Familiengeschichte

Episode 13: Die Stille trügt – Russen auf dem Weg zum Versteck

Schimon wollte Antworten finden. Er wollte wissen, ob er das Kästchen, also die Zeitreisen, mental beeinflussen konnte. War es möglich, den Ort, die Zeit und die Rückkehr zu bestimmen? Diese Ungewissheit nagte an ihm.

Er trank noch einmal einen kräftigen Schluck aus seiner Kaffeetasse und begann, sich zu konzentrieren. Er wollte wissen, wie es mit seiner Familie im Wald weiterging. Seine letzte Reise hatte ihn zu jener kalten Waldarbeiterhütte geführt, wo Herr Lontke, Emilie und die Kinder sich notdürftig eingerichtet hatten. Die Kälte, das Knistern des Ofens, die Angst – all das lag noch spürbar in seinem Inneren. Doch er wusste: Das war nicht das Ende ihrer Flucht gewesen. Irgendetwas musste danach geschehen sein. Eine Bewegung, ein Wechsel, vielleicht Gefahr. Die Soldaten hatten ja gesagt, dass sie hier nicht bleiben konnten. Vielleicht mussten sie fliehen. Vielleicht Hoffnung.

Doch bevor er die Tasten drückte, fiel ihm ein, dass er sich vielleicht besser vorbereiten sollte. Vielleicht sollte er etwas essen, um nicht hungrig die Reise in die Vergangenheit anzutreten. Er stand auf, ging in die Küche, holte Eier aus dem Kühlschrank, bereitete Rührei zu, setzte sich an den Esstisch und aß.

Die Geräusche aus der Küche, das leise Klappern der Pfanne, das rhythmische Rühren mit dem Holzlöffel – Dany wurde wach, verschlafen und verwirrt, trat sie in die Küche.

„Was machst du denn so früh hier? Und seit wann frühstückst du schon so früh? Stimmt etwas nicht mit dir?“

Schimon zögerte. Die Wahrheit lag ihm auf der Zunge. Doch wie sollte er ihr erklären, dass er kurz davor war, sich durch ein altes Holzkästchen erneut in die Vergangenheit zu versetzen? Dass er seine Familie im Winter 1945 suchte, irgendwo tief im Wald?

„Ich hatte einfach Hunger“, sagte er leise.

Dany sah ihn einen Moment lang prüfend an, nickte dann langsam und verschwand wieder ins Schlafzimmer.

Nachdem er den Tisch saufgeräumt und seinen Teller und die Pfanne gespült hatte, kehrte Schimon an seinen Schreibtisch zurück. Das Kästchen stand da, ruhig, fast gleichgültig, und doch voller Geschichten. Er atmete tief ein. Dann legte er seine Hände darauf.

Dieses Mal wollte er es versuchen. Er wollte gezielt zurückkehren, an denselben Ort. Er stellte sich die Hütte vor, den Geruch des brennenden Holzes, das Flackern des Lichts auf den Gesichtern der Kinder. Und dann versuchte er, weiterzudenken – über den Moment hinaus. Was war geschehen, als sie die Hütte verließen? Wo waren sie hin? Wie hatten sie überlebt?

Er drückte die Tasten. Wieder dieses Geräusch – das Vibrieren, das anschwellende Summen, das laute Geräusch, das sich ins Mark schnitt. Dunkelheit. Und dann: Kälte.

Er stand im Schnee. Der Wald war still. Keine Spuren, keine Stimmen. Die Hütte war verschwunden. Nichts erinnerte an die letzte Reise, außer dem vertrauten Gefühl, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Dann bemerkte er etwas. In der Ferne, kaum wahrnehmbar, stieg eine dünne Rauchsäule zwischen den Bäumen auf. Kein Kamin, kein Haus. Nur Rauch, der sich in der frostigen Luft verlor.

Schimon zog seine Jacke enger und ging los. Schritt für Schritt. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen, der Atem stand ihm vor dem Gesicht. Mit jedem Schritt wuchs seine Unruhe – und seine Gewissheit. Er war seiner Familiengeschichte auf der Spur.

Schimon blieb abrupt stehen. Vor ihm erhob sich ein niedriger, mit frischem Schnee bedeckter Hügel, der sich kaum vom übrigen Waldboden abhob. Doch etwas stimmte nicht mit dieser unscheinbaren Erhebung. Als er genauer hinsah, erkannte er zwischen den beschneiten Tannenästen eine unregelmäßige Vertiefung – ein Eingang, notdürftig getarnt, mit Fichtenzweigen bedeckt. Es war ein Erdloch. Die Struktur war einfach, aber durchdacht: Rundhölzer bildeten eine Art Dachkonstruktion, darüber lagen dicke Erdschichten, die mit Zweigen von jungen Tannen bedeckt waren – wohl zur Isolation, aber auch, um sich dem Blick aus der Luft zu entziehen.

Ein schmaler, schwarzer Schornstein ragte aus dem Hügel. Aus ihm stieg dünner Rauch in die frostige Winterluft, vermischte sich mit den schneebestäubten Ästen und verlor sich geräuschlos im Himmel. Der Geruch von verbranntem Holz, vermengt mit etwas Essbarem, lag in der Luft. Kartoffeln vielleicht?

Schimon trat vorsichtig näher, jeder Schritt im Schnee knirschte laut in der Stille des Waldes. Dann hörte er Stimmen – gedämpft, vertraut, menschlich. Er beugte sich ein wenig und blickte in den schmalen Zugang des Erdverstecks. Innen war es spartanisch, aber warm. Ein eiserner Ofen – der gleiche wie in der Waldarbeiterhütte – stand in der Ecke, darauf ein dampfender Topf. Emilie bückte sich gerade, um etwas aufzuheben. Herr Lontke richtete Holzscheite am Rand der Feuerstelle. Seine Frau breitete Decken aus. Die Kinder sortierten alte Blechschüsseln und schoben Bündel zur Seite. Sie waren dabei, Ordnung zu schaffen, sich einzurichten, ein wenig Alltag zu retten inmitten des Ausnahmezustands.

Ein Moment des Friedens.

Dann – ein Geräusch. Knackende Äste. Mehrere. Schwere Schritte im Schnee. Schimon fror. Er wirbelte herum und sah zwischen den Stämmen erste Umrisse: Männer in dicken Mänteln, Gewehre auf den Schultern, Pelzmützen. Russen. Dutzende. Langsam, aber zielgerichtet näherten sie sich dem Hügel.

Panik schoss in Schimon hoch. Er wollte sie warnen, wollte rufen, schreien, sie zum Schweigen bringen, sie in Sicherheit wissen – aber seine Stimme verhallte. Er war da – und doch nicht. Seine Familie konnte ihn nicht hören. Nicht sehen. Nur der Wind trug seine stumme Verzweiflung durch die verschneiten Bäume. Fortsetzung folgt…

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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