08.02.1950 – Die Geburtsstunde der Stasi und das dunkle Erbe der Täter

Am Mittwoch, dem 8. Februar 1950, beschließt die Volkskammer der DDR ein Gesetz, das auf dem Papier harmlos wirkt, aber in der Wirklichkeit ein Machtinstrument von historischer Bedeutung schafft: das „Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit“. Es ist kurz, fast nüchtern. Und gerade diese Nüchternheit ist das Erschreckende daran. Ein Staat baut sich sein Überwachungsorgan – nicht weil ein besonderer Bedarf besteht, sondern weil er diese ganz „normale“ staatliche Institution als Ministerium zum Machterhalt haben möchte. Vier Monate nach Gründung der DDR wird damit die bisher dem Innenministerium unterstellte „Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft“ herausgelöst und in ein eigenständiges Ministerium überführt. So steht es im Gesetztext. Politisch bedeutet das: Aus einem Apparat im Verwaltungsbaukasten wird ein eigener Machtblock, mit eigener Hierarchie, eigener Logik, eigener Mission. Formal bekommt das Gesetz seine Gültigkeit durch die Veröffentlichung im Gesetzblatt am 21. Februar 1950 – der Beschluss aber fällt an diesem 8. Februar. Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit.Vom 8. Februar 1950 § 1Die bisher dem Ministerium des Innern unterstellte Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft wird zu einem selbständigen Ministerium für Staatssicherheit umgebildet. Das Gesetz vom 7. Oktober 1949 über die Provisorische Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (GBl. S. 2) wird entsprechend geändert. § 2Dieses Gesetz tritt mit seiner Verkündung in Kraft. Berlin, den 8. Februar 1950 Ein Ministerium gegen das eigene Volk Die offizielle Begründung folgt dem Muster der frühen Systemkonfrontation: Schutz vor „Agenten, Saboteuren, Spionen“. Der Begriff „Volkswirtschaft“ klingt nach Fabriken, Ernten, Versorgung. Doch in der Praxis richtet sich das neue Ministerium sehr schnell auf etwas anderes aus: Kontrolle, Einschüchterung, Zerbrechen von Opposition – und zwar nicht nur gegen offene Gegner, sondern gegen Menschen, die schlicht „falsch“ denken, „falsch“ reden, „falsch“ verkehren. Wer in so einem System Sicherheit sagt, meint oft Gehorsam. Die Gründung geschieht unter starkem sowjetischem Einfluss; die Organisationslogik und Methoden orientieren sich an sowjetischen Vorbildern. Das ist nicht nur ein historischer Nebensatz, sondern der Schlüssel zum Verständnis: Hier entsteht kein „normaler Geheimdienst“, sondern ein politisches Werkzeug, das die Herrschaft der SED absichert. Und dann kommt die zweite Ebene, die im Rückblick oft untergeht, weil man schnell beim Minister und beim Apparat landet: die Mitwirkung ganz normaler Menschen. Täter, Mitläufer, Zuträger – und das Schweigen danach Ende 1989, kurz vor dem Zusammenbruch der DDR, gehörten der Staatssicherheit noch rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter an – plus mindestens 110.000 inoffizielle Mitarbeiter. Selbst wenn man nur diese Mindestzahl nimmt: Das ist kein kleiner Zirkel, das ist ein gesellschaftliches Netz. Hier liegt genau der Punkt, der wirklich weh tut, wenn man ihn ernst nimmt: Die bleibenden Spuren bei den Opfern sind offensichtlich. Aber das Gespräch über die Täter und Zuträger wird schnell dünn, sobald es nicht mehr um die „großen Namen“ geht, sondern um den Nachbarn, den Kollegen, den Freund, den Ehepartner. Gerade die IM-Strukturen funktionierten nur, weil Verrat im Alltag möglich war – und weil ein System Anreize schuf, den Verrat als „Pflicht“ oder „kleine Gefälligkeit“ zu tarnen. Später entwickelt die Stasi ihre Methoden weiter: weg von der groben Faust, hin zur leisen Zerstörung. Ein zentraler Begriff dafür ist „Zersetzung“ – Maßnahmen, die Menschen „lautlos“ zermürben sollen: durch Gerüchte, berufliche Sabotage, soziale Isolation, Verunsicherung. Das ist keine bloße Metapher, das ist in internen Grundsatzpapieren beschrieben, unter anderem in der Richtlinie 1/76 (Januar 1976). Und was bleibt, ist Material – unvorstellbar viel Material. Heute liegen die Unterlagen im Stasi-Unterlagen-Archiv des Bundesarchivs. Dort wird der Umfang aktuell mit rund 112,5 Kilometern Stasi-Akten beziffert. Eine Zahl, die so absurd groß ist, dass sie fast wieder abstrakt wirkt – bis man sich klar macht: Hinter jedem Ordner steckt ein Leben, hinter vielen Akten steckt ein Bruch. Ich bin enttäuscht über diese unvollständige Aufarbeitung. Zu vieles wurde irgendwann einfach zugedeckt, als wäre es nicht so schlimm gewesen. Und das ist ja das Bittere: Nicht, weil man es nicht hätte aufklären können, sondern weil es offenbar wieder nach dem gleichen Muster läuft. Eine Zeit lang wird hingeschaut, benannt, sortiert – und dann kommt dieser Moment, in dem die Stimmung kippt. Vom Aufklären ins Verdrängen. Vom Klartext ins „Jetzt ist aber auch mal gut“. Und trotzdem holt es uns bis heute immer wieder ein. Es gibt Fälle, in denen Biografien, Verstrickungen und alte Loyalitäten plötzlich wieder Thema werden – gerade dann, wenn Menschen in Verantwortung stehen. Für mich hat das nichts mit „Rache“ zu tun. Das ist eher mein nüchterner Gerechtigkeitssinn: Wenn über Täter und Mitläufer nicht mehr ehrlich gesprochen wird, ist die Aufarbeitung der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Welche Form von Aufarbeitung wäre für Dich heute ehrlich: mehr öffentliche Benennung von Tätern und Zuträgern, mehr Konsequenzen, oder vor allem mehr Raum für die Geschichten der Opfer – und warum? Schreib es in die Kommentare. Euer Schimon

Die Geschichte eines Bildes – und warum es mich bis heute bewegt

Gestern Abend bin ich noch einmal durch das Wohnzimmer gegangen, bevor ich ins Bett wollte. Es war schon spät, das Licht war gedämpft, und in dieser halben Stille blieb mein Blick an dem alten Ölgemälde hängen, das seit meiner Kindheit an meiner Seite ist. Ich stand davor, länger als sonst, fast so, als hätte das Bild mich gerufen. Und in diesem Moment wusste ich, dass ich heute darüber schreiben möchte. Dass es Zeit ist, diesem Bild eine besondere Form von Leben zu schenken – durch eine neue Animation für „Kunst die bewegt…“, aber auch durch Worte, die all das ausdrücken sollen, was dieses Gemälde für mich bedeutet. Es ist ein Ölgemälde von R. Hahn aus dem Jahr 1934. Ich habe es geerbt, damals, als meine Tante Ruth gestorben war. Sie war ein Mensch, der mein Leben geprägt hat wie nur wenige andere. Warmherzig, eigenständig, entschlossen – und jemand, der mich als Kind ernst genommen hat. Sie hatte Bienen, und sie hat mich hineingeführt in diese Welt, die gleichzeitig so leise und so kraftvoll ist. Diese Stunden mit ihr, der Geruch von Wachs, das Summen im Garten und die Faszination eines funktionierenden kleinen Kosmos – all das gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Dass ich irgendwann meine Imkerei aufgeben musste, weil ich eine Bienengift-Allergie entwickelt habe, war ein Abschied, den ich lange gespürt habe. Es war wie das Ende eines Kapitels, das mit ihr begonnen hatte. Als sie starb, wollte ich etwas behalten, das mich an sie erinnert. Nichts Großes, nichts, was man erklären muss. Etwas, das ihre Handschrift trägt, ihren Geist, ihre Stille. Und so bat ich mir dieses Bild aus. Ich kenne es seit ich ein kleiner Junge war. Ich bin oft davor gestanden, habe mir die Landschaft angeschaut, die dunklen Farben, die Struktur, den glänzenden Rahmen. Es war eines dieser Bilder, die in einem Raum nicht einfach hängen – sie sind da, und man spürt sie. Bis heute weiß ich nicht sicher, wer der Künstler wirklich war. Die Signatur verweist auf einen R. Hahn aus dem Jahr 1934. Es gab in dieser Zeit einen Maler mit ähnlichem Namen, doch die Signatur passt nicht zu seinen bekannten Werken. Vielleicht stammt das Gemälde von einer völlig anderen Person, vielleicht von jemandem, der nie bekannt wurde. Und vielleicht ist es gerade dieses Rätsel, das dieses Bild so lebendig hält. Es wirkt wie etwas, das seine eigene Geschichte nicht preisgibt und dennoch Raum schafft, in dem eigene Erinnerungen weiterleben dürfen. Wenn ich das Bild betrachte, dann sehe ich nicht nur die Szene, die darauf gemalt wurde. Ich sehe meine Tante. Ich sehe mich als Kind. Ich sehe die Jahre dazwischen. Und genau deshalb gehört dieses Gemälde in die Serie „Kunst die bewegt…“. Denn auch wenn die Animation dem Bild heute technisch neues Leben einhaucht, ist es in Wahrheit die Erinnerung, die es zum Schwingen bringt. Heute Morgen habe ich mich also an den Schreibtisch gesetzt, noch ein wenig müde vom gestrigen Abend, aber klar in der Entscheidung: Dieses Bild bekommt seinen Platz. Ich möchte es mit euch teilen, so wie ich es seit meiner Kindheit mit mir getragen habe. Und vielleicht spürt ihr beim Anschauen des animierten Bildes ein kleines Stück von dem, was es für mich bedeutet. Manchmal sind es die alten Dinge, die uns am stärksten bewegen. Nicht, weil sie groß oder spektakulär wären, sondern weil sie einen Faden in uns berühren, der nie ganz abreißt.