Selbstreflexion & Sinnfindung

Gefangen im eigenen Schmerz: Wie du dich aus der Affenfalle der Opferrolle befreist

Heute Morgen stand ich in der Küche und habe mir einen Yogi Kräutertee aufgebrüht. Während das heiße Wasser in die Tasse lief, fiel mein Blick auf den kleinen Zettel am Faden. Dort stand ein kurzer Satz: Lass los und schaffe Raum für das Neue. Normalerweise schmunzle ich über diese Teebeutel Weisheiten. Oft passen sie überhaupt nicht in den Moment oder klingen wie abgedroschene Kalendersprüche. Doch heute Morgen war das anders. Dieser einfache Satz hat eine alte Erinnerung in mir geweckt. Vor vielen Jahren hat mir jemand erzählt, wie man in manchen Teilen Afrikas Affen fängt. Diese Methode ist so simpel wie erschreckend.

Die Jäger suchen sich einen dicken Baumstamm und höhlen ihn aus. Dann machen sie ein kleines Loch in das Holz. Die Öffnung ist gerade so groß, dass die flache Hand eines Affen knapp hindurch passt. In den hohlen Stamm legen sie einen kleinen Ball. Es dauert meist nicht lange, bis ein neugieriger Affe vorbeikommt. Er entdeckt das Versteck, greift durch das Loch und umschließt den Ball mit seinen Fingern. Er will dieses Ding unbedingt haben. Doch genau jetzt schnappt die Falle zu. Mit der geschlossenen Faust passt seine Hand nicht mehr durch das enge Loch. Der Affe steckt fest. Das wirklich Kuriose passiert aber erst, wenn der Mensch sich nähert. Der Affe sieht die Gefahr. Er gerät in Panik, zerrt an seinem Arm und schreit. Er könnte sofort weglaufen und sein Leben retten. Er müsste nur seine Finger strecken und den Ball loslassen. Aber er tut es nicht. Er hält seine Beute so krampfhaft fest, dass er sich lieber fangen lässt, als auf den Ball zu verzichten.

Über dieses Verhalten können wir leicht den Kopf schütteln. Doch sind wir Menschen wirklich so viel klüger als dieser Affe? Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sehe ich überall Hände, die in unsichtbaren Baumstämmen feststecken. Wir halten krampfhaft an Dingen fest, die uns längst unsere Freiheit rauben. Wir sind wie gebunden und wundern uns, warum in unserem Leben kein Platz für Neues entsteht.

Warum wir an der Opferrolle festhalten und uns selbst blockieren

Der gefährlichste Ball, den wir Menschen umklammern können, ist die eigene Opferrolle. Ich beobachte dieses Muster sehr häufig. Da gibt es Menschen, die bereits im fortgeschrittenen Alter sind und trotzdem noch jeden Tag mit ihrer Kindheit hadern. Sie erzählen immer wieder dieselben Geschichten. Sie beklagen sich darüber, wie schlimm ihre Kindheit war, wie ungerecht sie behandelt wurden. Dieses Muster zieht sich dann wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben. Später ist es der Freund, dem man vertraut hat und der sie dann angeblich hintergangen hat. Sie gehen diesem Menschen bis heute aus dem Weg und wärmen den alten Groll bei jeder Gelegenheit wieder auf.

Besonders tragisch wird es, wenn dieses Verhalten den Alltag komplett vergiftet. Man unterhält sich mit einer solchen Person über ganz normale, aktuelle Themen. Plötzlich äußert jemand eine kleine, konstruktive Kritik. Sofort geht das Gegenüber in die totale Abwehrhaltung. Der Mensch fühlt sich angegriffen, obwohl überhaupt kein Angriff stattgefunden hat. Er spiegelt seine alten Verletzungen in jede neue Situation hinein. Das Sonderbare daran ist oft, dass die Verursacher von damals längst um Vergebung gebeten haben. Die Personen haben ihre Fehler eingesehen. Die Entschuldigung wurde sogar offiziell angenommen. Eigentlich ist die Sache geklärt. Doch es dauert keine zwei Monate, da zieht der Betroffene die alten Geschichten wieder aus der Schublade. Er frischt den Schmerz in Gesprächen mit anderen künstlich wieder auf. Er lässt den Ball einfach nicht im Baumstamm liegen.

Warum macht ein Mensch so etwas, obwohl er offensichtlich darunter leidet? Die Antwort ist unbequem. Die Opferrolle bringt scheinbare Vorteile mit sich. Wer das Opfer ist, trägt keine Verantwortung für sein aktuelles Leben. Man hat immer eine Ausrede parat, warum man selbst nicht ins Handeln kommen muss. Außerdem sichert das Leid die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl der anderen. Es ist ein stummer Schrei nach Liebe und Anerkennung. Wenn jemand über Jahrzehnte in diesem Selbstmitleid gefangen ist, wird der Schmerz zu einem Teil seiner Persönlichkeit. Ohne den Groll wüsste dieser Mensch gar nicht mehr, wer er eigentlich ist.

An diesem Punkt stößt man mit gut gemeinten Ratschlägen an eine harte Grenze. Auch ich als Coach kann hier mit normalem Coaching nichts mehr ausrichten. Wenn ein Mensch so tief in seinen alten Wunden wohnt, braucht er professionelle Hilfe durch eine Psychotherapie. Als Coach würde ich hier nur noch ein einziges, sehr niedrigschwelliges Ziel verfolgen. Ich würde versuchen, den Menschen behutsam an den Punkt zu begleiten, an dem er sein eigenes Gefängnis überhaupt erst erkennt. Wenn er dann bereit ist, therapeutische Hilfe anzunehmen, ist schon unendlich viel gewonnen.

Alten Groll loslassen: Wie du die Warnsignale rechtzeitig erkennst

Mir stellt sich bei solchen Begegnungen immer eine wichtige Frage. Was können wir selbst tun, damit wir gar nicht erst in diese chronische Verbitterung abrutschen? Wie merken wir rechtzeitig, dass wir uns in etwas verbeißen?

Bei mir selbst funktioniert mein eigenes Gemüt wie eine zuverlässige Warnleuchte. Ich bin ein Mensch, der sehr viel über sich nachdenkt. Mir sind Harmonie und innerer Frieden extrem wichtig. Wenn ich im Alltag plötzlich merke, dass dieser Frieden weg ist, werde ich hellhörig. Es schleicht sich dann ein dumpfes, unruhiges Gefühl in meine Brust. Sobald ich das spüre, halte ich inne. Ich frage mich ganz konkret, was gerade mit mir los ist. Meistens komme ich dann ziemlich schnell auf den Punkt und finde den eigenen Fehler im System. Natürlich hilft mir dabei meine Erfahrung als Coach. Ich habe das nötige Hintergrundwissen und bin für solche inneren Prozesse stark sensibilisiert.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass mir das Loslassen immer leicht fällt. Ich bin da nicht besser als andere Menschen. Auch ich habe schon oft festgestellt, wie verlockend es ist, einfach mal in der Opferrolle zu schmollen. Es fühlt sich im ersten Moment gut an, die Schuld bei den anderen zu suchen und sich im Recht zu fühlen. Doch ich habe einen festen Grundsatz in meinem Leben. Ich will und kann mich nicht selbst belügen. Wenn ich bei meiner ehrlichen Innenschau merke, dass ich gerade aus falschem Stolz an einem Groll festhalte, weckt das meinen Ehrgeiz. Diese Ehrlichkeit zu mir selbst motiviert mich, die Finger wieder aufzumachen. Das klappt selten auf Knopfdruck. Manchmal brauche auch ich zwei oder drei Tage, bis mein Trotz nachlässt und ich innerlich wirklich bereit bin, den Ball loszulassen. Aber dieser innere Kampf lohnt sich jedes Mal. Sobald die Hand aufgeht, kehrt der Frieden zurück.

Wie sieht das in deinem Leben aus? Welchen Ball hältst du vielleicht gerade krampfhaft in der Faust, obwohl er dir längst deine Freiheit und deinen inneren Frieden raubt? Schreib mir deine Gedanken und Erfahrungen gerne unten in die Kommentare, ich freue mich auf den ehrlichen Austausch mit dir.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild / KI-generiert


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