14.12.1932 – Ein General hofft, ein Diktator handelt
Es ist ein grauer, nasskalter Mittwoch in Berlin. In den Schaufenstern am Kurfürstendamm glitzert die Weihnachtsdekoration, doch davor stehen Menschen mit hochgeschlagenen Kragen und leeren Taschen. Es sind nur noch zehn Tage bis Heiligabend – ein „Weihnachten der Armut“ steht bevor. Die Stadt hält den Atem an, erschöpft von einem Jahr voller Wahlen, Straßenschlachten und Notverordnungen.
Wer heute in die Zeitungen blickt, könnte fast glauben, das Schlimmste sei überstanden. Aber der 14. Dezember ist ein Tag der optischen Täuschung.
Der General, der sich zu sicher ist In der Reichskanzlei herrscht fast so etwas wie Optimismus. Reichskanzler Kurt von Schleicher, der „soziale General“, fühlt sich an diesem Morgen stark. Erst vor drei Tagen haben ihm die Großmächte in Genf einen Triumph beschert: Die militärische Gleichberechtigung Deutschlands. Heute spielt er seine nächste Karte aus. Er will nicht als Diktator herrschen, sondern als Versöhner. Er lässt verkünden, dass die verhassten Lohnkürzungen seines Vorgängers Papen zurückgenommen werden. Sein Plan: Er will die Gewerkschaften gewinnen, eine „Querfront“ schmieden und die Nazis spalten. Schleicher glaubt, er habe die Zeit auf seiner Seite. Er glaubt, er habe Hitler ausmanövriert. Es ist der vielleicht größte Irrtum dieses Jahres.
Der Diktator, der die Reihen schließt Während der General hofft, schafft der Gegner Fakten. Wenige Straßen weiter, in der Parteizentrale der NSDAP, vollzieht sich heute, am 14. Dezember, der entscheidende Schritt zur totalen Kontrolle. Nach dem Machtkampf der letzten Tage ist der Rivale Gregor Strasser kaltgestellt. Adolf Hitler zementiert nun seine absolute Macht. Er installiert Robert Ley als neuen Organisationsleiter. Was bürokratisch klingt, ist fatal: Ab heute wird die Partei nicht mehr diskutieren, sie wird nur noch gehorchen. Hitler schmiedet den Apparat, der in wenigen Wochen den Staat übernehmen wird. Während die Republik versucht, demokratisch zu heilen, macht sich die Diktatur startklar.
Das Wanken der Welt Dass die Demokratie auf tönernen Füßen steht, zeigt am Nachmittag ein Blick nach Frankreich. Aus Paris kommt die Eilmeldung: Die Regierung Herriot ist gestürzt. Streit um Schulden, Chaos im Parlament. Der wichtigste Nachbar ist führungslos. Europa wankt.
Flucht ins Dunkel Und die Menschen? Sie suchen an diesem Abend Zuflucht in der Wärme der Kinosäle. „Der weiße Dämon“ mit dem blonden Publikumsliebling Hans Albers läuft an. Man will Helden sehen, man will Rettung – und sei es nur auf der Leinwand. Niemand ahnt an diesem Abend, dass der wirkliche Dämon nicht im Kino wartet, sondern bereits die Listen für die neue Zeit schreibt. Es sind noch genau 47 Tage bis zur Machtergreifung.
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