Kulinarik

Hauptsache billig und schnell satt: Warum wir unsere Esskultur auf dem Müllberg der Bequemlichkeit opfern

Vor kurzem stand ich in einem Burger King. Das passiert mir allerhöchstens einmal im Jahr. Normalerweise mache ich um solche Läden einen großen Bogen. Doch an diesem Tag stand ich da, habe gewartet und mir das Treiben einfach mal ganz bewusst angeschaut. Was ich dort gesehen habe, ließ mich nicht mehr los. Überall herrschte Hektik. Hinter der Theke wurde nicht gekocht, dort wurden im Sekundentakt Knöpfe gedrückt und genormte Teile zusammengebaut. Vor der Theke schlangen Menschen ihr Essen in wenigen Minuten herunter, den Blick starr auf das Smartphone gerichtet. Zehn Minuten später kippten sie ihre Tabletts ab. Zurück blieben riesige Berge aus Pappe, Plastik und kaltem Frittierfett Geruch.

Als ich wieder draußen war, musste ich an meinen Artikel denken, in dem ich über meine persönliche politische Notbremse geschrieben habe. Mir kam eine einfache, aber bittere Frage in den Sinn. Kann unsere Gesellschaft überhaupt noch genießen? Wir hetzen durch den Tag, reagieren nur noch auf Reize und merken gar nicht, wie sehr sich diese innere Getriebenheit auf unseren Tellern widerspiegelt. Man isst heute irgendetwas, nur um schnell satt zu werden. Man greift zu dem, was am wenigsten kostet und keine Arbeit macht. Der Körper bekommt zwar seine Kalorien, genau wie ein Auto seinen Sprit an der Tankstelle bekommt. Aber unsere Seele geht dabei völlig leer aus.

Wir werden seit Jahrzehnten von der Werbung der großen Discounter und Fastfood-Konzerne manipuliert. Tag für Tag erzählen uns bunte Werbespots von Aldi, Lidl oder McDonald’s zwei große Lügen. Die erste Lüge lautet, dass unsere Zeit viel zu schade zum Kochen sei. Die zweite Lüge redet uns ein, dass es besonders klug sei, beim Essen jeden Cent umzudrehen. In Deutschland hat das tiefe Spuren hinterlassen. Wir stellen uns ohne mit der Wimper zu zucken ein teures Auto in die Einfahrt oder kaufen eine Einbauküche für zwanzigtausend Euro. Aber in genau dieser teuren Küche landet dann das billigste Fleisch aus dem Sonderangebot in der Pfanne. Wenn ich nach Frankreich schaue, erlebe ich eine ganz andere Welt. Dort hat das Essen einen echten Stellenwert. Man gibt gerne mehr Geld für gute Zutaten aus, weil man sich selbst und dem eigenen Körper etwas wert ist.

Mich schmerzt diese Gleichgültigkeit bei uns oft ganz besonders. Ich war über vierzehn Jahre lang in der Aquaponik tätig und habe selbst Speisefische und Gemüse produziert. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, ein hochwertiges Lebensmittel zu erzeugen. Ich kenne die Arbeit, die Sorgen um das Wetter, die Geduld und die unzähligen Handgriffe, bis ein gesunder Fisch oder ein kräftiger Salatkopf überhaupt erst geerntet werden können. Wer einmal selbst erlebt hat, wie viel Leben und Mühe in einer einzigen Zutat stecken, der wirft sie nicht achtlos in sich hinein. Der schaut mit Demut auf seinen Teller und empfindet Respekt vor dem Erzeuger. Doch genau diese Verbindung haben die meisten Menschen heute komplett verloren. Zwischen der eingeschweißten Plastikpackung im Kühlregal und der echten Erde klafft ein riesiger Abgrund.

Eine gute Soße ist wie ein Ölgemälde

Ich gebe ehrlich zu, dass mir im normalen Alltag unter der Woche auch oft die Zeit fehlt. Zwischen Beruf und Verpflichtungen muss es manchmal auch bei mir unkompliziert gehen. Aber immer dann, wenn ich am Wochenende oder an freien Abenden die Zeit und die Muße finde, ziehe ich meine eigene kleine Notbremse. Dann binde ich mir meinen Schurz um und zelebriere das Kochen regelrecht. Für mich ist das keine lästige Hausarbeit, sondern ein Ausbruch aus dem Alltagstrott.

In meinem tiefsten Inneren bin ich ein kreativer Mensch. Früher habe ich viel gemalt. Heute stehe ich am Herd und merke, dass das Kreieren einer guten Soße im Grunde nichts anderes ist als ein Ölgemälde. Damals habe ich mit Farben, Licht und Schatten gestaltet. Heute gestalte ich mit Gewürzen, Kräutern, Säure und Röstaromen. Ich rieche über dem Topf, ich schmecke ab, ich lasse mir Zeit und gebe der Soße Schicht für Schicht mehr Tiefe. Vielleicht bin ich in diesen Momenten am Herd sogar ein kleines bisschen egoistisch. Ich nutze die Küche als meine ganz persönliche Ruheinsel, auf der mir der Lärm der Welt nichts anhaben kann. Aber das Schöne an diesem Egoismus ist das Ergebnis. Denn nichts macht mir mehr Freude, als etwas wirklich Gutes zu erschaffen und anschließend die Menschen, die ich liebe, damit am Tisch zu verwöhnen.

Der verlassene Familientisch und eine verlorene Generation

Wenn ich sehe, wie selbstverständlich heute schon junge Menschen auf Lieferdienste, Fertigpizza und Tütenprodukte zurückgreifen, mache ich mir ernsthaft Sorgen um die Generation Z und alle, die danach kommen. Wie soll ein junger Mensch den Wert einer frischen Mahlzeit schätzen lernen, wenn er zu Hause nie erlebt hat, wie aus einfachen Kartoffeln, Lauch und etwas Brühe ein wärmender Eintopf entsteht? Wenn die Geschmacksnerven von klein auf durch künstliche Aromen, zu viel Zucker und Geschmacksverstärker betäubt werden, schmeckt echtes Essen irgendwann fremd. Wer nicht mehr kochen kann, verliert ein Stück seiner Unabhängigkeit und liefert sich komplett der Lebensmittelindustrie aus.

Der allergrößte Verlust findet jedoch nicht auf dem Herd statt, sondern im Esszimmer. In welcher Familie sitzt man heute eigentlich noch wenigstens einmal am Tag gemeinsam an einem Tisch? Früher war der Esstisch der soziale Mittelpunkt des Hauses. Dort kam man zusammen, hat das Brot geteilt, sich in die Augen geschaut, über Sorgen gesprochen und gemeinsam gelacht. Heute holt sich jeder zu einer anderen Uhrzeit etwas aus der Mikrowelle und verschwindet damit vor den eigenen Bildschirm. Wir nennen das moderne Flexibilität. In Wahrheit ist es pure Einsamkeit.

Genuss braucht keine Sterne-Gastronomie und kein großes Bankkonto. Genuss beginnt in dem Moment, in dem wir das Tempo herausnehmen, ein einfaches Lebensmittel mit allen Sinnen wahrnehmen und dankbar dafür sind, dass wir es auf dem Teller haben. Es ist höchste Zeit, dass wir nicht nur im Kopf, sondern auch in unseren Küchen wieder zu uns selbst finden.

Wie sieht das bei Dir im Alltag aus? Nimmst Du Dir noch bewusst die Zeit, um mit frischen Zutaten zu kochen, und sitzt Ihr zu Hause noch gemeinsam am Tisch, oder ertappst Du Dich auch oft dabei, dass das Essen im Stress zur reinen Nebensache wird? Schreib mir Deine Gedanken und Erfahrungen gerne unten in die Kommentare, ich freue mich auf den Austausch mit Dir!

Euer Schimon

Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet


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