Der Raum des Zuhörens – Wenn Schweigen bricht, braucht es keine schnellen Antworten
Wenn mich Briefe wie der von Nora erreichen, spüre ich jedes Mal aufs Neue, wie schwer die ersten Worte wiegen können. Es braucht eine unermessliche Kraft, das Schweigen zu brechen, wenn man jahrelang in einem Gefüge aus Erwartungen, Abwertungen und schleichender Kontrolle gelebt hat. Oft begegnen wir Menschen in Not mit vorschnellen Lösungsansätzen. Wir wollen helfen, wollen Ordnung schaffen und greifen dabei nur zu rasch zu gut gemeinten Ratschlägen. Doch wer mitten im Schock steht, braucht keine fertigen Anleitungen für ein neues Leben. Schnelle Rezepte klingen zwar pragmatisch, aber sie gehen am Kern des menschlichen Erlebens vorbei und erzeugen meist nur noch mehr Druck.
In der Arbeit mit Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren haben, geht es am Anfang um etwas ganz anderes. Es geht darum, einen Raum des Zuhörens zu schaffen, in dem nichts bewertet, nichts relativiert und nichts beschönigt wird. Wenn die eigene Wahrnehmung über Jahre hinweg verdreht wurde, ist das Einfachste oft das Schwerste: darauf zu vertrauen, dass das eigene Empfinden richtig ist. Deshalb ist der erste Schritt in einem Coaching nie das Abarbeiten von Aufgaben, sondern das gemeinsame Aushalten der Ungewissheit. Erst wenn ein Mensch spürt, dass er mit all seinen Zweifeln, Ängsten und seiner Scham vollkommen angenommen wird, kann sich die seelische Erstarrung langsam lösen.
Mail an Nora: Sie müssen heute keine Antworten haben
Sehr geehrte Nora,
vielen Dank für Ihren Mut und Ihr Vertrauen, mir zu schreiben. Ich habe Ihre Zeilen sehr aufmerksam gelesen, und das Erste, was ich Ihnen von Herzen sagen möchte: Ich höre Sie, und ich glaube Ihnen. Sie müssen sich für absolut nichts schämen, was in Ihrem Leben und in Ihrer Ehe geschehen ist. Dass Sie trotz aller Angst die Kraft aufgebracht haben, Ihre Situation aufzuschreiben und mir zu schicken, ist ein erstaunlicher Akt von innerer Selbstachtung.
Sie schreiben, dass Sie völlig hilflos sind und nicht wissen, wo Sie anfangen sollen. Das müssen Sie heute auch gar nicht wissen. Sie müssen jetzt keine Pläne schmieden, keine schweren Entscheidungen erzwingen und keine fertigen Antworten parat haben. Wenn die Seele lange Zeit unter extremer Anspannung gestanden hat, braucht das Nervensystem erst einmal Raum, um überhaupt wieder durchzuatmen.
Ich möchte Sie nicht mit Ratschlägen überschütten oder Ihnen sagen, was Sie zu tun haben. Wenn Sie möchten, erzählen Sie mir Schritt für Schritt mehr von sich und Ihrer Situation – ganz so, wie es sich für Sie stimmig anfühlt. Wie geht es Ihnen in diesem Moment, da Sie diese Zeilen lesen? Und was ist der Wunsch, der im Augenblick am lautesten in Ihnen ruft, ganz unabhängig davon, was andere von Ihnen erwarten?
Sie allein bestimmen das Tempo. Ich bin hier, nehme mir Zeit für Sie und begleite Sie.
Herzlichst,
Schimon
Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet
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