Warum du deine besten Talente versteckst und wie du endlich aufhörst, das Leben anderer zu leben
Du hast doch zwei linke Hände. Aus dir wird nie ein Studierter. Stell dich nicht so in den Mittelpunkt, du kannst doch gar keine Rede halten. Fast jeder von uns trägt solche Sätze wie unsichtbares Gepäck mit sich herum. Es sind Urteile, die irgendwann in unserer Kindheit gefällt wurden. Oft beiläufig ausgesprochen von Eltern, Lehrern oder anderen Erwachsenen, die es vielleicht gar nicht böse meinten. Doch für ein Kind sind solche Worte keine flüchtigen Meinungen. Sie werden zu Gesetzen. Was mich in meiner Arbeit als Coach immer wieder erschüttert, ist die Haltbarkeit dieser Lebenslügen. Ich sitze Menschen gegenüber, die vierzig, fünfzig oder sechzig Jahre alt sind und diese alten Etiketten noch immer ungeprüft als ihre eigene Wahrheit verkaufen. Sie kennen sich selbst kaum. Sie kratzen ein Leben lang nur an der Oberfläche ihres eigenen Ichs und wundern sich, warum sie sich innerlich oft so leer und fremdbestimmt fühlen.
Warum gehen so wenige Menschen auf die Reise zu sich selbst? Die ehrliche Antwort darauf tut ein wenig weh. Es liegt selten an mangelnder Intelligenz. Es ist meistens reine Bequemlichkeit, gepaart mit Angst. Die Oberfläche ist ein verdammt sicherer Ort. Wer sich einredet, für Technik, Führung oder Kreativität schlicht nicht begabt zu sein, hat eine wunderbare Ausrede für den Rest seines Lebens. Wenn ich etwas von Natur aus nicht kann, muss ich es auch nicht versuchen. Ich kann mich nicht blamieren. Ich kann nicht scheitern. Ein fertiges, kleines Selbstbild spart enorm viel Energie. Würde man mit fünfzig Jahren plötzlich feststellen, dass man eigentlich das Zeug zu viel mehr gehabt hätte, müsste man sich einer schrecklichen Frage stellen: Warum habe ich dann dreißig Jahre lang geschwiegen und ausgeharrt? Diesem Schmerz über ungelebtes Leben weichen viele lieber aus. Hinzu kommt eine unbewusste Treue zu unserer Herkunft. Wer ausbricht und plötzlich Talente lebt, die in der eigenen Familie nie vorgesehen waren, fühlt sich oft wie ein Verräter. Also bleiben wir lieber klein, um dazuzugehören.
Wenn uns das Träumen abtrainiert wurde
Dieses Verharren hat eine fatale Folge. Wir verlernen das Wünschen. In meinen Coachings fordere ich meine Klienten oft dazu auf, einfach mal frei zu träumen. Ich frage sie, wie ihr perfekter Arbeitsplatz in ihren kühnsten Vorstellungen aussieht. Sehr oft blicke ich dann in völlig ratlose, leere Gesichter. Da kommt nichts. Keine Bilder, keine Ideen, keine Sehnsucht. Es ist, als wäre die Festplatte an dieser Stelle komplett gelöscht. Unser Schulsystem und unsere Arbeitswelt haben ganze Arbeit geleistet. Von klein auf werden wir darauf trainiert, Erwartungen zu erfüllen. Wir lernen, ständig unsere Antennen nach außen zu richten. Was will der Lehrer? Was verlangt der Chef? Wie muss ich funktionieren, damit es keinen Ärger gibt? Der Muskel, der nach innen spürt, verkümmert dabei völlig. Und selbst wenn mal ein kleiner Wunsch aufblitzt, schlägt sofort der innere Zensor zu. Das geht sowieso nicht. Davon kannst du deine Rechnungen nicht bezahlen. Sei froh, dass du überhaupt eine sichere Arbeit hast. Wir verbieten uns unsere Träume in derselben Sekunde, in der sie entstehen.
Wie kommen wir also an unsere versteckten Begabungen heran, wenn die Vordertür durch alte Glaubenssätze fest verschlossen ist? Wir müssen die Hintertür nehmen. Wenn der Kopf keine Träume zulässt, müssen wir den Körper fragen. Denn der Körper lügt nicht. Vor kurzem saß ein Mann bei mir im Coaching. Hätte ich ihn gefragt, was seine große berufliche Berufung ist, hätte er wahrscheinlich nur mit den Schultern gezuckt. Also stellte ich ihm eine andere Frage. Ich wollte von ihm wissen, wie es sich anfühlt, wenn er daran denkt, morgen wieder acht Stunden lang in der Werkhalle bei der Montage zu stehen. Er musste keine Sekunde überlegen. Es sprudelte sofort aus ihm heraus: Ganz schlecht. Dieses „Ganz schlecht“ war unser Türöffner. Wir haben uns genau angeschaut, was ihm dort die Luft abschnürt. Es war nicht die körperliche Anstrengung. Es war die stumpfe Routine. Im Gespräch zeigte sich schnell, dass dieser Mann ein zutiefst kreativer Mensch ist. Einer, der gestalten, verändern und etwas Eigenes erschaffen will. Für einen solchen Geist ist das Fließband kein normaler Arbeitsplatz, sondern seelisches Gift. Jahrelang hatte er geglaubt, mit ihm stimme etwas nicht, weil er unter dieser Arbeit litt. Als er begriff, dass sein Leiden in Wahrheit der Beweis für sein unterdrücktes Gestaltungstalent war, fiel eine riesige Last von ihm ab.
Vom ersten Erkennen zum echten Handeln
Oft verstecken sich unsere größten Begabungen genau dort, wo wir sie für völlig selbstverständlich halten. Was uns leichtfällt, was uns beim Tun Energie gibt, statt uns auszulaugen, nehmen wir oft gar nicht als besonderes Talent wahr. Wir denken dann, das könne doch jeder. Genau aus diesem Grund habe ich hier auf meinem Blog das kostenlose Werkzeug Kompetenzmatrix entwickelt. Es ist ein Stärken- und Energie-Check, der dir dabei hilft, einmal radikal ehrlich hinzuschauen. Es geht nicht nur darum, was du für deinen Lebenslauf gelernt hast. Es geht um die Frage, welche Tätigkeiten deinen inneren Akku aufladen und welche ihn gnadenlos leerziehen. Erst wenn du diesen Unterschied schwarz auf weiß vor dir siehst, erkennst du deine wahre Spur.
Bei meinem Klienten aus der Werkhalle sind wir nach dieser Erkenntnis nicht stehen geblieben. Ein gutes Gefühl im Gespräch verändert noch keinen Alltag. Wenn am Montagmorgen der Wecker klingelt, holt dich die alte Gewohnheit sonst sofort wieder ein. Wir haben uns hingesetzt, klare neue Ziele formuliert und einen handfesten Berufswegeplan erarbeitet. Schritt für Schritt. Damit wurde er vom Erduldenden wieder zum Gestalter seines eigenen Lebens. Begabungen entdeckt man nicht durch endloses Grübeln am Küchentisch. Man entdeckt sie, indem man alte Verbote hinterfragt, auf seinen Bauch hört und dann im Kleinen neue Schritte wagt.
Jetzt interessiert mich deine Geschichte. Welchen alten Satz aus deiner Kindheit hast du viel zu lange geglaubt, und welche Begabung hast du vielleicht erst über einen schmerzhaften Umweg an dir entdeckt? Schreib es mir gerne unten in die Kommentare, ich freue mich auf den Austausch mit dir.
Euer Schimon
Bild: Symbolbild / KI-generiert
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