Tagesimpuls: Loslassen lernen – Warum wir erwachsenen Kindern ihren eigenen Weg zutrauen müssen
Du genießt den Feierabend, das Telefon klingelt oder dein erwachsenes Kind erzählt dir zwischen Tür und Angel von einem Plan, bei dem sich dir innerlich sofort die Nackenhaare aufstellen. Ein neuer Job hunderte Kilometer entfernt, eine Partnerschaft, die du skeptisch beäugst, oder die Kündigung einer sicheren Stelle für eine wacklige Idee. Dein erster Reflex? Einmischen. Eine ungefragte Warnung hinterherschieben. Oder dieser subtile, schwere Seufzer, der dem anderen sofort signalisiert: Wenn du das tust, machst du mir schlaflose Nächte.
In den allermeisten Fällen entspringt unser Handeln einer guten Absicht: Wir möchten schützen, vor Fehltritten bewahren und Steiniges aus dem Weg räumen – jene Pfade glätten, auf denen wir selbst manch schmerzhafte Erfahrung sammeln mussten. Aber seien wir einmal ehrlich: Oft geht es dabei gar nicht um das Wohl unserer Kinder, sondern um unsere eigene Angst vor dem Kontrollverlust. Wir verpacken unsere Bedenken in vermeintlich wohlmeinende Ratschläge, bürden ihnen damit aber in Wahrheit ein bleischweres schlechtes Gewissen auf. Das Kind spürt sofort die emotionale Erpressung, die dahintersteckt: Entweder ich lebe mein eigenes Leben, oder ich mache meine Eltern zufrieden. Ein absolut unfairer Spagat, der Beziehungen zermürbt.
An einem bestimmten Punkt wandelt sich die elterliche Rolle: Es geht nicht mehr darum, den Weg vorzugeben, sondern sich bewusst zurückzunehmen. Loslassen bedeutet keineswegs Gleichgültigkeit oder Distanzierung, sondern erfordert den aufrichtigen Respekt vor dem eigenständigen Lebensweg des Kindes. Unsere Kinder haben das uneingeschränkte Recht, ihre eigenen Fehler zu machen, gegen die Wand zu fahren und aus eigener Kraft wieder aufzustehen – ganz genau so, wie wir es damals tun mussten. Unsere Meinung darf kein emotionaler Bremsklotz sein, der sie an der Startlinie festhält.
Fang heute im Kleinen an: Wenn dir dein Kind oder dein Partner das nächste Mal von einer Entscheidung erzählt, schluck den ersten reflexartigen Einwand einfach herunter. Frag stattdessen nur ehrlich interessiert: Wie fühlst du dich selbst damit? Selbst wenn es dich Überwindung kostet, diesen Satz ohne ein belehrendes Aber stehen zu lassen.
Wie schwer fällt dir das Loslassen bei deinen eigenen Kindern oder in der Familie? Beißt du dir manchmal rechtzeitig auf die Zunge oder bricht die elterliche Sorge doch wieder ungefragt hervor? Schreib mir deine ehrlichen Gedanken dazu direkt unten in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch mit dir!
Euer Schimon
Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet
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