Generation Dosen-Ravioli: Warum wir verlernt haben, für uns selbst zu kochen
Vor ein paar Tagen schaltete ich morgens kurz den Fernseher ein und blieb bei einer Dokumentation über Fertiggerichte hängen. Eine Expertin erklärte darin, welche enorme Macht bekannte Marken in diesem Segment haben, und plötzlich ging es um den wohl berühmtesten Klassiker überhaupt, die Dosen-Ravioli. In diesem Beitrag zeigten sie ein junges Ehepaar mit einem kleinen Kind. Die beiden erzählten völlig selbstverständlich, dass Ravioli aus der Dose bei ihnen regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. Als sie eine breite Küchenschublade aufzogen, lagen darin aufgereiht sämtliche Sorten, die der Markt hergibt. Sie isst die Teigtaschen am liebsten warm, während ihr Mann sie am liebsten direkt kalt aus der Dose löffelt. Ich saß vor dem Bildschirm und musste diesen Anblick erst einmal verdauen.
Dabei begann die Geschichte dieser Blechdose einst mit einer fast schon romantischen Sehnsucht. Als Maggi im Jahr 1958 im südbadischen Singen die ersten Dosen-Ravioli vom Band laufen ließ, traf das den Nerv der jungen Bundesrepublik. Kurz zuvor war die Fünf-Tage-Woche eingeführt worden, und die erste große Reisewelle rollte über den Brenner nach Italien. Die Deutschen saßen am Gardasee oder in Rimini zum ersten Mal beim Italiener, trauten sich zu Hause aber noch nicht an die fremde mediterrane Küche heran. Olivenöl und Knoblauch galten in den heimischen Töpfen noch als exotisch. Die gelb-rote Dose versprach das schnelle Urlaubsgefühl für das eigene Esszimmer und wurde später sogar zum Kultproviant auf Campingplätzen. Doch was Ende der fünfziger Jahre als gelegentliches Abenteuer für den Campingkocher gedacht war, hat sich über Jahrzehnte schleichend in den ganz normalen Familienalltag gefressen. Heute sind wir in der dritten, vierten oder sogar fünften Generation angekommen. Die Kinder von damals gaben die Dose an ihre Kinder weiter, und heute sitzen Urenkel am Tisch, für die eine aufgerissene Konserve eine vollwertige Mahlzeit darstellt.
Es geht dabei längst nicht mehr nur um Teigtaschen in Tomatensoße, sondern um eine gigantische Flut an hochverarbeiteten Produkten, die man nur noch aufreißen und in die Mikrowelle oder den Backofen schieben muss. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist der Umsatz mit solchen Fertiggerichten regelrecht explodiert und hat sich in vielen Bereichen der schnellen Küche fast verdoppelt. Fast die Hälfte unserer täglichen Kalorien stammt mittlerweile aus der Fabrik. Wenn man sich anschaut, was in diesen Packungen steckt, wird mir ganz anders. Dort arbeiten die Hersteller oft nicht einmal mehr mit echten Gewürzen, also natürlichen pflanzlichen Bestandteilen, sondern mit billiger Würze, künstlichen Aromen, Geschmacksverstärkern, Unmengen an Salz und verstecktem Zucker. Erst in meinem letzten Artikel, in dem ich unter dem Titel Hauptsache billig und schnell satt über den Verfall unserer Esskultur geschrieben habe, verglich ich eine selbst gekochte Soße mit einem Ölgemälde, dem man Schicht für Schicht mit echten Kräutern und Röstaromen Tiefe verleiht. Was heute millionenfach aus Plastikschalen und Blechdosen auf den Tellern landet, hat mit diesem Handwerk nichts mehr zu tun.
Als das Wissen über das Kochen immer kleiner wurde
Ich frage mich immer wieder, warum so viele Menschen heute wie selbstverständlich zu diesen Industrieprodukten greifen. Natürlich fehlt vielen im hektischen Alltag die Zeit, oder sie nehmen sie sich schlicht nicht mehr. Und weil ständiges Essen gehen im Restaurant für eine normale Familie finanziell überhaupt nicht machbar ist, scheint der Griff ins Kühlregal oft der einzige Ausweg zu sein. Doch die eigentliche Ursache liegt viel tiefer. Ich erlebe es in meiner täglichen Arbeit mit den unterschiedlichsten Menschen immer wieder. Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, die in der Küche völlig fit sind, die gerne kochen und genau wissen, was sie tun. Auf der anderen Seite begegne ich aber immer mehr Menschen, die vor einem Herd völlig hilflos sind. Sie haben schlichtweg keine Ahnung, wie man aus frischen Grundzutaten ein Essen zubereitet, und genau deshalb empfinden sie das Kochen als frustrierende Last, die ihnen keinerlei Freude bereitet. Woher sollen sie es auch wissen, wenn schon im eigenen Elternhaus nur noch Fertigpackungen aufgewärmt wurden?
Um zu verstehen, wie uns diese lebenswichtige Kompetenz abhanden gekommen ist, lohnt sich ein Blick zurück. Früher waren die gesellschaftlichen Rollen starr verteilt. Der Mann lernte einen Beruf oder studierte, und sein Gehalt reichte in der Regel aus, um die Familie zu ernähren. Die Frau war für das gesamte Management des Hauses zuständig, von der Kindererziehung über die Wäsche bis hin zur Ernährung. Das hat sich durch die Emanzipation der Frau grundlegend verändert, und es steht völlig außer Frage, dass diese Gleichberechtigung in Beruf und Familie ein wichtiger und richtiger Schritt war. Doch bei diesem gesellschaftlichen Wandel ist uns etwas Entscheidendes durch die Finger geglitten. Früher besuchten junge Frauen nach der regulären Schulzeit oft eine Haushaltsschule und gingen anschließend in Stellung, wie man das damals nannte. Sie arbeiteten als Hausmädchen in einem erfahrenen Haushalt und lernten dort von der Hausfrau von der Pike auf, wie man wirtschaftet, näht, bügelt und aus einfachen Rohstoffen nahrhafte Mahlzeiten kocht. Als sie später selbst eine Familie gründeten, brachten sie einen riesigen Erfahrungsschatz mit. Als sich dieses alte Rollenbild auflöste, haben wir als Gesellschaft jedoch vergessen, dieses Wissen auf neue Beine zu stellen und es Jungen und Mädchen gleichermaßen beizubringen.
Ich selbst hatte in meiner Jugend das große Glück, genau diese Schule noch durchlaufen zu dürfen. Nach der Hauptschule besuchte ich die zweijährige hauswirtschaftliche und sozialpädagogische Berufsfachschule in Öhringen. Wir waren damals zweiunddreißig junge Leute in der Klasse, dreißig Mädchen und genau zwei Jungs. Das war eine unheimlich tolle Zeit, die mir enorm viel Spaß gemacht hat. Wir haben dort nicht nur Nähen und Hauswirtschaft gelernt, sondern vor allem das Kochen von Grund auf. Ich erinnere mich noch genau an meine praktische Abschlussprüfung, bei der ich das Thema Gulasch gezogen habe. Obwohl ich mir mitten in der Prüfung plötzlich völlig unsicher war, ob ich die richtige Menge an Zwiebeln erwischt hatte, habe ich abgeliefert, und das Gulasch hat fantastisch geschmeckt. Von diesem Grundwissen, das ich damals in Öhringen mitbekommen habe, zehre ich bis heute fast jeden Tag.
Zuckersteuer statt Lebensschule: Warum das Internet allein niemanden an den Herd bringt
Heute ist dieses Praxiswissen in unseren Schulen zur absoluten Nebensache geschrumpft. Selbst an Haupt- und Realschulen ist der Unterricht rund um Ernährung und Alltagskultur meist nur noch ein Wahlpflichtfach, das sich gegen Technik oder Fremdsprachen behaupten muss, und an Gymnasien findet er praktisch gar nicht statt. Nun könnte man leichtfertig sagen, dass heute doch jeder im Internet nachschauen kann. Es gibt Plattformen wie Chefkoch mit hunderttausenden Rezepten und unzählige Videos auf YouTube. Doch eine Datenbank im Internet ersetzt keine Grundausbildung. Wer Kochen nur als lästige Pflicht sieht und nie das Erfolgserlebnis hatte, mit den eigenen Händen etwas Schmackhaftes zu erschaffen, dem fehlt schon die Motivation, überhaupt danach zu suchen. Zudem hält uns der Algorithmus von Instagram, TikTok und Co. in unserer eigenen Filterblase gefangen. Ein junger Mensch, der von zu Hause auszieht und noch nie einen Kochlöffel gehalten hat, bekommt dort vielleicht kurze Unterhaltungoclips ausgespielt, aber keinen fundierten Lehrfilm über Lebensmittelkunde.
Gleichzeitig diskutieren wir in Deutschland völlig zu Recht darüber, dass Schüler mehr Finanz- und Wirtschaftskompetenz brauchen, damit sie später ein Konto führen und mit Geld umgehen können. Doch was ist mit der Kompetenz, den eigenen Körper gesund am Leben zu halten? Unserer Politik fällt dazu meist nur die Debatte über eine Zuckersteuer ein, um die Bürger über den Geldbeutel zu erziehen und nebenbei die Staatskasse zu füllen. Ich habe große Zweifel, ob eine solche Steuer auch nur einen einzigen Menschen dazu bringt, sich abends mit Freude an den Herd zu stellen. Wir bräuchten stattdessen eine echte Offensive für Alltagskompetenzen. Wenn das Wissen in den Familien nicht mehr weitergegeben werden kann, muss das Kochen in den Schulen wieder zum festen Pflichtprogramm für alle werden, egal ob Junge oder Mädchen. Und warum nutzen wir nicht auch unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder für echte Bildung? Früher liefen in den dritten Programmen richtige Unterrichtsfilme zur Weiterbildung. Statt der hundertsten Hochglanz-Kochshow zur reinen Unterhaltung bräuchten wir heute einen Sender oder ein festes Format als echte Lebensschule, in dem von der Finanzplanung über Erziehungsfragen bis hin zu den Grundlagen einer einfachen, gesunden Küche das vermittelt wird, was man für das echte Leben braucht.
Dabei muss gutes, gesundes Essen weder kompliziert sein noch Stunden dauern. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit gibt es Gerichte, die sich hervorragend bevorraten lassen und sich fast von ganz allein kochen. Ich nehme mir dann gerne ein gutes Sauerkraut, gebe ein paar klassische Gewürze und etwas Wasser dazu, damit nichts anbrennt und der Topfboden immer schön mit Flüssigkeit bedeckt bleibt, denn ich mag es gerne saftig. Das lasse ich auf niedriger Hitze ganz in Ruhe vor sich hin köcheln, denn je länger es zieht, desto besser wird es. Dazu koche ich einfache Pellkartoffeln, die nicht umsonst als die Zitrone des Nordens gelten, weil unter der Schale all die wertvollen Vitamine und Inhaltsstoffe erhalten bleiben. Zum Schluss lege ich einfach eine gute Rindswurst, oder wenn mir nach etwas mehr Würze ist, eine kräftige Sucuk oder Sosis direkt mit auf das warme Kraut. Das kostet kaum Mühe, kommt ohne jedes künstliche Laboraroma aus und wärmt Körper und Seele.
Wir müssen das Kochen in unserer Gesellschaft wieder im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen, statt zuzusehen, wie eine ganze Generation ihre Unabhängigkeit an die Fertiggericht-Industrie abgibt. Wie ist das bei Dir? Wo und von wem hast Du eigentlich das Kochen gelernt, wie gehst Du im Alltag mit Fertigprodukten um, und welche Ideen hast Du, wie wir jungen Menschen die Freude am Kochen wieder näherbringen können? Schreib mir Deine Gedanken und Deine persönliche Geschichte gerne unten in die Kommentare!
Euer Schimon
Bildhinweis: KI-generiertes Symbolbild. Die Darstellung der Dose und des Etiketts dient der Veranschaulichung und kann vom Originalprodukt abweichen. Markennennung ohne Auftrag (unbezahlte Werbung).
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