Kalenderblatt

31.01.1933 – Demokratie am Abgrund? Warum das „Zähmen“ von Extremisten schon 1933 krachend scheiterte

Ich habe heute einen Artikel gelesen, der bei mir diesen inneren Alarm ausgelöst hat, den ich inzwischen sehr ernst nehme. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst warnt vor den nächsten Landtagswahlen und zieht dabei eine direkte Linie zum Jahr 1933. Er tut das nicht als billigen Vergleich, sondern als Mahnung daran, wie schnell eine Demokratie verschwinden kann, wenn Antidemokraten erst einmal an den Schalthebeln sitzen.

Wüst sprach im Bundesrat anlässlich des Holocaust-Gedenkens und sagte sinngemäß: Die Idee, Extremisten würden sich „in der Verantwortung“ schon von selbst entzaubern, sei gefährlicher Unfug. Und dann folgt dieser eine Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Es sei nicht auszuschließen, dass ein Feind unserer Demokratie sogar zum Ministerpräsidenten gewählt wird.

Ich merke, wie mein Kopf sofort in zwei Richtungen arbeitet. In die Gegenwart, weil das hier konkret und unmittelbar ist – im März stehen die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an, im September folgen Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Und gleichzeitig zieht es mich zurück in jene Tage, deren Dokumente ich für mein Kalenderblatt fast täglich in der Hand halte. 1933 hängt für mich nicht als staubiger Mythos in der Luft; es begegnet mir in vergilbten Zeitungsseiten, in wuchtigen Überschriften und in einem ganz speziellen Tonfall. Es ist dieser Tonfall des „Ach, so schlimm wird’s schon nicht“, der damals wie heute vielleicht das gefährlichste Warnsignal überhaupt ist.

Der Test der Schamgrenzen

Wüst erinnert in seiner Rede auch an eine Äußerung von Alexander Gauland aus dem Jahr 2018: Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss“ in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Später wurde diese Aussage von ihm selbst als politisch unklug eingeordnet.

Ich will hier gar nicht über die schnelle Empörung sprechen. Empörung ist flüchtig. Was mich daran wirklich trifft, ist etwas anderes: In solchen Sätzen steckt eine Art Test. Nicht unbedingt ein Test für die, die ihn aussprechen – sondern für uns, die wir ihn hören. Wie reagiert eine Gesellschaft, wenn das Fundament der Erinnerung so schleichend relativiert wird? Wie viele zucken mit den Schultern? Wie viele sagen: „Ja, war halt ungeschickt formuliert“ oder „Man wird doch wohl noch sagen dürfen…“?

Genau dort beginnt das Problem. Die Gefahr beginnt nicht erst, wenn irgendwo Uniformen marschieren. Sie beginnt, wenn die Sprache die Schamgrenze verschiebt. Wenn das Unvorstellbare in eine flapsige Pointe gepackt wird – und nach dem Satz die Reaktionen ausbleiben. Stattdessen wird es für den nächsten Sprecher ein Stück leichter, noch einen nachzuschieben. Es ist diese schleichende Normalisierung, die den Boden bereitet. Vielleicht nicht zwingend für den einen großen Knall, aber für das langsame Wegbröckeln dessen, was wir eigentlich nie zur Disposition stellen dürften.

Die Macht ist niemals neutral

Wüsts Kernpunkt ist so simpel wie wahr: Macht ist nicht neutral. Macht ist nicht erst gefährlich, wenn sie „missbraucht“ wird. Macht in den Händen von Antidemokraten ist von Tag eins an brandgefährlich, weil sie genutzt werden kann, um Spielregeln zu verändern, Personal strategisch zu setzen und Institutionen von innen heraus umzubauen.

Dabei richtet er den Blick auf einen Bereich, den wir oft unterschätzen: die Länder. Polizei, Justiz, Verfassungsschutz, Bildung, Medienpolitik – das alles fällt in die Zuständigkeit der Länder. Es ist der Bereich, in dem der Staat sein Gewaltmonopol ganz konkret ausübt.

Wenn in diesen Behörden plötzlich Menschen entscheiden, die unsere freiheitliche Ordnung nicht als schützenswert, sondern als Hindernis behandeln, dann wird aus der Verwaltung ein Instrument. Die Frage ist dann nicht mehr theoretisch, sondern sehr praktisch: Wer führt die Polizei? Wer prägt die Lehrpläne unserer Kinder? Wer entscheidet über die Ernennung von Richtern? Wer sitzt an den Stellen, an denen täglich „Normalität“ hergestellt wird?

Genau an diesem Punkt wird die Hoffnung, Radikale würden sich „entzaubern“, lebensgefährlich. Sie klingt so, als wäre Zeit ein Verbündeter. Als wäre Macht etwas, das man gefahrlos „ausprobieren“ kann. Als wäre die Institution immer stärker als der Wille desjenigen, der sie in Besitz nimmt. Wüst sagt: Das ist gefährlicher Unfug. Und wenn ich in meine historischen Quellen blicke, verstehe ich sehr gut, warum er das so hart formuliert.

31. Januar 1933: Das Trugbild der Kontrolle

Für mein Kalenderblatt habe ich drei Zeitungen vom 31. Januar 1933 analysiert – dem Tag unmittelbar nach Hitlers Ernennung. Wenn man diese Seiten liest, ist das Erschreckende nicht nur das Wissen um das, was folgen sollte. Es ist die beklemmende „Normalität“, mit der sich der Umbruch für viele damals anfühlte.

Da ist zum Beispiel die Schlagzeile der Zeitung Der Tag: „Kabinett Hitler – Hugenberg – Seldte“. Das war kein bloßer Bericht, das war ein gezieltes Framing. Die Botschaft lautete: Keine Sorge, Hitler ist eingebunden, eingerahmt, kontrolliert. Die „Erfahrenen“, die Konservativen, hielten angeblich die Zügel fest in der Hand.

In der Täglichen Rundschau klingt das ähnlich, fast schon wie eine beruhigende Machtaufzählung: „Kabinett Hugenberg – Hitler – Papen“. Allein diese Reihenfolge sollte eine Geschichte der Kontrolle erzählen. Der Publizist Hans Zehrer wirkte in seiner Analyse oft messerscharf – und dennoch unterschätzte er fatal die Geschwindigkeit, mit der ihm die Realität davonlief. Das Gefühl, Hitler sei nun „eingekeilt“ und „gebunden“, wirkte wie ein Beruhigungsmittel auf das bürgerliche Lager.

Und dann blicke ich auf die Vossische Zeitung – liberal, sachlich – und lese: „Das Zentrum verhandelt“ und direkt darunter: „Hitler will ein Ermächtigungsgesetz“. Das ist der Moment, in dem es mir eiskalt den Rücken herunterläuft. Selbst in diesem Augenblick versucht ein Teil der demokratischen Mitte noch, das Unverhandelbare zu verhandeln. Man spricht über Bedingungen, über Verfahren, über formale Sicherungen – als könnte man einen Flächenbrand mit Paragraphen löschen.

Wenn Regeln überschrieben werden

Wer diese Berichte liest, spürt eine fatale ruhige Logik: Wir stellen Fragen, wir holen Zusagen ein, wir sichern uns ab. Doch genau darin liegt die Illusion. Denn sobald eine Bewegung ihre Macht nicht als Verantwortung gegenüber dem System, sondern als Beute begreift, sind Regeln kein Schutz mehr, sondern bloßes Material. Dann werden sie nicht einfach gebrochen – sie werden umgebaut.

Parallel dazu tobte bereits die Straße. Fackelzüge, Aufmärsche – eine Inszenierung „nationaler Wiedergeburt“, die sofort einen immensen Druck erzeugte. Während im Politbetrieb noch über Kommas in Paragraphen gerungen wurde, schuf die aufgeheizte Stimmung draußen bereits Fakten. Das ist es, was ich meine: 1933 wirkt auf dem Papier oft seltsam „geordnet“, aber zwischen den Zeilen lauert bereits diese neue Härte, dieses drohende „Jetzt sind wir dran“.

Wenn ich diese Stimmen nebeneinander lege, entsteht ein Bild, das mich nicht loslässt: Die einen jubeln, die anderen beschwichtigen. Die Mitte redet sich ein, dass die Regeln des Systems schon ausreichen werden. Es gab Warnungen, es gab kluge Köpfe, die klarer sahen – aber sie blieben oft vereinzelt, zersplittert in der Hoffnung, man könne das Ganze noch irgendwie austarieren.

Die tödliche Stille der Mehrheit

Das führt mich zu einem Punkt, den man ungern ausspricht, weil er so unbequem ist: Eine Demokratie braucht mehr als nur ein Regelwerk; sie braucht Menschen, die dieses Werk mit Leben und Haltung füllen. Damals wie heute ist das gefährlichste Element nicht allein der laute Extremismus. Es ist auch die „stille Masse“, die sich wegduckt, ins Private flüchtet und hofft, dass der Kelch an ihr vorübergeht. 1933 wurde nicht nur von Tätern gemacht – es wurde von zu vielen ermöglicht, die zu lange glaubten, es würde sie nicht betreffen.

Natürlich ist 2026 nicht 1933. Wir haben ein starkes Grundgesetz, unabhängige Gerichte und eine ganz andere Einbindung in die Welt. Und trotzdem ist das kein Freifahrtschein für Sorglosigkeit. Demokratie stirbt selten mit einem lauten Knall. Sie stirbt oft leise, mit einem Seufzer der Erleichterung, weil endlich „Ordnung“ versprochen wird. Sie stirbt mit einem Schulterzucken, wenn Institutionen verächtlich gemacht oder Richter als „Gegner“ markiert werden. Sie stirbt, wenn die falschen Leute an den entscheidenden Stellen sitzen – und zu viele von uns sagen: „Ach, wird schon nicht so schlimm werden.“

Ich schreibe das nicht, um Angst zu schüren. Ich schreibe es, weil ich diesen Mechanismus gerade jeden Tag im Kleinen studiere, während ich mich durch die Dokumente von 1933 arbeite. Und weil ich lerne: Die gefährlichsten Sätze sind die beruhigenden. „Die werden schon noch vernünftiger.“ „Die müssen sich doch an Regeln halten.“ „Die entzaubern sich von selbst.“

Manchmal ist „Entzaubern“ leider nur ein anderes Wort für Wegsehen.

Was ist Dein persönliches Warnsignal? In welchem Moment merkst Du: Hier wird gerade etwas normal gemacht, das niemals normal sein darf? Schreib mir Deine Gedanken dazu bitte in die Kommentare – ich lese sie wirklich alle und freue mich auf den Austausch mit Dir.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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