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24.01.1933 – Wenn der Hörsaal zum Schlachtfeld wird

In den Januartagen des Jahres 1933, nur eine Woche vor dem endgültigen Umbruch in Deutschland, spielten sich an der Universität Breslau Szenen ab, die uns heute als Mahnung dienen müssen. Ein Bericht der Vossischen Zeitung vom Dienstag, den 24. Januar 1933, zeichnet ein erschütterndes Bild von Hass und organisierter Gewalt gegen die Freiheit der Lehre.

Die Atmosphäre an den deutschen Universitäten war damals bis zum Zerreißen gespannt. Nationalsozialistische Studentenorganisationen hatten das Ziel, jüdische Gelehrte und demokratisch gesinnte Professoren systematisch zu vertreiben. Professor Ernst Cohn, ein anerkannter Jurist und Sozialdemokrat, stand im Fadenkreuz dieser Bewegung. Am Morgen des 24. Januar 1933 eskalierte die Situation: Schon beim Betreten der Universität wurden stürmische Kundgebungen laut. In den Korridoren und Hörsälen flogen Tränengas- und Stinkbomben, während in einer Telefonzelle sogar ein Kanonenschlag zur Explosion gebracht wurde.

Es war kein spontaner Protest, sondern ein geplanter Terrorakt. Die nationalsozialistischen Studenten hatten alle Vorbereitungen im Vorfeld getroffen. Besonders schockierend ist, dass sie dabei Unterstützung aus den eigenen Reihen der Professorenschaft erhielten. Der Strafrechtler Professor Wegner stellte seinen Hörsaal als „Reservestellung“ für die Randalierer zur Verfügung und legte sich sogar mit der herbeigerufenen Polizei an, um die Demonstranten zu schützen. Draußen vor dem Gebäude skandierten SA-Trupps antisemitische Schmährufe und sangen Kampflieder. Die Polizei musste das Gebäude schließlich räumen und drängte die etwa 200 Studenten nach draußen, wo es zu weiteren Festnahmen kam, nachdem Beamte mit Steinen beworfen worden waren.

Ein System im Zerfall

Der Blick in die Zeitung jenes Tages zeigt, dass dieser „Hitler-Krawall“ kein isoliertes Ereignis war, sondern in eine Zeit des totalen politischen und moralischen Zerfalls fiel. Direkt neben dem Bericht über Professor Cohn finden sich Meldungen über den massiven Korruptionsskandal der „Osthilfe“. Hier flossen Millionenbeträge an Steuergeldern in die Sanierung verschuldeter Großagrarier, während die parlamentarische Kontrolle systematisch „weginterpretiert“ wurde. Die Nationalsozialisten nutzten diese Stimmung der Instabilität und des Misstrauens gegen die Republik schamlos aus.

Gleichzeitig lesen wir von Telegrammen des „Stahlhelm“, die eine autoritäre Umgestaltung des Staates forderten, und von Berichten über Tränenbomben-Fabrikationen nationalsozialistischer Gruppen im Ausland. Es war eine Zeit, in der die Sprache der Gewalt die Vernunft bereits ersetzt hatte. Die Universitäten, die eigentlich Schutzräume des Geistes sein sollten, wurden zu Vorreitern dieser Verrohung. Dass Professoren wie Wegner die Polizei an ihrer Arbeit hinderten, zeigt den tiefen Riss, der bereits durch die staatlichen Institutionen ging.

Ein dunkler Spiegel der Gegenwart

Wenn ich diese Zeilen lese, spüre ich eine tiefe Beklemmung, denn die Mechanismen der Ausgrenzung kehren heute an unsere Universitäten zurück. Im Jahr 2024 hat sich die Zahl antisemitischer Vorfälle an deutschen Hochschulen im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Was damals als offener Antisemitismus begann, maskiert sich heute oft als radikale Israelfeindlichkeit, doch das Ergebnis für die Betroffenen bleibt dasselbe: Einschüchterung, Angst und der Ausschluss aus dem akademischen Leben. Wer heute solche Szenen liest, versteht, wie schnell eine Universität und auch unsere Gesellschaft „kippen“ kann: Nicht durch bessere Argumente, sondern durch Lautstärke und das stille Wegschauen der Verantwortlichen.

Wieder erleben wir, dass jüdische Studierende sich auf dem Campus nicht mehr sicher fühlen. Wieder hören wir von besetzten Hörsälen und Instituten, wie im Oktober 2024 an der Freien Universität Berlin, wo Räume verwüstet, Technik zerstört und Wände mit Parolen beschmiert wurden, die das Existenzrecht Israels leugnen. Etwa 80 % der jüdischen Studierenden weltweit geben mittlerweile an, ihre Identität auf dem Campus zu verbergen. Wenn Symbole wie das umgedrehte rote Dreieck dazu dienen, „Feinde“ zu markieren, dann ist das nicht einfach nur Protestkultur, sondern die Sprache der Einschüchterung, die den Geist jener Januartage von 1933 atmet.

Nie wieder ist jetzt

Der Fall von Professor Cohn zeigt uns, wie schnell die Zivilisation unter dem Druck von Gewalt und Intoleranz nachgeben kann. Er musste schließlich aus Deutschland fliehen, um sein Leben zu retten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Universitäten erneut zu Orten werden, an denen Herkunft oder Identität über das Recht auf Bildung und Sicherheit entscheiden. Es ist unsere Pflicht, laut zu werden, wenn jüdisches Leben an unseren Bildungsstätten bedroht wird. Die Geschichte lehrt uns: Wer bei der Vertreibung der Ersten schweigt, bereitet den Weg für den Untergang der Freiheit für alle.

Woran merkst Du heute, dass eine Debatte an der Uni kippt – und ab wann muss eine Hochschule nicht nur „moderieren“, sondern konsequent schützen und Grenzen setzen? Schreib mir das bitte in die Kommentare.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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