Schimon

Ein offener Brief an unseren Außenminister Johann Wadephul

Hallo Johann Wadephul,

ich schreibe Dir diesen Brief nicht als politischer Analyst, sondern als Bürger, der gestern Abend vor dem Fernseher saß und eine tiefe, fast schmerzhafte Entfremdung gespürt hat. Ich habe Dich bei Maybrit Illner gesehen und ich muss Dir ehrlich sagen: Es hat mich tierisch aufgeregt.

Was ich sah, war ein deutscher Außenminister, der diplomatisch versiert um den heißen Brei herumredete, während die Welt um uns herum aus den Fugen gerät. Besonders Dein Auftritt bei der Sicherheitskonferenz in München brennt mir unter den Nägeln. Dass Du dort als einer der Ersten aufgestanden bist, um der Rede des US-Außenministers Rubio zu applaudieren, spricht für mich Bände. Es wirkte nicht wie die Geste eines Partners auf Augenhöhe, sondern wie die eines Schülers, der hofft, durch Fleißkärtchen die Gunst des Lehrers zu behalten.

Wir müssen die Dinge endlich beim Namen nennen: Die USA unter der aktuellen Führung und der MAGA-Bewegung sind für viele von uns zu einem Kaspertheater geworden, das man kaum noch ernst nehmen kann. Wenn wir heute an den 20. Februar 1939 zurückdenken, als Hakenkreuze den Madison Square Garden füllten, dann sehen wir, dass die Geschichte uns lehrt, wie gefährlich Isolationismus und autoritäre Tendenzen sind. Die heutige US-Regierung diktiert uns Europäern einen Weg vor, den wir so nicht gehen können und nicht gehen dürfen.

Friedrich Merz hat es in seiner Rede in München auf den Punkt gebracht. Er hat die Sprache der Macht gesprochen, die wir in Europa so dringend lernen müssen. Warum kannst Du das nicht? Warum vertreten unsere Diplomaten nicht das Gefühl der Bürger, die keine Lust mehr auf dieses „Schönreden“ haben?

Ich wünsche mir eine Außenpolitik, die erwachsen geworden ist. Eine Politik, die unseren sogenannten Verbündeten klar ins Gesicht sagt, wo die Grenzen unserer Gefolgschaft liegen. Wir brauchen keine diplomatischen Nebelkerzen mehr, sondern Rückgrat. Wir brauchen jemanden, der uns Bürger vertritt und nicht nur versucht, auf dem internationalen Parkett nicht anzuecken.

Zum Schluss habe ich eine Frage an Dich, Johann, die mich wirklich umtreibt: Glaubst Du ernsthaft, dass wir in Washington weniger Gehör finden oder gar „gemaßregelt“ werden, wenn wir endlich Kante zeigen? Wenn wir zum Beispiel die Begehrlichkeiten der USA auf Grönland oder die Zoll-Drohungen nicht weglächeln, sondern als das bezeichnen, was sie sind – ein Affront gegen unsere Souveränität? Ist Deine Diplomatie von der Sorge getrieben, dass Trump uns den Rücken kehrt, oder ist es die Angst vor der eigenen Courage, Europa endlich ohne fremde Vormundschaft zu führen?

Wenn wir in Europa wirklich auf eigenen Beinen stehen wollen, dann beginnt das mit einer Sprache, die die Wahrheit nicht hinter Floskeln versteckt. Ich wünsche mir von Dir diesen Mut zur Klarheit.

Dein Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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