Beziehungsdynamik & Partnerschaft

Die unsichtbaren Fesseln der Herkunft: Wie du dich aus den Beziehungsmustern deiner Vorfahren befreist

Es ist eine der größten Illusionen des Menschseins zu glauben, wir würden als unbeschriebenes Blatt in eine Partnerschaft hineingehen. Wenn zwei Menschen beschließen, ihr Leben miteinander zu teilen, dann zieht in Wahrheit nicht nur dieses Paar in die gemeinsame Wohnung ein. Im unsichtbaren Gepäck reisen die Geister unserer Eltern, Großeltern und all der Generationen vor uns mit. Wir alle sind tief geprägt von den Vorbildern unserer Jugend, von den ungeschriebenen Gesetzen unseres Elternhauses und von den Systemen, die uns damals Halt oder Enge gaben. Als junger Mensch, als Teenager voller Träume und Ideale, nimmt man sich so oft fest vor, es einmal ganz anders, es viel besser zu machen als die Generation vor uns. Man sieht die Fehler der Eltern, die Härte, die Hierarchien oder das Schweigen und schwört sich selbst, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Doch die Gravitationskraft der Vergangenheit ist enorm hoch. Aus diesen tief sitzenden Strukturen auszubrechen, erfordert weit mehr als nur einen guten Vorsatz. Es ist eine lebenslange, oft schmerzhafte Arbeit an sich selbst, die uns erst im Rückblick erkennen lässt, wie viel Mut es eigentlich braucht, um sich die Freiheit zu verschaffen, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Der unbewusste Griff nach der Schablone

Wie subtil und mächtig diese alten Schablonen in unserem Alltag wirken, wird uns meistens erst dann bewusst, wenn wir bereits mitten in ihnen gefangen sind. In den ersten Jahren meiner eigenen Beziehung mit meiner Frau Dany bauten wir unser gemeinsames Lebenskonzept ganz automatisch auf den Fundamenten auf, die ich von meinen Eltern gelernt hatte. Bei meinen Eltern war das Finanzleben klar geregelt: Es gab ein einziges gemeinsames Geld, jede noch so kleine Anschaffung wurde miteinander abgesprochen, und mein Vater trug den physischen Geldbeutel in der Tasche. Wenn meine Mutter etwas benötigte, bat sie ihn darum, und beide waren in diesen traditionellen, hierarchischen Rollen absolut zufrieden und glücklich. Uns Kindern wurde dieses System so eins zu eins weitergegeben, es gab kein Taschengeld, sondern jede Bitte wurde vom Vater individuell entschieden. Als Dany und ich jung verheiratet waren, kopierten wir dieses Modell unhinterfragt. Wir hatten ein gemeinsames Konto und sprachen uns bei größeren Anschaffungen ab. Doch was in der Generation meiner Eltern wunderbar funktioniert hatte, entpuppte sich für uns als schleichendes Gift. Keiner von uns hatte in der Hektik des Alltags mehr den genauen Überblick, wo die finanziellen Prioritäten lagen oder was der andere gerade dringend brauchte, obwohl wir beide vollen Zugriff auf das Konto hatten.

Wenn aus Systemfehlern schmerzhafte Krisen werden

Das Aufbrechen solcher übernommenen Muster geschieht niemals über Nacht und selten in sanfter Harmonie. Wir mussten diese Lektion schmerzlich lernen, und das bedeutete konkret, dass uns mitten im Monat plötzlich das Geld ausging. In diesen Momenten der existenziellen Enge reagiert man als Paar genau so, wie man es eben nicht tun wollte: Es bricht Streit aus. Wenn das System versagt, sucht man instinktiv nach einem Sündenbock im Außen, man verhärtet sich und schiebt sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe, wer nun zu viel ausgegeben oder die Finanzen nicht im Blick hatte. Unsere Fronten waren in diesen Krisen oft verhärtet, und an eine lösungsorientierte Diskussion war im ersten Moment des Ärgers überhaupt nicht zu denken. Doch unsere große Rettung und die eigentliche Stärke unserer Partnerschaft war es, dass wir die Spannungen niemals einfach so im Raum stehen ließen. Wir haben uns geweigert, den Mantel des Schweigens über die Konflikte zu decken und im Tagesprogramm einfach so weiterzumachen, wie es viele andere Familien tun. Wenn sich der erste Sturm gelegt hatte, sind wir spazieren gegangen oder haben uns in aller Ruhe zusammengesetzt, um die Sache gemeinsam radikal ehrlich von allen Seiten zu analysieren. Wir haben geredet, zugehört und versucht, die nackten Emotionen im Griff zu behalten, um das eigentliche Problem zu verstehen.

Die süße Frucht der hart erkämpften Freiheit

Durch diese unzähligen, tiefen Gespräche erkannten wir, dass nicht der Partner der Feind war, sondern das kopierte System. Wir haben gemeinsam die Reißleine gezogen und uns eine völlig neue Struktur geschaffen, die zu uns passt: Heute verwalten wir getrennte Konten, jeder ist für sein Geld voll selbstverantwortlich und kann absolut frei darüber verfügen, ohne den anderen um Erlaubnis fragen zu müssen. Erst durch diesen bewussten Schritt haben wir eine Partnerschaft auf Augenhöhe und in echter Selbstverantwortung etabliert. Kürzlich sagte mir jemand im Gespräch über unsere große Familie, wie sehr es ihn zum Staunen bringt, wie konsequent ich aus den alten Strukturen herausgetreten bin und meinen ganz eigenen Weg gegangen bin. Dieser Moment hat mich tief bewegt, denn er hat mir vor Augen geführt, dass ich mir im Laufe meines Lebens eine unglaubliche Freiheit erarbeitet habe. Es ging dabei nicht nur um das Thema Geld. Es ging um den Ausbruch aus einem religiösen System, das mich als Teenager in tiefe Ängste gesperrt hatte, und um das Abschütteln enger gesellschaftlicher Regeln nach dem Motto, was denn die Nachbarn wohl sagen könnten. Es gibt keine perfekte Beziehung und man kann sich niemals vollkommen von seiner Vergangenheit reinigen, doch das Erkennen unserer Prägungen gibt uns die Macht, gezielt an den Punkten zu arbeiten, die wir verändern wollen. Ich bin heute unendlich stolz auf das, was ich durch die harte Arbeit an mir selbst erreicht habe, denn diese Freiheit ist das wertvollste Fundament, das ich meinen Kindern und Enkelkindern als neues Vorbild hinterlassen kann.

Mich interessiert Deine ganz persönliche Geschichte, denn der Austausch über unsere Wurzeln gibt uns allen die Kraft zur Veränderung. Welche ungeschriebenen Gesetze oder Beziehungsregeln aus Deinem Elternhaus hast Du unbewusst in Deine eigene Partnerschaft mitgenommen, und an welchen Punkten musstest Du schmerzhaft lernen, Deine eigenen Ketten zu sprengen? Schreib mir Deine Erfahrungen, Deine Kämpfe und Deine Erfolge unbedingt unten in die Kommentare – ich freue mich darauf, von Dir zu lesen und gemeinsam mit Dir darüber zu diskutieren.

Euer Schimon


Entdecke mehr von Schimons Welt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen