Susi schreibt

Susi schreibt: Wenn Funktionieren nicht mehr reicht

Die Spätsommerluft steht warm und schwer im Zimmer. Draußen auf der Straße lacht jemand, das ferne Klirren von Gläsern hallt aus dem Hinterhof herauf. Ein ganz normaler Abend, an dem die Welt draußen laut ist und es drinnen, am Wohnzimmertisch, ganz still wird. Susi sitzt vor ihrem aufgeklappten Laptop. Das grelle Licht des Bildschirms spiegelt sich auf der Tischplatte und wirft scharfe Schatten auf ihr Gesicht, das von ihren wilden, roten Locken eingerahmt wird. Sie schaut auf ihre Hände. Die Fingernägel sind in einem kräftigen Orange-Rot lackiert – ein kleines, fast trotziges Ritual, das sie sich in all den Monaten nie hat nehmen lassen. Es ist ihr persönlicher Anker. Ein Zeichen an sich selbst, dass unter der dicken Schicht aus To-do-Listen, Terminen und der endlosen Verantwortung immer noch eine Frau steckt, die das Leben bunt und leidenschaftlich will.

In der Wohnung ist es ungewohnt ruhig. Ihr Sohn, inzwischen 17 Jahre alt, zieht längst seine eigenen Kreise und ist mit Freunden unterwegs. Diese neue, distanzierte Stille aus seinem Zimmer tut auf eine seltsame Art weh. Ihre 10-jährige Tochter schläft tief und fest nach einem langen, heißen Tag. Susi atmet tief aus und spürt die Last der letzten Monate. Kürzlich ist sie 45 geworden. Eine Zahl, die sich im Spiegel noch gar nicht nach ihr anfühlt, die sie aber im Herzen spürt. In den letzten anderthalb Jahren hat sie nichts anderes getan als zu funktionieren. Sie hat Deadlines in der Werbeagentur gejagt, Elternabende organisiert, den Haushalt gewuppt, die Scheidung endgültig hinter sich gelassen. Sie war stark. Dauerhaft.

Doch heute Abend ist da nur noch diese bleierne, vertraute Leere. Das Gefühl, dass ihr das eigentliche Leben einfach so durch die rot lackierten Finger rinnt. Mit zögernden Fingern öffnet sie ihr Mail-Postfach und gibt im Suchfeld einen Namen ein, den sie lange verdrängt hat: Schimon.

Da ist der alte Thread. Die letzte Nachricht von ihm steht dort, unbeantwortet seit über 500 Tagen. Damals hatte er sie gefragt, wer in ihrem engsten Kreis ihr eigentlich die Kraft raubt. Susi weiß noch genau, wie sie diese Zeilen las. Sie hatte Panik bekommen. Es war, als hätte jemand eine Tür zu einem Raum geöffnet, in dem ein Sturm tobte, den sie nicht kontrollieren konnte. Also hatte sie die Tür zugeschlagen und geschwiegen. Bis jetzt. Ihre Hände zittern leicht, als sie auf „Antworten“ klickt.

Mail an Schimon: Nach einer sehr langen Pause

Lieber Herr Winkler,

ich weiß nicht, ob Sie sich nach all dieser Zeit überhaupt noch an mich erinnern. Es ist fast anderthalb Jahre her, dass ich Ihnen das letzte Mal geschrieben habe. Sie haben mir damals eine Frage gestellt, die mich tief getroffen hat. Sie fragten, wer in meinem Leben mir unbemerkt Kraft kostet. Anstatt zu antworten, bin ich weggelaufen. Ich habe Ihr Mail geschlossen, den Laptop zugeklappt und mir eingeredet, dass ich das auch alleine schaffe. Dass ich einfach nur noch ein bisschen fester funktionieren muss, um mein Leben in den Griff zu bekommen. Das habe ich getan. Ich habe funktioniert. Jeden einzelnen Tag.

Inzwischen bin ich 45 geworden. Mein Sohn ist fast erwachsen, meine Tochter kommt in eine neue Schule, und in der Agentur jage ich von einer Deadline zur nächsten. Nach außen hin läuft alles perfekt. Die Leute sagen mir oft, wie bewundernswert es ist, wie ich das alles meistere. Aber die Wahrheit ist, Herr Winkler: Ich bin leerer als je zuvor. Die Müdigkeit ist nicht weggegangen. Sie hat sich nur noch tiefer in meine Knochen gegraben. Und diese verdammt laute, innere Stimme, die mich ständig fragt: „War das jetzt wirklich alles?“, lässt sich einfach nicht mehr zum Schweigen bringen.

Ich schreibe Ihnen heute, weil ich einsehen musste, dass das Schweigen nichts gelöst hat. Ich bin immer noch in derselben Fürsorgefalle gefangen – nur dass ich jetzt zwei Jahre älter bin und mir langsam die Kraft ausgeht. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich damals einfach so verstummt bin. Und ich hoffe noch mehr, dass Sie immer noch bereit sind, mir zuzuhören. Ganz ohne Bewertung.

Mit herzlichen Grüßen,

Susi

Bild: KI-generiert


Entdecke mehr von SCHIMONS WELT

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert