Wenn mir der Name nicht mehr einfällt – wie Stress unser Denken vernebelt
Eigentlich wollte ich neulich in Öhringen nur ein paar schnelle, völlig alltägliche Besorgungen machen. Doch schon das Aufbrechen von zu Hause stand unter keinem guten Stern. Die Zeit war knapp, im Kopf rotierte bereits eine endlose, unbarmherzige To-do-Liste, ich war spät dran und zu allem Überfluss akzeptierte der Parkautomat am Straßenrand mal wieder stur kein Bargeld. In diesem Moment war ich gestresst, und zwar so richtig tiefgehend. Mein Kopf fühlte sich gleichzeitig unendlich voll und absolut leer an, ein Zustand emotionaler Überreizung. Und genau in diesem Zustand des inneren Chaos kommt mir mitten auf dem belebten Marktplatz ein Mann entgegen. Er steuert direkt auf mich zu, bleibt mit einem breiten, herzlichen Lächeln vor mir stehen, blickt mir fest in die Augen und sagt voller Freude, wie lange das doch her sei und ob ich wirklich Peter sei. Ich erkannte ihn sekundenschnell wieder. Mein Gehirn signalisierte mir sofort, dass wir mehrere Jahre lang intensiv zusammengearbeitet hatten. Ich sah sein vertrautes Gesicht, registrierte seine unverkennbare Art, sich zu bewegen, hörte die Nuancen seiner Stimme und hatte im selben Atemzug nicht den blassesten Schimmer, wie dieser Mensch heißt. Da war absolut nichts, nur ein gähnendes, schwarzes Vakuum in meiner Erinnerung. Ich habe mich dann mit mühsamem Smalltalk irgendwie um die Situation herumgeredet und versucht, verzweifelt Zeit zu schinden, während mein innerer Motor auf Hochtouren lief. Irgendwann ließ er seinen Namen dann glücklicherweise selbst in den Satz einfließen, und im selben Moment war mir seine gesamte Identität wieder vollkommen präsent. Aber dieser winzige Moment der absoluten Hilflosigkeit hat mich tief erschüttert. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist, und dieses radikale Versagen des eigenen Systems hat mir in diesem Moment eine Heidenangst eingejagt, weil ich schmerzhaft spüren musste, dass mein Kopf unter Druck nicht mehr so funktioniert, wie ich es mein ganzes Leben lang gewohnt war und von mir selbst erwarte.
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Das biologische Not-Aus: Was im gestressten Gehirn wirklich passiert
Nach diesem Vorfall ließ mir die Sache keine Ruhe, und ich begann, tief in die psychologischen Hintergründe einzutauchen. Dabei wurde mir schnell klar, dass dieses Phänomen der plötzlichen Amnesie im Alltag alles andere als eine seltene Ausnahme ist. Akuter Stress beeinflusst unsere kognitiven Fähigkeiten auf eine erschreckend konkrete und biologisch messbare Art und Weise. Die moderne Hirnforschung, unter anderem dokumentiert durch Studien an der Universität Konstanz, zeigt unmissverständlich auf, dass es uns unter starker Belastung extrem schwerfällt, auf bereits fest abgespeicherte Informationen in unserem Langzeitgedächtnis zuzugreifen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie der sogenannte Hippocampus, eine tief im Gehirn liegende Struktur, die quasi als das zentrale Tor zu unseren Erinnerungen fungiert. Wenn wir unter akutem Druck stehen, wird dieser sensible Bereich mit den Stresshormonen Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin regelrecht geflutet. Das führt zu einer Art biologischem Not-Aus. Das Stresssystem übernimmt die absolute Kontrolle und versetzt den gesamten Organismus augenblicklich in den uralten Alarmzustand von Kampf oder Flucht. Evolutionär betrachtet war dieses Programm über Jahrtausende hinweg eine geniale Überlebensstrategie. Wenn in der Steinzeit plötzlich ein Säbelzahntiger vor dem Höhleneingang stand, durfte der Mensch nicht lange logisch darüber nachdenken, wie das Tier heißt oder was er gestern gegessen hat. Da zählte nur die nackte, instinktive Reaktion. Das tragische Problem ist, dass unser biologisches System heute noch exakt genauso reagiert wie vor zehntausend Jahren, obwohl der Säbelzahntiger längst durch überlaufende E-Mail-Postfächer, hupende Autos im Berufsverkehr, diffuse Rollenbilder im Job und die permanente Angst, etwas zu verpassen, ersetzt wurde. Unser Körper fährt das maximale Überlebensprogramm ab, aber wir können weder kämpfen noch wegrennen. Wir bleiben stattdessen starr auf unseren Bürostühlen oder mitten auf dem Marktplatz sitzen, während unser Kopf unbarmherzig dichtmacht.
Die zwei Gesichter des Drucks: Wenn Belastung zum Kompass wird
Besonders faszinierend ist bei dieser Thematik, dass Stress im Grunde zwei völlig verschiedene Gesichter besitzt. Es gibt den destruktiven, negativen Stress, den wir alle zur Genüge kennen und der uns langfristig lähmt, schlaflose Nächte bereitet und den Blutdruck in gefährliche Höhen treibt. Dem gegenüber steht jedoch der positive Stress, in der Fachwelt auch als Eustress bezeichnet. Das ist jener Zustand, in dem wir zwar maximal gefordert, aber eben noch nicht existenziell überfordert sind. Es ist der Moment, in dem wir spüren, dass wir über uns hinauswachsen und eine anspruchsvolle Aufgabe meistern können. Diese Form der Aktivierung ist für uns Menschen sogar extrem gesund und treibt uns an. Der Körper schüttet auch hier Hormone aus, aber sie wirken wie ein Katalysator für unseren Fokus, unsere Kreativität und unsere mentale Stärke. Viele Menschen erleben diesen Zustand dann als den ultimativen Flow, in dem alles wie von selbst von der Hand geht. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Welten liegt fast ausschließlich in unserer eigenen Bewertung der Situation. Es geht darum, ob wir einen Umstand als bedrohliche Ohnmacht empfinden oder als eine machbare Herausforderung, bei der wir das Gefühl haben, die Kontrolle über das Geschehen in den Händen zu halten.
Die gute Nachricht, die mich bei meinen Recherchen zutiefst beruhigt hat, ist die Tatsache, dass unser Gehirn vollkommen reversibel auf diese Belastungen reagiert. Der Hippocampus schrumpft nicht dauerhaft, solange wir nicht über Monate hinweg unter permanentem, chronischem Strom stehen. Wir können unser Denken und unsere Wahrnehmung aktiv trainieren, denn Stress entsteht eben nicht nur durch äußere Faktoren, sondern ganz maßgeblich durch das, was wir im Inneren über uns selbst glauben. Es sind die eigenen, oft utopischen Erwartungen, ein ungesunder Perfektionismus und alte, tief sitzende Glaubenssätze, die das Fass zum Überlaufen bringen. Ich habe gelernt, viel aufmerksamer auf die feinen Warnsignale meines Körpers zu hören. Er zeigt mir früh genug, wann die Grenze erreicht ist. Ich merke es an einer aufkommenden, unbegründeten Ungeduld, daran, dass mir plötzlich banale Dinge aus den Händen fallen, oder eben daran, dass mir einfachste Namen nicht mehr einfallen wollen. Wenn dieser Punkt erreicht ist, zwinge ich mich heute nicht mehr weiter zum Funktionieren. Ich trete bewusst einen Schritt zurück. Oft packe ich dann unsere Hündin Wilma und gehe für eine Stunde raus in den tiefen Wald. Einfach nur atmen, die Natur spüren und still werden. Manchmal rufe ich auch kurz meine Frau Dani an, um mich zu erden, oder ich schalte bewusst alle Geräusche um mich herum ab. Keine Musik, kein Podcast, kein tiefschürfendes Gespräch. Einfach nur die pure, ungeschminkte Ruhe. Und genau in dieser absichtslosen Stille kehrt die Klarheit irgendwann von ganz alleine zurück. Wir sollten aufhören, den Stress als unseren absoluten Erzfeind zu betrachten. Er ist vielmehr ein verlässlicher Signalgeber und ein unmissverständlicher Impuls, wieder ganz genau hinzuschauen, was uns im aktuellen Moment überfordert und was uns jetzt, in diesem Augenblick, wirklich guttun würde. Wenn wir diesen Kompass nutzen, finden wir nicht nur den Weg zurück zu uns selbst, sondern beim nächsten Mal auch ganz entspannt den Namen des alten Kollegen.
Wie gehst Du mit solchen Momenten um, in denen Dein Kopf unter Druck plötzlich komplett blockiert? Hast Du auch schon einmal einen peinlichen Blackout erlebt, bei dem Dir einfachste Dinge nicht mehr einfielen, und welche persönlichen Rituale helfen Dir dabei, die innere Klarheit wiederzufinden? Schreib mir Deine Erfahrungen und Gedanken unbedingt unten in die Kommentare – ich bin sehr gespannt auf Deinen Impuls und unseren Austausch.
Euer Schimon
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