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08.03.1968 – Wie Polen seine jüdischen Bürger ausgrenzte

Der 8. März ist heute in vielen Ländern der Welt als Internationaler Frauentag bekannt. Für viele ist er ein Tag, an dem über Rechte, Würde und gesellschaftlichen Fortschritt gesprochen wird. Doch dieses Datum trägt noch eine andere Erinnerung in sich. Für viele polnische Juden steht der 8. März 1968 für den Moment, in dem etwas offen ausbrach, das sich vorher schon aufgebaut hatte: Misstrauen, Hetze, politische Instrumentalisierung und am Ende die systematische Ausgrenzung von Menschen, die längst Teil dieses Landes waren. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf diesen Tag. Denn geschichtsträchtige Ereignisse beginnen oft nicht mit einem einzigen Knall. Sie bauen sich nach und nach auf. Sie werden in Worten vorbereitet, in Verdächtigungen, in Erzählungen über angebliche Feinde. Und irgendwann keimt der Same, der schon lange ausgesät wurde.

Schon nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 hatte das kommunistische Regime in Polen begonnen, eine gefährliche Sprache in Umlauf zu bringen. Unter Władysław Gomułka wurde von einer angeblichen „fünften Kolonne“ gesprochen. Gemeint waren damit Menschen jüdischer Herkunft, denen man plötzlich unterstellte, sie seien dem eigenen Staat gegenüber nicht wirklich loyal. Der Begriff „Zionist“ diente dabei als politische Tarnung. Nach außen sollte es wie eine ideologische Auseinandersetzung wirken, tatsächlich wurde mit diesem Wort sehr oft schlicht „Jude“ gemeint. Das ist wichtig zu verstehen, weil genau darin der Mechanismus lag: Antisemitismus wurde nicht immer offen beim Namen genannt, sondern hinter politischen Schlagworten versteckt. So konnte man Menschen ausgrenzen und sich zugleich den Anschein geben, man handle nur gegen eine politische Richtung.

Hinzu kamen Machtkämpfe innerhalb der Partei, wirtschaftliche Spannungen und eine wachsende Nervosität in der Gesellschaft. Das Regime brauchte einen Sündenbock. Und wie so oft in der Geschichte traf es eine Minderheit, die sich nicht ausreichend wehren konnte. Die Presse und der Rundfunk halfen mit. Es wurde das Bild verbreitet, Juden seien Fremdkörper in der Nation, innerlich nicht wirklich Polen, Menschen mit doppelter Loyalität, verdächtig, unzuverlässig, gefährlich. Genau so beginnt Ausgrenzung. Nicht sofort mit Deportationszügen oder mit offenen Pogromen. Sondern erst einmal mit Worten. Mit dem Gift, das sich in die Öffentlichkeit frisst, bis viele anfangen, diese Sprache für normal zu halten.

Am 8. März 1968 entlud sich diese Stimmung an der Universität Warschau. Dort versammelten sich Studenten im Hof der Universität, um gegen Repression, Zensur und die Verweisung ihrer Kommilitonen Adam Michnik und Henryk Szlajfer zu protestieren. Es ging um Freiheit des Denkens, um das Recht auf Widerspruch, um die Ablehnung eines Staates, der junge Menschen zum Schweigen bringen wollte. Was dann geschah, zeigte mit brutaler Klarheit, wie wenig das Regime bereit war, auch nur den kleinsten offenen Protest zu dulden. Polizei und sogenannte Arbeiteraktivisten griffen die Demonstranten an, schlugen auf sie ein und zerschlugen die Versammlung mit Gewalt. Aus einem Studentenprotest wurde in kurzer Zeit ein landesweiter politischer Schock.

In den Tagen danach weitete sich die Kampagne aus. Jetzt ging es längst nicht mehr nur um die Studenten. Nun traf es Menschen jüdischer Herkunft in Verwaltung, Wissenschaft, Kultur und Medien. Professoren verloren ihre Stellen, Beamte wurden entlassen, Karrieren zerstört, Familien unter Druck gesetzt. Viele Menschen mussten erleben, dass ein Staat, in dem sie geboren waren und gelebt hatten, sie plötzlich so behandelte, als gehörten sie nie wirklich dazu. Das ist vielleicht das Bitterste an dieser Geschichte: nicht nur die Gewalt selbst, sondern die kalte Botschaft dahinter. Ihr seid hier nicht mehr erwünscht. Ihr seid nicht mehr Teil von uns.

Bis 1971 verließen rund 13.000 bis 15.000 Juden Polen. Viele mussten ihre Heimat mit einem besonderen Reisedokument verlassen, das ihnen zwar die Ausreise erlaubte, aber keine wirkliche Rückkehr. Sie verloren nicht nur Häuser, Arbeit und soziale Bindungen. Viele verloren auch das Gefühl, irgendwo selbstverständlich dazuzugehören. Polen wiederum verlor einen Teil seiner Intelligenz, seiner Erfahrung, seiner kulturellen Tiefe und seiner jüdischen Geschichte. Diese Menschen verschwanden nicht einfach aus Statistiken. Mit ihnen verschwanden Biografien, Erinnerungen, Stimmen, Familiengeschichten. Ein Land machte sich selbst ärmer, weil seine Führung politische Schwäche in Hass verwandelte.

Gerade deshalb ist der 8. März 1968 mehr als ein polnisches Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Dieser Tag zeigt, wie schnell ein Staat Begriffe wie Sicherheit, Ordnung und Loyalität missbrauchen kann, um eine Minderheit auszugrenzen. Er zeigt, wie Propaganda funktioniert, wenn sie Menschen nicht direkt angreift, sondern sie erst sprachlich markiert, verdächtig macht und aus dem inneren Kreis der Gesellschaft hinausschiebt. Und er zeigt, dass solche Prozesse nicht irgendwann in ferner Vergangenheit passiert sind, sondern mitten in Europa, lange nach dem Holocaust, in einem Land, das selbst unfassbares Leid erlebt hatte.

Wer heute auf politische Krisen blickt, sollte genau dort hellhörig werden, wo wieder von angeblich illoyalen Gruppen gesprochen wird, wo Menschen nicht mehr als Bürger gesehen werden, sondern als Problem, als Gefahr, als Störfaktor. Es beginnt fast immer mit einer Erzählung. Mit Schlagworten. Mit dem Versuch, Verantwortung nach unten oder zur Seite abzuschieben, statt die eigene Krise ehrlich zu benennen. Der 8. März 1968 erinnert daran, wie zerstörerisch das werden kann.

Was denkst Du über diese Form der Instrumentalisierung von Minderheiten in politischen Krisenzeiten und wie können wir solche Entwicklungen heute frühzeitig erkennen? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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