Susi schreibt

Susi schreibt: Die Inseln des Vertrauens

Der Sonntagnachmittag ist grau und verregnet. Draußen klopfen dicke Regentropfen an die Küchenscheibe, und der erste kühle Herbstwind pfeift durch die Straßen. Auf dem großen Holztisch in der Küche herrscht ein buntes Chaos: Ein aufgeschlagener Wandkalender, zwei verknitterte Reisekataloge, ein Notizblock und Jonas‘ geöffneter Laptop liegen zwischen halbvollen Teetassen.

Normalerweise wäre dieser Moment für Susi ein hochgradiger Stressauslöser. In den vergangenen Jahren hätte sie die Planung für die anstehenden Herbstferien längst allein in einsamen Nachtschichten erledigt. Sie hätte Unterkünfte verglichen, Packlisten geschrieben, Notfallrouten ausgetüftelt und jedes noch so kleine Detail akribisch durchgeplant – immer angetrieben von der eisernen Angst, dass der Urlaub im Desaster endet oder die Kinder enttäuscht werden, wenn sie nicht alles perfekt im Griff hat. Ihre Rüstung hieß Kontrolle. Doch heute zwingt sich Susi zum Innehalten.

Sie sitzt auf ihrem Stuhl, die Hände um eine heiße Tasse Kräutertee geschlossen. Die Worte aus Schimons letzter E-Mail hallen in ihrem Kopf nach: „Probieren Sie die Zehn-Sekunden-Lücke. Wenn der Impuls kommt, die Kontrolle an sich zu reißen, atmen Sie durch und zählen Sie bis zehn.“ Als Jonas auf den Bildschirm zeigt und sagt: „Mama, schau mal, dieses kleine Holzhaus an der dänischen Nordsee wäre doch voll cool, da können wir abends sogar einen Kamin anmachen“, spürt Susi augenblicklich das alte Zucken. Ihr erster innerer Reflex schreit auf: Wie weit ist das zu fahren? Schaffe ich die Strecke allein? Ist das Haus auch sauber? Wer kümmert sich um die Verpflegung?

Ihre Hand mit den leuchtend orange-rot lackierten Nägeln greift nach dem Notizstift, um die Führung zu übernehmen. Doch dann hält sie inne. Sie schließt für drei Sekunden die Augen. Sie zählt im Stillen. Eins, zwei, drei, vier… bis zehn. Sie legt den Stift wieder ab. Sie atmet aus.

„Das sieht traumhaft aus, Jonas“, sagt sie leise und lächelt ihren Sohn an. „Was meinst du: Übernimmst du die Buchung und planst die Anfahrtsroute? Ich gebe dir unser Budget, und du und Marie entscheidet, was wir dort unternehmen.“ Jonas starrt sie überrascht an. Für einen Moment herrscht Stille. Dann geht ein stolzes, breites Grinsen über sein Gesicht. „Echt jetzt? Du überlässt das mir?“

„Ich vertraue dir“, antwortet Susi. Und zum ersten Mal seit Jahren meint sie diesen Satz nicht als hohle Phrase, sondern aus tiefstem Herzen. Später am Abend, als die Kinder im Bett sind und die Planung steht, klappt Susi ihren Laptop auf. Das Tippen fällt ihr leicht, ihre Schultern fühlen sich gelöst an.

Mail an Schimon: Das Experiment in der Küche

Lieber Herr Winkler,

ich habe Ihren Rat befolgt. Ich habe mich genau dorthin gewagt, wo meine Rüstung einst geschmiedet wurde: mitten in mein Zuhause, mitten in meine Familie.

Wir haben heute Nachmittag unsere Herbstferien geplant. Früher war das ein organisatorischer Hochseilakt, bei dem ich mich wie eine getriebene Event-Managerin aufgeführt habe, um alles perfekt zu organisieren. Ich habe immer geglaubt, wenn ich nicht jede Minute im Voraus plane, bricht das Chaos aus und die Kinder sind unglücklich.

Heute habe ich zum ersten Mal die „Zehn-Sekunden-Lücke“ ausprobiert.

Als Jonas mir seinen Vorschlag für ein Ferienhaus zeigte, wollte mein Verstand sofort wieder die Kontrolle an sich reißen. Die Angst, im Stich gelassen zu werden oder das falsche Haus zu buchen, war für wenige Sekunden riesengroß. Meine Rüstung wollte sich wie von selbst schließen. Aber ich habe durchgeatmet. Ich habe im Stillen gezählt. Und dann habe ich das Unglaubliche getan: Ich habe Jonas die Verantwortung für die Buchung und die Ausflugsplanung übergeben.

Herr Winkler, es war magisch. Jonas ist förmlich aufgeblüht. Er hat mit Marie am Tisch gesessen, sie haben gemeinsam Ideen gesammelt, Preise verglichen und Routen herausgesucht. Er hat sich nicht überfordert gefühlt, sondern er war stolz und fühlte sich ernst genommen.

Ich habe heute verstanden, was Sie meinten: Wenn ich die Kontrolle abgebe, verliere ich nicht den Halt. Ich gewinne Raum. Raum zum Atmen, Raum für Nähe und Raum für meine Kinder, selbst über sich hinauszuwachsen.

Meine Rüstung steht immer noch im Flur. Aber sie fühlt sich heute nicht mehr wie ein überlebensnotwendiges Schutzschild an, sondern wie ein schwerer, alter Wintermantel, den ich an der Garderobe hängen lassen kann, weil drinnen die Heizung läuft.

Ich spüre zum ersten Mal seit Jahren eine echte Vorfreude auf diesen Urlaub. Nicht als erschöpfte Löwenmutter, die alles tragen muss – sondern als Teil einer kleinen, starken Familie.

Mit dankbaren und leichten Grüßen,

Susi

Bild: Symbolbild / KI-generiert


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