Wenn Glaube zur Fessel wird – Befreiung aus der religiösen Schuld
Heute Abend, als ich in der Küche das Gemüse für das Abendessen schnitt, ging mir Noras Schilderung über den damaligen Seelsorger nicht aus dem Kopf. In meiner Arbeit mit Menschen begegne ich erschreckend oft einer ganz bestimmten, tief sitzenden Form der seelischen Lähmung. Es handelt sich dabei um das Werkzeug des religiösen Drucks. Besonders grausam ist ein wiederkehrendes Schema: Betroffenen wird über viele Jahre hinweg eingeredet, sie müssten das erlittene Unrecht klaglos als gottgegebenes Schicksal hinnehmen. Mit der Androhung ewiger Schuld, göttlicher Strafe oder gesellschaftlicher Ächtung werden Menschen systematisch dazu gebracht, jahrelanges Leid, Demütigungen und körperliche wie seelische Gewalt klaglos zu ertragen.
Das ist kein Glaube, sondern das Ausnutzen menschlicher Gewissensnot zur Aufrechterhaltung von Machtstrukturen. Wenn heilige Schriften missbraucht werden, um Gewalttaten zu rechtfertigen und Leidenden die Schuld aufzuerlegen, verkehrt sich der schützende Kern des Glaubens in sein Gegenteil. Wer religiöse Gebote als Vorwand nutzt, um Menschen in abwertenden Beziehungen festzuhalten, entstellt das Wesen echter Mitmenschlichkeit. Sich aus einer solchen tief verinnerlichten religiösen Scham zu lösen, erfordert enormen Mut, denn es bedeutet, nicht nur gegen den Täter aufzustehen, sondern auch gegen das verdrehte Gottesbild, das man jahrelang verinnerlicht hat.
Mail an Nora: Die Befreiung von falschen Schuldgefühlen
Sehr geehrte Nora,
was Sie mir über das Gespräch mit Ihrem früheren Seelsorger geschrieben haben, berührt mich tief und macht mich zugleich zutiefst traurig. Dass Ihnen damals eingeredet wurde, Sie müssten das Leid als Prüfung tragen, sich mehr unterordnen und seien selbst an der Wut Ihres Mannes schuld, ist eine verheerende Verdrehung der Tatsachen.
Wenn religiöse Begriffe wie Demut oder Treue genutzt werden, um das Ausbeuten und Demütigen eines Menschen zu verdecken, dann ist das geistlicher Missbrauch. Ein Glaube, der von Ihnen verlangt, Ihre eigene Würde, Ihre Unversehrtheit und Ihre seelische Gesundheit aufzugeben, hat nichts mit Liebe zu tun. Es war nicht Gott, der Ihnen diese Last auferlegt hat, sondern Menschen, die Macht über Sie ausüben wollten.
Ihr einziger Wunsch, den Sie mir genannt haben, ist so schlicht und doch so unendlich kostbar: einmal ohne Angst einzuschlafen und herauszufinden, wer Sie ohne die alltägliche Entwertung sind. Das ist keine Sünde, keine Anmaßung und kein Egoismus. Es ist der tiefste und gesündeste Schutzimpuls Ihrer Seele. Sie haben jedes Recht dieser Welt, genau diesen Schutz zu suchen.
Sie müssen diese alten Ketten aus Schuld und Angst nicht von heute auf morgen abwerfen. Aber ich möchte Ihnen heute ganz klar sagen: Sie tragen absolut keine Verantwortung für das Verhalten Ihres Mannes, und Sie begehen kein Unrecht, wenn Sie nach Frieden und Freiheit streben.
Wie fühlen sich diese Worte für Sie an, wenn Sie sie in Ruhe auf sich wirken lassen?
Herzlichst, Schimon
Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet
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