Die unsichtbaren Gitter des goldenen Käfigs
Der Klang der Stimmen verhallt langsam im hohen Raum des Gemeindesaals. Die Chorprobe ist gerade zu Ende gegangen, und um Nora herum packen die anderen Chormitglieder lachend ihre Notenständer zusammen und unterhalten sich über die Pläne fürs Wochenende. Nach außen hin wirkt die Szenerie vollkommen alltäglich, warm und unbeschwert. Nora steht mittendrin, die Notenmappe sanft an ihre Brust gepresst. Doch während die Fröhlichkeit der anderen den Raum erfüllt, bleibt Nora mit ihren Gedanken in einer ganz eigenen Welt.
Zum ersten Mal seit Jahren hat sich ihr Gesang heute Abend nicht wie ein eingezwängtes Ersticken angefühlt. Als sie die Altstimme anstimmte, schnürte sich ihr Kehlkopf nicht zu. Die Worte, die Schimon ihr zuletzt geschrieben hatte, blieben ihr wie ein stiller Schutzpanzer im Gedächtnis verankert. Ihr Wunsch nach Sicherheit war keine Sünde. Sie musste sich nicht mehr für ihre Sehnsucht schämen.
Kaum tritt sie jedoch aus dem Gebäude und geht zielstrebig zu ihrem Wagen auf dem Parkplatz, krampft sich ihr Magen erneut schmerzhaft zusammen. Die flüchtige Hoffnung auf Freiheit verfliegt augenblicklich, als sie wieder auf die unerbittliche Realität trifft. Als sie den Zündschlüssel dreht, fällt ihr Blick auf die Tankanzeige und das fast leere Portemonnaie in ihrer Handtasche. Darin liegen genau zwanzig Euro Bargeld, die Julian ihr gestern für den Wocheneinkauf abgezählt hingelegt hat. Jeder Kassenbon muss am Sonntagabend auf den Cent genau auf dem Küchentisch präsentiert werden.
Zuhause angekommen, wirkt die edle Villa im gedämpften Licht wie ein museumsgleiches Monument der Stille. Als Julian später aus der Klinik nach Hause kommt, reicht ein einziger beiläufiger Blick von ihm auf die Einkaufsbelege, um Nora die eisige Abhängigkeit wieder schmerzhaft bewusst zu machen. Sie hat kein eigenes Konto. Seit sie vor dreizehn Jahren auf seinen dringenden Wunsch hin ihren Beruf als Krankenschwester aufgab, besitzt sie keinen einzigen Cent eigenen Geldes. Julian verwaltet sämtliche Konten, Depots und Karten. Wer kein Geld hat, hat keine Stimme, hatte er einmal im Scherz zu einem Kollegen gesagt.
In dieser Nacht sitzt Nora lange im schwachen Schein der Schreibtischlampe im Gästezimmer. Der Schrecken über die religiöse Schuld ist gewichen, doch an seine Stelle tritt nun eine ganz praktische, fast lähmende Existenzangst. Wie kann ein Mensch jemals sein eigenes Leben zurückgewinnen, wenn er nicht einmal die Miete für eine kleine Wohnung bezahlen könnte? Mit klopfendem Herzen öffnet sie das Mailprogramm.
Mail an Schimon: Was tun, wenn man absolut nichts besitzt?
Sehr geehrter Herr Winkler, lieber Schimon,
Ihre letzte Nachricht hat mir ein Stück der schweren Last von den Schultern genommen. Zu wissen, dass mein Wunsch nach Schutz und Frieden keine Sünde ist und dass Gott nicht von mir verlangt, mich kaputtmachen zu lassen, hat mir in den letzten Tagen wirklich geholfen. Bei unserer Chorprobe heute Abend konnte ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder singen, ohne dass mir ein Kloß im Hals steckte.
Kaum ist jedoch diese eine Fessel gelöst, baut sich bereits das nächste scheinbar unüberwindbare Hindernis vor mir auf. In ungeschminkter Ehrlichkeit wird mir klar: Es waren keineswegs nur die Schuldgefühle, die mich gefangen hielten – es ist ebenso eine tief sitzende, eiskalte Existenzangst.
Ich habe Ihnen noch gar nicht erzählt, wie meine Alltagswelt finanziell aussieht. Als Julian und ich vor dreizehn Jahren heirateten, bat er mich drängend, meinen Beruf als Krankenschwester aufzugeben. Er wollte, dass ich mich ganz um unser Haus, die Repräsentationspflichten und später um die Kinder kümmere. Dass der Kinderwunsch nie in Erfüllung ging, hat diese Leere nur noch größer gemacht.
Heute besitze ich absolut nichts. Ich habe kein eigenes Bankkonto, keine eigene EC-Karte und keine Ahnung von unseren Finanzen. Wenn ich einkaufen gehe, muss ich Julian jeden einzelnen Kassenbon vorlegen. Wenn ein Betrag nicht stimmt oder ich mir ein Buch kaufe, das er nicht abgesegnet hat, folgt eine stundenlange Befragung über meine Verschwendungssucht.
Wenn ich mir vorstelle, diesen Ort jemals zu verlassen oder auch nur einen eigenen Schritt zu wagen, überrollt mich die schiere Panik. Wo sollte ich hin? Wovon sollte ich Miete oder Essen bezahlen? Ich habe seit über zehn Jahren nicht mehr in meinem Beruf gearbeitet und keine Ersparnisse.
Lieber Schimon, wie soll ein Mensch Mut fassen und eine Stimme entwickeln, wenn er finanziell vollkommen entmachtet ist und das Gefühl hat, ohne den Partner sofort auf der Straße zu landen?
Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Geduld mit mir.
Herzliche Grüße Nora
Bild: Symbolbild / KI-generiert
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