
Der Nussbaum meiner Kindheit – und warum sein Verlust mich bis heute beschäftigt
Bäume begleiten uns oft ein Leben lang. Sie sind stumme Zeugen unserer Erinnerungen, bieten Schutz, spenden Schatten und stehen für Beständigkeit. Manche Bäume wachsen über Generationen hinweg, werden von Kindern beklettert, von Großeltern bewundert und von Wanderern als Ruheort genutzt. Doch was passiert, wenn ein Baum, der tief mit unserer Kindheit verbunden ist, plötzlich verschwindet? Ich möchte heute eine Geschichte erzählen, die mich bis heute beschäftigt – die Geschichte des Nussbaums meiner Kindheit.
Neben unserem Elternhaus stand ein riesiger Nussbaum. Er war nicht nur ein Baum, sondern ein Mittelpunkt unseres Alltags. Wer durch den Hof lief, ging direkt auf ihn zu. Seine starken Äste reichten weit über das Dach der Scheune, und seine Wurzeln waren tief im Boden verankert. Aber am beeindruckendsten waren seine Nüsse – groß, kräftig und mit einem unvergleichlichen Geschmack. Bis heute habe ich nie wieder solche Nüsse gefunden.
Für uns Kinder war dieser Baum ein echtes Paradies. Wir kletterten auf ihn, bauten kleine Rückzugsorte in seinen Ästen und träumten davon, ein Baumhaus zu errichten – ein Traum, der sich jedoch nie verwirklichte. Im Herbst bedeckte er den gesamten Hof mit einem dichten Teppich aus Blättern. Es war meine Aufgabe, sie zusammenzufegen, und obwohl es manchmal lästig war, gehörte es doch zu dieser besonderen Jahreszeit dazu.
Irgendwann, als ich ein Teenager war, kaufte mein Vater ein Wohnmobil. Damit er es sicher unterstellen konnte, wurde die Scheune als Stellplatz umgebaut – und der Nussbaum stand im Weg. Die Entscheidung war schnell getroffen: Der Baum musste weichen. Für uns Kinder war das ein Schock. Natürlich freuten wir uns über das Wohnmobil und die neuen Möglichkeiten, die es brachte, aber der Verlust des Baumes fühlte sich endgültig an. Ein Ort unserer Kindheit war für immer verschwunden. Heute, Jahre später, denke ich oft an diesen Moment zurück. War es wirklich notwendig, den Baum zu fällen? Hätte man eine andere Lösung finden können? Und wie oft gehen wir in unserem Leben leichtfertig mit solchen Entscheidungen um?
Was wir von Bäumen lernen können
Bäume stehen für Beständigkeit und Verwurzelung. Sie wachsen langsam, aber stetig und ziehen ihre Kraft aus dem Boden, in dem sie verankert sind. Auch wir Menschen brauchen Wurzeln – sei es durch Familie, Werte oder Erfahrungen – um im Leben Halt zu finden. Doch genauso wie Bäume nicht starr sind, sondern mit den Jahreszeiten leben, sollten auch wir lernen, uns anzupassen, ohne dabei unsere innere Stabilität zu verlieren.
Ein Baum kann sich im Wind biegen, ohne zu brechen. Er trotzt Stürmen und bleibt dennoch fest verwurzelt. Diese Fähigkeit erinnert uns daran, dass wir flexibel bleiben müssen, ohne unsere Überzeugungen aufzugeben. Das Leben bringt Veränderungen, und wer nicht bereit ist, sich anzupassen, wird irgendwann brechen.
Geduld ist eine weitere Lektion, die uns Bäume lehren. Ein Baum wächst nicht von heute auf morgen. Jeder Ast, jedes Blatt entwickelt sich mit der Zeit. In unserer schnelllebigen Welt, in der alles sofort verfügbar sein soll, zeigt uns die Natur, dass echte Fortschritte Geduld erfordern. Große Dinge entstehen nicht über Nacht, sondern durch stetige, beständige Entwicklung.
Loslassen gehört ebenso zum Kreislauf eines Baumes. Im Herbst wirft er seine Blätter ab, um im Frühling Platz für neue zu schaffen. Auch wir müssen manchmal Dinge loslassen, die uns nicht mehr guttun, um Raum für Neues zu schaffen. Veränderung ist kein Verlust, sondern Teil des Wachstums.
Bäume bieten Schutz und Fürsorge. Sie spenden Schatten an heißen Tagen, reinigen die Luft und bieten unzähligen Lebewesen ein Zuhause. Sie geben, ohne etwas zu verlangen. Vielleicht können auch wir lernen, großzügiger zu sein, anderen Schutz zu bieten, wenn sie ihn brauchen, und nicht immer nur den eigenen Vorteil im Blick zu haben.
Nachhaltigkeit und Verantwortung
Ein gefällter Baum wächst nicht über Nacht nach. Jede Entscheidung, die wir über die Natur treffen, hat langfristige Folgen. Der Verlust meines Nussbaums hat mich gelehrt, dass wir bewusster mit unserer Umwelt umgehen müssen. Nicht jeder Baum, der scheinbar im Weg steht, muss weichen. Manchmal lohnt es sich, nach Alternativen zu suchen und der Natur den Raum zu lassen, den sie verdient.
Mein Nussbaum existiert nur noch in meinen Erinnerungen, doch die Lektionen, die er mich gelehrt hat, begleiten mich bis heute. Vielleicht hast du auch einen Baum, der für dich eine besondere Bedeutung hat – einen Baum, unter dem du gesessen, gespielt oder nachgedacht hast. Vielleicht erinnerst du dich an einen Baum aus deiner Kindheit, den es heute nicht mehr gibt. Was hat er dir bedeutet? Was kannst du aus seiner Geschichte mitnehmen?
Bäume sind stille Begleiter unseres Lebens. Sie lehren uns Beständigkeit, Wachstum, Geduld und das Gleichgewicht zwischen Festhalten und Loslassen. Vielleicht sollten wir ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken und darüber nachdenken, wie wir unsere Welt so gestalten, dass wir nicht leichtfertig das zerstören, was uns ein Leben lang begleiten könnte.
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