Kunst,  Selbstreflexion & Sinnfindung

Zu kontrolliert zum Glücklichsein: Was uns eine Bauernhochzeit von 1846 über echte Lebensfreude verrät

Vor einiger Zeit stand ich in einer Kunstausstellung vor einem kleinen, fast unscheinbaren Gemälde. Der Rahmen war aus schwerem Gold, das Bild selbst auf Malpappe gemalt. Das Schild daneben verriet mir die nüchternen Fakten. Lorenzo Quaglio hat dieses Werk im Jahr 1846 geschaffen. Es trägt den Titel Dachauer Bauernhochzeit. Ich blieb lange davor stehen. Sehr lange sogar. Denn je genauer ich hinsah, desto mehr zog mich diese alte Stube in ihren Bann und desto mehr Fragen wirbelten durch meinen Kopf.

Man sieht einen schlichten Raum mit schweren Holzbalken an der Decke und breiten Dielen am Boden. Kein Prunk, kein Schnickschnack. Auf einer erhöhten Empore rechts im Hintergrund sitzen die Musikanten und spielen auf. Davor tobt das pralle Leben. In der Mitte dreht sich ein Paar im Tanz, die Röcke fliegen, die Arme sind erhoben. Links sitzen Gäste an groben Holztischen, heben die Krüge, lachen und reden. Rechts wird aus dicken Holzfässern Nachschub gezapft. Und mitten im Getümmel läuft ein kleines Kind. Es trägt ganz selbstverständlich zwei schwere Bierkrüge in der einen Hand und einen Teller in der anderen. An einer anderen Stelle wird vor lauter Übermut oder vielleicht auch wegen des steigenden Alkoholspiegels das Bier einfach auf den Boden gekippt. Männer und Frauen flirten völlig ungeniert miteinander. Ein Bursche hebt ein Mädchen hoch in die Luft. Es ist laut in diesem Bild. Man meint förmlich das Stampfen der Schuhe, das Klirren der Krüge und das raue Lachen zu hören.

Während ich diese Szene betrachtete, dachte ich an unser heutiges Leben. Ich weiß natürlich nicht aus eigener Erfahrung, wie sich der Alltag dieser Menschen im Jahr 1846 angefühlt hat. Aber eines ist sicher. Sie waren im materiellen Sinn bitterarm im Vergleich zu uns heute. Sie kannten kein modernes Gesundheitssystem, keine Schmerztabletten, kein schnelles Auto vor der Tür und keine warme Dusche auf Knopfdruck. Sie hatten kein Smartphone in der Tasche, kein Internet und kein Fastfood an jeder Straßenecke. Ihr Leben bestand aus Knochenarbeit auf dem Feld, aus Kälte im Winter und der ständigen Sorge, ob die nächste Ernte reicht. Wenn ein Unwetter kam, ging es ums nackte Überleben. Und trotzdem springt einem aus diesem kleinen Bild eine derartige Wucht an Lebensfreude entgegen, dass es einen fast umhaut.

Was ist uns auf dem Weg in unsere moderne, abgesicherte Welt eigentlich verloren gegangen? Wenn ich mir die Details auf Quaglios Gemälde anschaue, hat diese Szene etwas herrlich Hemmungsloses. Ich meine damit nicht schamlos, sondern wirklich ohne Hemmung. Wer würde heute ein Kind durch eine feiernde, betrunkene Menge schicken, um Erwachsene mit Bier zu bedienen? Sofort würden alle Alarmglocken läuten. Damals gehörten die Kinder einfach mitten ins echte Leben, mit allem, was dazugehört. Und die Erwachsenen ließen an so einem Tag einfach alles raus. Der Alltag auf dem Dorf war streng geregelt. Die Kirche, der Stand und die Nachbarn sahen alles. Man musste funktionieren, um nicht unterzugehen. Aber wenn dann einmal gefeiert wurde, dann gab es kein Halten mehr. Dann war dieses Fest ein echtes Ventil. Niemand zückte ein Handy, um ein peinliches Video zu drehen. Niemand überlegte, ob das eigene Lachen gerade vorteilhaft aussieht oder ob das Bierglas zum Ambiente passt. Sie waren einfach da. Zu hundert Prozent in diesem einen Raum.

Manchmal frage ich mich, ob wir heute einfach zu verklemmt und zu verkopft geworden sind, um das Leben noch so roh und ungefiltert zu genießen. Wir haben für alles Regeln, Maßstäbe und einen inneren Zensor im Kopf. Wir kontrollieren unsere Ernährung, unsere Worte, unsere Außenwirkung und unsere Gefühle. Wir wollen immer souverän wirken. Bloß keine Schwäche zeigen. Bloß nicht aus der Rolle fallen. Was würde wohl passieren, wenn wir heute eine Gruppe von Menschen in so einen Raum sperren würden mit einer einzigen Aufgabe? Gebt euch genau so, wie ihr euch gerade fühlt. Redet so, wie ihr wirklich denkt. Geht jedem Impuls nach, solange ihr niemand anderem wehtut oder ihn bedrängt. Lasst einfach mal die Fassade fallen.

Wahrscheinlich wäre da am Anfang erst einmal ein riesiges, bleiernes Schweigen. Wir wären völlig verunsichert, weil wir gar nicht mehr wissen, wer wir ohne unsere tägliche Maske eigentlich sind. Und wenn der Damm dann bricht, käme vermutlich nicht sofort der fröhliche Tanz. Zuerst kämen wohl die Erschöpfung, der Frust und die Tränen heraus, die wir im Alltag so tapfer weglächeln. Erst wenn dieser ganze aufgestaute Druck weg wäre, könnten wir vielleicht wieder so albern, laut und frei auf den Holzdielen tanzen wie die Bauern in Dachau.

Der Grund, warum wir uns das heute kaum noch trauen, liegt tief. Wir kennen uns nicht mehr wirklich. In so einem Dorf im Jahr 1846 wusste jeder alles über den anderen. Man sah den Nachbarn auf dem Acker schwitzen und fluchen. Man kannte seine Macken, seinen Geiz, seinen Jähzorn und seine Nöte. Man musste auf der Hochzeit keine glänzende Fassade aufbauen, weil ohnehin jeder wusste, wie es hinter der eigenen Haustür aussah. Man war einander zumutbar. Heute kennen wir uns oft nur noch in schönen Ausschnitten. Wir kennen die polierte Oberfläche des Kollegen, den freundlichen Gruß über den Gartenzaun oder die perfekten Urlaubsbilder im Netz. Weil wir uns nicht mehr in unserer ganzen Unvollkommenheit kennen, haben wir ständig Angst, verurteilt zu werden, wenn wir einmal die Kontrolle verlieren.

Dabei hat unsere Gesellschaft vor allem Angst vor dem, was unter der Oberfläche brodelt. Vor unseren Trieben. Was passiert mit dem Sexualtrieb, mit der Lust an der Macht oder dem Drang, auch mal derb und ordinär zu sein, wenn wir die Zügel locker lassen? Wenn man ehrlich auf die Geschichte blickt, war damals natürlich längst nicht alles gute Laune. Es ist damals oft genug ausgeartet. Auf solchen Bauernhochzeiten flossen nicht nur Bier und Wein, sondern am Ende oft auch Blut. Da wurden alte Rechnungen mit den Fäusten oder dem Messer direkt vor der Tür geklärt. Und die soziale Kontrolle im Dorf war gnadenlos gegen jeden, der dauerhaft aus der Reihe tanzte oder schwach war, wie etwa die Mägde und Knechte. Wir dürfen diese harte Zeit also nicht blind romantisieren.

Und doch lässt mich die Frage nach dem wahren Reichtum nicht los. Wer war am Ende reicher an echter Erfüllung und Lebensfreude? Wir heute haben die große Freiheit, die Sicherheit und den Komfort. Wir müssen nicht hungern und können selbst über unser Leben bestimmen. Das ist ein riesiges Geschenk. Aber die Menschen auf diesem alten Bild hatten etwas anderes. Sie hatten die Fähigkeit zur vollen Hingabe an den Augenblick. Sie wussten, wo ihr Platz war, sie gehörten fest zusammen und wenn die Geige spielte, dann tanzten sie, als gäbe es kein Morgen. Wir haben heute tausend Möglichkeiten und stehen uns beim Genießen oft selbst im Weg. Vielleicht müssen wir gar nicht zurück ins Jahr 1846. Aber wir sollten dringend wieder lernen, den inneren Kontrolleur ab und zu vor die Tür zu schicken, uns ehrlich in die Augen zu schauen und das Leben einfach mal wieder krachen zu lassen.

Wie geht es Dir, wenn Du dieses alte Bild betrachtest? Hast Du auch manchmal das Gefühl, dass wir vor lauter Vernunft und Kontrolle das echte Feiern und das ungefilterte Miteinander verlernt haben? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne unten in die Kommentare, ich bin sehr gespannt auf Deine Sichtweise.

Euer Schimon

Bild: Lorenzo Quaglio 1793-1869

Dachauer Bauernhochzeit, 1846

Dachauer Galerien und Museen, Dr. Ulrich und Gertrude Lechner Stiftung


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