Kalenderblatt
In der Kategorie Kalenderblatt findest du Tage, an denen Geschichte spürbar wird. Ich schreibe über Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, die mich bewegen – weil sie zeigen, wie schnell sich Gesellschaften verändern, wie Gewalt entsteht, wie Krisen Menschen unverhofft treffen können, aber auch, wie Mut und Verantwortung sichtbar werden. Judentum, Israel und Antisemitismus gehören dazu, weil Erinnerung nicht verhandelbar ist.
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31.01.1933 – Demokratie am Abgrund? Warum das „Zähmen“ von Extremisten schon 1933 krachend scheiterte
Ich habe heute einen Artikel gelesen, der bei mir diesen inneren Alarm ausgelöst hat, den ich inzwischen sehr ernst nehme. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst warnt vor den nächsten Landtagswahlen und zieht dabei eine direkte Linie zum Jahr 1933. Er tut das nicht als billigen Vergleich, sondern als Mahnung daran, wie schnell eine Demokratie verschwinden kann, wenn Antidemokraten erst einmal an den Schalthebeln sitzen. Wüst sprach im Bundesrat anlässlich des Holocaust-Gedenkens und sagte sinngemäß: Die Idee, Extremisten würden sich „in der Verantwortung“ schon von selbst entzaubern, sei gefährlicher Unfug. Und dann folgt dieser eine Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Es sei nicht auszuschließen, dass ein Feind unserer Demokratie sogar…
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24.01.1933 – Wenn der Hörsaal zum Schlachtfeld wird
In den Januartagen des Jahres 1933, nur eine Woche vor dem endgültigen Umbruch in Deutschland, spielten sich an der Universität Breslau Szenen ab, die uns heute als Mahnung dienen müssen. Ein Bericht der Vossischen Zeitung vom Dienstag, den 24. Januar 1933, zeichnet ein erschütterndes Bild von Hass und organisierter Gewalt gegen die Freiheit der Lehre. Die Atmosphäre an den deutschen Universitäten war damals bis zum Zerreißen gespannt. Nationalsozialistische Studentenorganisationen hatten das Ziel, jüdische Gelehrte und demokratisch gesinnte Professoren systematisch zu vertreiben. Professor Ernst Cohn, ein anerkannter Jurist und Sozialdemokrat, stand im Fadenkreuz dieser Bewegung. Am Morgen des 24. Januar 1933 eskalierte die Situation: Schon beim Betreten der Universität wurden stürmische…
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20.01.1933 – „Es wird weiter gestützt“: Wenn der Weizenpreis fällt und der Staat einspringt
Ich blättere durch die Berliner Morgenpost vom 20. Januar 1933, und auf der Handels-Seite bleibt mein Blick an einer Überschrift hängen, die mit wenigen Worten den ganzen Frust benennt: „Es wird weiter gestützt“. Darunter steht „Vergeudete Getreide-Millionen“. Und in dem Moment war mir klar: Das ist nicht nur irgendeine Rand-Notiz. Das ist ein Blick in eine Zeit, in der Landwirtschaft, Politik und soziale Not ineinander verhakt sind – so fest, dass man unweigerlich anfängt, nach Parallelen zu heute zu suchen. Der Text beschreibt die „Getreidestützung“, die schon seit Jahren über staatliche Stellen am Großmarkt läuft. Die Idee ist simpel: Wenn die Preise wegrutschen, wird Getreide dem Markt entzogen, damit der…
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19.01.1933 – Geld regiert die Welt: Wie Reiche damals und heute die Politik beeinflussen
Während ich hier an meinem Schreibtisch sitze, liegt die vergilbte Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 19. Januar 1933 direkt vor mir, und ich merke ziemlich schnell: Das ist nicht einfach nur staubige Geschichte, die man in Archiven vergraben sollte. Die Schrift ist zwar vergilbt und brüchig, doch vieles, was dort zwischen den Zeilen steht, fühlt sich heute, im Jahr 2026, erstaunlich gegenwärtig an. Es ist nicht so, dass jede Einzelheit identisch wäre, aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man bestimmte soziale und politische Abläufe, die sich mit einer fast unheimlichen Präzision wiederholen. In dieser historischen Ausgabe findet sich ein kurzer Hinweis auf ein sogenanntes Herrenessen. Das klingt zunächst fast harmlos,…
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18.01.1933 – Reichsgründungstag und Flaggenstreit: Wenn Symbole zu Waffen werden
Mitten im Januar 1933 gab es in Ostdeutschland leichte Schneefälle. In Ostpreußen war es immer noch bitterkalt, um die minus 15 Grad. Dieses Wintergefühl, dieses Graue und Harte, lag aber nicht nur über den Straßen, es spiegelte sich auch in der politischen Landschaft. In den Zeitungen liest man von einer unruhigen Welt, innenpolitisch wie außenpolitisch, und trotzdem gibt es diesen Anlass, bei dem die Regierung gern so getan hätte, als gäbe es etwas zu feiern. Der 18. Januar ist so ein Datum – jedenfalls auf dem Papier. Das historische Ereignis des Tages Der sogenannte Reichsgründungstag erinnert an den 18. Januar 1871, als im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich symbolisch…
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17.01.1933 – Staats-Versagen in der Landwirtschaft: Massive Kürzungen und neue Steuern bedrohen die Höfe
In der Ausgabe der Deutschen Tageszeitung vom 17. Januar 1933 wird deutlich, dass die Landwirtschaft in der damaligen Krise kein isoliertes Thema war, sondern als zentraler wirtschaftlicher Faktor betrachtet wurde. Die Berichterstattung auf der Seite „Die Deutsche Landwirtschaft“ fungiert hierbei als Indikator für die tiefe strukturelle Krise: Es geht um massive staatliche Etatkürzungen, die Verteuerung von Produktionsmitteln und den Versuch, durch neue Kontrollmechanismen wieder Stabilität in die Märkte zu bringen. Die Texte spiegeln eine Situation wider, in der kurzfristige Sparpolitik langfristige Entwicklungschancen zu untergraben drohte. Bildungskürzungen unter dem Spardiktat Ein zentraler Beitrag unter dem Titel „Falsche Sparmaßnahmen!“ setzt sich mit der Notwendigkeit staatlicher Einsparungen auseinander, warnt jedoch vor Kürzungen im…
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16.01.1933 – Schleichers Forderung nach Wehrpflicht und die Macht des Kyffhäuser-Bundes
Heute habe ich für dieses Kalenderblatt eine Tageszeitung ausgewählt, die auf der ersten Seite über die Forderung nach einer allgemeinen Wehrpflicht berichtet: Die Putlitzer Nachrichten vom 16. Januar 1933. Inmitten einer Zeit massiver Staatsverschuldung und wirtschaftlicher Not trat Reichskanzler von Schleicher vor den Kyffhäuser-Bund und forderte die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Es war ein Moment, in dem die Sprache der Diplomatie durch die Sprache der Aufrüstung ersetzt wurde, während das Deutsche Reich finanziell mit dem Rücken zur Wand stand. Dieser Tag markiert nicht nur eine politische Forderung, sondern offenbart die tiefsitzende Sehnsucht nach einer Stärke, die am Ende in einer globalen Katastrophe münden sollte. Der Ruf nach militärischer Souveränität inmitten der…
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15.01.1933 – Die Schicksalswahl in Lippe, die Agonie des Kabinetts Schleicher und der Antisemitismus an den Universitäten
Es ist dieser schicksalshafte Sonntag, der 15. Januar 1933, an dem ich beim Lesen der Berliner Morgen Zeitung das Gefühl bekomme, in die Abgründe einer Gesellschaft zu blicken, die gerade ihren moralischen Kompass verliert. Die Schlagzeilen schreien uns förmlich entgegen, dass das Kabinett umgebildet werden soll , während im kleinen Lippe eine Wahl stattfindet, die ein Spiegel für die Zukunft des ganzen Landes ist. Es ist eine Zeit, in der politische Intrigen wie dunkle Schatten durch die Korridore der Macht schleichen und die Hoffnung auf Stabilität so zerbrechlich wirkt wie dünnes Glas in einem Wintersturm. Das Orakel von Lippe und der Tanz auf dem Vulkan Der heutige Tag steht ganz…
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14.01.1933 – Hitler und Papen im Gespräch, Radikale Wirtschaftsvisionen und die moralische Elite
Die Zeitung, die wir hier vor uns haben, ist die Nummer 2 des 14. Jahrgangs des „Reichswart“, erschienen am 14. Januar 1933 in Berlin. Als Herausgeber fungierte Graf Ernst zu Reventlow, eine prägende, wenn auch eigenwillige Figur der damaligen Zeit. Was beim Lesen sofort auffällt, ist die scharfe Abgrenzung zu dem, was Reventlow als „Nurnationale“ bezeichnet. Es geht ihm nicht nur um ein patriotisches Lippenbekenntnis, sondern um einen radikalen, nationalen Sozialismus, der sich deutlich von den „Parteien der Rechten“ und den „Repräsentanten des Kapitalismus“ distanzieren will. Man spürt ein tiefes Misstrauen gegenüber Persönlichkeiten wie von Papen, der als „Generaldirektor Gottes“ verspottet wird, und gegenüber dem Einfluss des Großgeldes. Diese Ausgabe…
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13.01.1933 – Der Bruch mit dem Landbund, Eskalation der Agrarkrise und die Isolation der Industrie
Stell Dir vor, Du schlägst eine Zeitung auf und spürst schon beim Umblättern, dass die Welt, wie Du sie kennst, gerade in tausend Scherben zerbricht. Genau dieses Gefühl beschleicht mich, wenn ich die Ausgabe der Zeitung „Der Tag“ vom 13. Januar 1933 vor mir sehe. Es ist ein grauer Freitag in Berlin, und zwischen den Zeilen der Frakturschrift tobt ein politischer Vernichtungskrieg, der den Boden für das bereitet, was nur siebzehn Tage später die Welt in den Abgrund reißen sollte. An diesem Tag wurde der „Ruf nach dem starken Mann“ nicht mehr nur geflüstert – er wurde durch das totale Versagen der alten Eliten förmlich herbeigeschrien. Ein politisches Kartenhaus bricht…























