen“ der Welt während der Shoah.

Wie beurteilt Ihr heute das Verhalten der beteiligten Nationen in diesem historischen Kontext? Glaubt Ihr, dass solche Katastrophen durch eine mutigere Diplomatie hätten verhindert werden können? Ich freue mich auf Eure sachlichen Kommentare unter diesem Beitrag.

Euer Schimon

Bild: Das Schiff Struma Quelle: IDF-Archiv


Entdecke mehr von Schimons Welt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

Kommentar verfassen