Beziehungsdynamik & Partnerschaft

Narben, Falten und die Angst vor Nähe: Mut zur eigenen Unvollkommenheit

Es gibt diesen flüchtigen Augenblick am Morgen, wenn man im Badezimmer vor dem Spiegel steht und das Licht der Deckenlampe unbarmherzig auf die Haut fällt. Für den Bruchteil einer Sekunde suche ich nach dem Mann, der ich mit dreißig war, und blicke stattdessen auf Falten um die Augen, auf eine Haut, die spürbar an Spannkraft verloren hat, und auf die Spuren von Jahrzehnten, die ihre Linien tief eingegraben haben. Wer behauptet, das gehe spurlos an ihm vorbei, belügt sich meistens selbst. Wir leben in einer Welt, die Jugendlichkeit beinahe wie eine moralische Pflicht behandelt, und irgendwann schleicht sich ganz leise der Zweifel ein, ob dieser Körper eigentlich noch liebenswert, noch begehrenswert ist.

Genau an diesem Punkt beginnt ein Rückzug, den die meisten Paare jahrelang verschweigen. Wir schieben es auf den Stress, auf die Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag oder auf die Zipperlein der Knochen, aber die eigentliche Wahrheit liegt viel tiefer. Wir schämen uns. Wir schämen uns dafür, dass der Bauch nicht mehr flach ist, dass die Leistungsfähigkeit nachlässt und dass unser Körper nicht mehr so funktioniert, wie wir es gewohnt waren. Und weil wir uns selbst im eigenen Spiegelbild unwohl fühlen, ziehen wir im Schlafzimmer unbewusst die Vorhänge zu. Nicht nur die aus Stoff, sondern die vor unserer Sexualität.

Beispielsweise zieht man sich im Schutz der Dunkelheit um, verweigert körperliche Annäherungen oder wendet sich im Bett ab, um zu verhindern, dass die Hand der Partnerin oder des Partners Bereiche berührt, die man am liebsten vor dem Blick der Welt verbergen möchte. Das Perfide daran ist, dass dieser Rückzug beim Gegenüber wie eine eiskalte Ablehnung ankommt. Der Partner spürt die Mauer, vermutet Desinteresse oder schwindende Zuneigung, während man in Wahrheit nur panische Angst davor hat, unvollkommen gesehen zu werden. Wir verwehren dem Menschen an unserer Seite die Nähe nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus dem falschen Glauben heraus, ihn vor unserem eigenen Verfall beschützen zu müssen.

Wahre Intimität lässt sich jedoch nicht auf einer Lüge aufbauen. Man kann sich dem anderen nicht wahrhaftig schenken, wenn man den eigenen Körper insgeheim ablehnt und ständig versucht, seine Schwachstellen zu verstecken. Jeder Versuch, die Vergänglichkeit zu überspielen, macht verkrampft. Das Vertrauen kehrt erst in dem Augenblick zurück, in dem wir aufhören, gegen unsere eigene Biologie Krieg zu führen. Dieser Körper hat Kinder getragen oder großgezogen, er hat schwere Lasten geschleppt, Krankheiten überstanden, Schmerzen ausgehalten und uns durch all die Stürme des Lebens getragen. Er verdient Respekt und Milde, keinen Ekel und keine Scham.

Wenn wir lernen, diesen Körper mit all seinen Narben, Dellen und Runzeln wohlwollend zu betrachten, fällt eine zentnerschwere Last von unseren Schultern. Erotik in der zweiten Lebenshälfte braucht keine glatten Titelbilder und keinen sportlichen Ehrgeiz mehr. Sie braucht zwei Menschen, die den Mut haben, das Licht anzulassen. Die den Blick des anderen aushalten und begreifen, dass echte Zärtlichkeit nicht an straffer Haut hängt, sondern an der Geborgenheit, so angenommen zu werden, wie man hier und heute ist.

Wie gehst Du mit den Veränderungen Deines eigenen Körpers um, und hast Du den Mut, Dich Deinem Partner auch dann ungeschminkt zu zeigen, wenn Du Dich selbst gerade nicht perfekt fühlst? Schreib mir Deine ehrlichen Gedanken und Erfahrungen dazu sehr gerne direkt unten in die Kommentare.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild / KI-generiert


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