Ein Glas Rotwein, ein trojanisches Pferd und die verlorene Freiheit auf dem Teller
Es sind diese scheinbar friedlichen Momente, in denen einen die Realität manchmal am kältesten erwischt. Ich sitze hier gerade entspannt an meinem Schreibtisch, die Welt draußen ist dunkel und ruhig, und vor mir steht ein gutes Glas Rotwein. Neben mir liegt eine angebrochene Packung Salzkekse, von denen ich immer wieder einen knabbere, fast gedankenverloren. Eigentlich ein schönes Bild, oder? Doch der Frieden trügt, denn während ich hier sitze, liegt eine Pressemeldung in meinem digitalen Briefkasten, die mir den Geschmack dieser eigentlich harmlosen Kekse gehörig verdirbt. Ich habe mir die Packung genauer angesehen. Vorne drauf wird mit handwerklicher Tradition geworben, „im Ofen gebacken“ steht da in schwungvollen Lettern. Hinten erfahre ich, dass 100 Gramm davon 503 Kalorien haben – eine Zahl, die ich noch verstehe. Doch darunter beginnt das fast unleserliche Labyrinth der Zutatenliste. Die Schrift ist so winzig, dass man fast eine Lupe braucht, und ich frage mich unwillkürlich, ob das Absicht ist. Es wird uns Verbrauchern ohnehin schon so schwer gemacht, wirklich zu verstehen, was wir Tag für Tag in uns hineinstopfen. Und genau in diesen Moment des Zweifelns platzt die Nachricht aus Brüssel/Mainz, die meine Sorge um unser Essen auf eine ganz neue, beängstigende Ebene hebt.
Die unsichtbare Gefahr im Kleingedruckten
Seit ein paar Tagen beschäftigt mich diese Meldung von Bioland zum Thema Gentechnik, und sie lässt mich einfach nicht mehr los. In der Nacht zum vergangenen Dienstag haben sich die EU-Partner informell darauf geeinigt, das Gentechnikrecht weitgehend aufzuweichen. Jan Plagge, der Präsident von Bioland, nennt es ein „trojanisches Pferd“, und je länger ich darüber nachdenke, desto treffender und gruseliger finde ich dieses Bild. Wir kennen die Geschichte: Außen glänzt das hölzerne Pferd, es sieht aus wie ein Geschenk, ein Versprechen. In diesem Fall steht auf dem Bauch des Pferdes „Nachhaltigkeit“, „Klimaschutz“ und „Fortschritt“. Uns wird erzählt, wir bräuchten diese neuen Technologien, um die Welt zu retten. Doch was steckt im Inneren? Was holen wir uns da in unsere Festung Europa, in unsere Landwirtschaft und letztlich auf meinen Schreibtisch, in meine Kekpackung? Es ist die völlige Intransparenz. Wenn dieser Beschluss Wirklichkeit wird, müssen Firmen nicht mehr klar kennzeichnen, wenn ihre Produkte Gen-manipulierte Inhaltsstoffe aus den neuen Verfahren enthalten. Die Zutatenliste, die ich eben schon kaum entziffern konnte, wird dann endgültig zu einem Schweigegelübde der Industrie. Ich frage mich ernsthaft, warum der Gesetzgeber sich hier nicht schützend vor uns stellt. Warum wird das Recht der Konzerne auf Geheimhaltung höher bewertet als mein Recht zu wissen, was ich esse?
Wenn wir die Kontrolle über unser Essen verlieren
Es geht hierbei nicht nur um ein bisschen DNA im Keks, es geht um das große Ganze, um unsere Souveränität. Der Vergleich mit dem trojanischen Pferd ist deshalb so stark, weil er eine feindliche Übernahme beschreibt, die wir selbst hereinbitten. Wir haben in Europa in den letzten Jahren schmerzhaft gelernt, was es bedeutet, sich in Abhängigkeiten zu begeben – sei es bei der Technologie oder ganz akut bei der Energieversorgung. Wir haben uns geschworen, nie wieder so naiv zu sein. Und doch stehen wir kurz davor, genau denselben Fehler bei unserem kostbarsten Gut zu machen: unseren Lebensmitteln. Wenn wir zulassen, dass große Konzerne durch Patente auf Saatgut die Kontrolle über das übernehmen, was auf unseren Feldern wächst, geben wir den Schlüssel zu unserer Ernährung ab. Einmal etabliert, bekommen wir diese Macht nie wieder zurück. Es ist eine schleichende Enteignung der Landwirte und eine Entmündigung von uns Bürgern. Die Wahlfreiheit, die uns so heilig ist, wird zur Illusion, wenn wir gar nicht mehr erkennen können, wo Gentechnik drinsteckt und wo nicht. Wir kaufen dann die Katze im Sack, oder eben das trojanische Pferd im Supermarktregal, und finanzieren mit jedem Einkauf ein System, das wir vielleicht gar nicht wollen.
Ein Appell an unsere Naivität und unseren Widerstand
Vielleicht liegt es am Rotwein, der mich heute Abend etwas melancholisch stimmt, aber ich empfinde eine tiefe Sorge darüber, wie leichtfertig hier europäische Grundwerte geopfert werden sollen. Die Versprechungen der Industrie sind vage, die Risiken hingegen sehr real. Wir wissen kaum etwas über die Langzeitfolgen dieser neuen Technologien, aber wir sollen blind vertrauen. Bioland ruft dazu auf, diesem Ausverkauf unserer Werte ein Stoppschild entgegenzuhalten, und ich möchte mich diesem Ruf anschließen. Noch ist das Gesetz nicht final in Stein gemeißelt, noch gibt es die Chance, den Entwurf im Frühjahr 2026 zu stoppen. Wir dürfen uns nicht von glänzenden Fassaden blenden lassen. Es liegt an uns, laut zu werden und zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Ich möchte auch in Zukunft meine Kekse essen können, ohne Angst haben zu müssen, Teil eines riesigen Laborexperiments zu sein. Ich möchte Zutatenlisten, die mir die Wahrheit sagen, und Politiker, die meine Gesundheit wichtiger nehmen als die Bilanzen der Agrarkonzerne.
Wie seht Ihr das? Fühlt Ihr Euch gut informiert über das, was in Eurem Essen steckt, oder macht Euch diese Entwicklung genauso wütend und besorgt wie mich? Schreibt mir Eure Meinung unbedingt unten in die Kommentare, denn wir müssen jetzt darüber reden, bevor es zu spät ist.
Euer Schimon
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