Stark durchs Leben

Die große Hoffnungs-Lüge: Warum wir uns mit diesem Sprichwort selbst betrügen

Das Sprichwort ist uns so vertraut wie das tägliche Brot. “Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Wir sagen es uns, wenn wir im Stau stehen, wir sagen es uns, wenn das Geld am Ende des Monats knapp wird, und wir flüstern es uns zu, wenn das Leben uns mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Kennst Du das auch? Manchmal schießt einem völlig unvermittelt ein Gedanke durch den Kopf, ein Satz, den man schon tausendmal gehört hat, der aber plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheint. Mir ging es heute Morgen genau so: Während der Fahrt zur Arbeit rotierte dieses bekannte Sprichwort in meinem Kopf und ließ mich nicht mehr los. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass wir uns mit dieser Floskel vielleicht gewaltig etwas vormachen. Was stirbt denn wirklich zuletzt? Ist es die Hoffnung oder ist es nicht viel eher das Ziel, der Traum oder sogar der Mensch selbst? Wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass die Hoffnung oft ein einsamer Vorreiter ist. Sie ist die Triebfeder, der Treibstoff unseres Handelns. Wenn der Tank leer ist, rollt der Wagen zwar noch aus Trägheit ein Stück weiter, aber die Reise ist eigentlich schon beendet. Die Hoffnung ist kein passiver Zuschauer, der das Licht ausmacht; sie ist das Licht selbst. Und wenn dieses Licht erlischt, sitzen wir im Dunkeln, auch wenn die physische Realität um uns herum noch eine Weile so tut, als wäre alles beim Alten.

Nehmen wir das nüchterne Beispiel der Aktien. Du investierst Dein hart verdientes Geld, weil Du die Hoffnung hast, dass es sich vermehrt. Du hast Wünsche, Träume von dem, was Du mit dem Gewinn tun willst. Dann fallen die Kurse. Zuerst redest Du Dir ein, dass es nur eine vorübergehende Kursschwankung ist. Deine Hoffnung ist noch stark. Doch die Kurse fallen weiter. Die Experten im Fernsehen schütteln die Köpfe. Langsam, Stück für Stück, bröckelt das Fundament deiner Zuversicht. Du glaubst nicht mehr wirklich an die Wende, aber Du hältst fest an deinen Aktien. Irgendwann kommt der Punkt, an dem Du innerlich aufgibst. Die Hoffnung auf den Gewinn ist gestorben. Aber erst Tage oder Wochen später schaust Du auf Dein Depot und siehst das bittere Minus. Das Geld ist weg. Das Ziel ist unwiederbringlich verloren. Was ist hier zuletzt gestorben? Sicher nicht die Hoffnung. Die war schon lange beendet, bevor Du den endgültigen Schlussstrich unter Dein Investment gezogen hast. In diesem Moment wird Hoffnung zu einer Art kognitiver Arbeit. Sie braucht Ziele, Wege und das Gefühl von eigener Handlungsmacht. Wenn Du merkst, dass Du keinen Weg mehr hast, das Ruder herumzureißen, dann stirbt die Hoffnung, während Du noch am Schreibtisch sitzt und auf den Bildschirm starrst.

Wenn das Fundament der Gemeinschaft bröckelt

Noch dramatischer wird es bei existenziellen Themen wie einer schweren Krankheit. Ein Mensch bekommt eine Diagnose, die alles verändert. Die Ärzte machen Hoffnung, sprechen von Therapien, die bei anderen angeschlagen haben. In diesem Moment flammt die Hoffnung auf und mit ihr die Freude und die Kraft zu kämpfen. Doch wenn die Medizin nicht greift, wenn der Körper schwächer wird, tritt eine Phase ein, in der die Hoffnung schwindet. Man will es erst nicht wahrhaben, bäumt sich auf, aber irgendwann kommt das Akzeptieren des Schicksals. Die Hoffnung auf Heilung ist zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Der Mensch bereitet sich auf das Ende vor, er lässt los. Zuletzt stirbt die Person, aber die Hoffnung ist oft schon Wochen vorher leise aus dem Zimmer geschlichen. Hier zeigt sich der tiefe Unterschied zwischen Optimismus und wahrer Hoffnung. Optimismus ist der Glaube, dass alles gut ausgeht. Wahre Hoffnung aber, wie sie auch in der Philosophie oft beschrieben wird, ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Wenn die Hoffnung auf das Leben stirbt, bleibt vielleicht die Hoffnung auf einen würdevollen Abschied. Aber das ursprüngliche Ziel – die Heilung – ist längst begraben.

Wir müssen Hoffnung als etwas Soziales begreifen, als etwas, das zwischen uns geschieht. In einem Teamprojekt habe ich das oft erlebt, besonders im Bereich der Aquaponik. Da gibt es eine Gruppe von Menschen, die eine Vision haben. Sie sind kompetent, sie haben einen Plan. Aber dann kommen die Hürden. Die Hoffnung des Teams ist groß, weil sie die Lösung kennen. Doch da ist noch der Geldgeber. Er sieht nur die Probleme, er versteht die technischen Details nicht so allumfassend wie das Team. Bei ihm schwindet die Hoffnung zuerst. Und weil er die Ressourcen kontrolliert, entzieht er dem Projekt die Grundlage. Das Team steht fassungslos da: Sie hatten noch Hoffnung, aber das Projekt stirbt, weil die Hoffnung eines anderen gestorben ist. In sozialen Gefügen sind wir voneinander abhängig. Deine Hoffnung ist nicht nur dein Privatvergnügen. Sie ist an das Vertrauen derer gekoppelt, mit denen Du unterwegs bist. Wenn in einer Ehe einer der Partner die Hoffnung in die gemeinsame Zukunft verliert, kann der andere noch so sehr kämpfen. Die Beziehung ist ein Bund, und wenn einer der beiden keine Chance mehr sieht, dann stirbt das gemeinsame Ganze. Ein einziger Mensch, der die Hoffnung aufgibt, kann wie ein Sauerteig wirken, der das ganze Projekt oder die ganze Beziehung säuert und schließlich zum Erliegen bringt.

Die Mathematik der Motivation und das Staubsauger-Prinzip

Wie können wir also diese kostbare Triebfeder “Hoffnung” nähren, damit sie uns nicht vorzeitig verlässt? Wir müssen lernen, Hoffnung realistisch einzuschätzen. Während meiner Zeit als Staubsaugervertreter bei der Firma Kirby, ja richtig gelesen, das habe ich auch mal gemacht, habe ich viel über Motivation gelernt. Da gab es diese morgendlichen Runden, dieses „Tschaka“- Motivation Ding. Wir wurden mit Sprüchen von Erfolg gefüttert. Einmal hat ein Vorgesetzter sogar die Provision eines Top-Verkäufers in kleine Scheine gewechselt und sie in einem Karton über ihm ausgeleert. Alle haben gejubelt, alle waren motiviert. Aber diese Art von Hoffnung, die nur auf emotionalen Hochs basiert, hält nicht lange vor. Sie ist wie ein Strohfeuer. Wer das Geschäft nicht realistisch einschätzt, wer nicht weiß, dass man für einen Verkauf vielleicht fünf oder zehn Absagen kassieren muss, der verliert seine Hoffnung so schnell, wie er sie gewonnen hat. Echte Hoffnung braucht ein mathematisches Fundament. Du musst Deine Ressourcen prüfen: Habe ich genug Kraft, genug Zeit, genug Geld? Wenn Deine Analyse ergibt, dass Du eine 80- bis 90-prozentige Chance hast, Dein Ziel zu erreichen, dann ist Deine Hoffnung berechtigt. Dann ist sie kein Wunschdenken, sondern eine kalkulierte Motivation, die Dich auch durch harte Zeiten trägt.

Dazu gehört auch die Wahl der richtigen Ratgeber. Woher beziehst Du Deine Hoffnung? Sind es kompetente Menschen, die das Thema kennen, oder suchst Du Dir Bestätigung bei Wahrsagern oder Menschen, die Dir nur nach dem Mund reden? Hoffnung ohne Kompetenz ist gefährlich. Wenn Du Dich auf jemanden verlässt, der Dir sagt, dass die Sterne gut stehen, lehnst Du Dich vielleicht zurück und tust nichts mehr. Damit entziehst Du Deiner Hoffnung die Handlungsmacht. Wahre Hoffnung wächst dort, wo Menschen zusammenkommen, die sich gegenseitig ergänzen und ehrlich zueinander sind. Ein Team aus kompetenten Köpfen, die sich gegenseitig stützen, hat eine viel höhere Resilienz. Wenn ein Holzscheit allein im Feuer liegt, erlischt es schnell. Legst Du vier oder fünf zusammen, entsteht eine Glut, die auch einen Regenguss übersteht. Diese Ressourcen – sowohl die materiellen als auch die menschlichen – sind das Netz, das die Hoffnung auffängt, wenn es mal bergab geht.

Wenn die Wahrheit zur Rettung der Hoffnung wird

Der absolut größte Killer der Hoffnung ist jedoch die Unwahrheit. Wir können uns selbst belügen, wir können unsere Partner belügen oder unsere Investoren. Wenn wir uns Dinge schönreden, die nicht da sind, bauen wir ein Kartenhaus. Im Projektmanagement sieht man das oft: Leiter geben vor, alles im Griff zu haben, obwohl es brennt. Aber das Team durchschaut das irgendwann. In dem Moment, in dem die Lüge entlarvt wird, stirbt die Hoffnung auf eine ehrliche Zusammenarbeit. Wenn ein Investor merkt, dass er hintergangen wurde, wird er keine Hoffnung mehr in das Projekt setzen, egal wie gut die Zahlen morgen aussehen könnten. Wahrheit ist die Basis für Vertrauen, und Vertrauen ist der Boden, auf dem Hoffnung wächst. Manchmal ist es sogar notwendig, eine Hoffnung sterben zu lassen, um eine neue, wahrhaftige Perspektive zu finden. Das bewusste Loslassen einer falschen Hoffnung ist kein Versagen, sondern ein Akt der Weisheit. Es befreit uns von der Last der Illusion und macht den Blick frei für Ziele, die wirklich erreichbar sind.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir unsere Hoffnung aktiv pflegen müssen. Sie ist kein Geschenk, das einfach da ist, sondern ein Werkzeug, das wir schärfen müssen. Achte darauf, womit Du Deine Hoffnung fütterst. Sind es Luftschlösser oder sind es reale Fortschritte? Nimm die Menschen um Dich herum mit, fördere ihre Hoffnung durch Ehrlichkeit und Transparenz, denn alleine wirst Du den Weg kaum bis zum Ende gehen können. Wenn wir verstehen, dass Hoffnung die Energie ist, die vor dem Ziel kommt, dann werden wir vorsichtiger damit umgehen. Wir werden sie nicht als selbstverständlich ansehen, sondern als den kostbarsten Teil unseres Weges. Denn wenn sie stirbt, dann stirbt nicht nur ein Gefühl – dann stirbt die Zukunft, noch bevor sie begonnen hat.

Was denkst Du darüber? Hast Du es auch schon erlebt, dass die Hoffnung lange vor dem eigentlichen Ereignis gestorben ist, oder gab es Momente, in denen sie dich tatsächlich bis zur letzten Sekunde getragen hat? Schreib es mir gerne in die Kommentare, ich freue mich auf eure Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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