Lebenswege und Sackgassen: Warum keine Entscheidung jemals vergebens ist
Heute Morgen wurde mir beim ersten Kaffee ein Gedanke unheimlich klar, der mich seither nicht mehr loslässt: Entscheidungen. Dieses leise Wort schiebt sich manchmal ungefragt in den Kopf und nimmt sofort den ganzen Raum ein. Unser Leben ist wie ein langer Weg, der unaufhaltsam nach vorne führt – völlig egal, ob wir in jedem Moment bereit dafür sind oder nicht. Immer wieder stehen wir an einer dieser unzähligen Weggabelungen und müssen uns entscheiden: links, rechts, geradeaus – oder manchmal auch einfach stehen bleiben. Doch selbst dieses bewusste Verharren ist ja letztlich schon eine Entscheidung, die wir treffen. Wir vergessen im Alltag oft, dass unser Leben permanent in Bewegung ist, selbst dann, wenn wir das Gefühl haben, völlig festzustecken. Die Zeit läuft unerbittlich weiter, das Leben schreitet voran, und wir können uns nicht einfach für ein paar Jahre ausklinken und danach zurückkehren, als wäre nichts gewesen. Das Leben fragt uns unaufhörlich: Und jetzt? Welcher Schritt kommt als nächstes?
Ich merke das in meinem eigenen Leben immer wieder, denn ständig stehen Entscheidungen an, seien sie groß, klein, beruflich, privat oder zwischenmenschlich. Manchmal denke ich tagelang intensiv darüber nach, wäge ab und analysiere. Manchmal treffe ich sie spontan aus dem Bauch heraus, und manchmal hoffe ich einfach nur inständig, dass der Weg hinter der Abbiegung nicht völlig anders aussieht, als ich ihn mir in meiner Vorstellung ausgemalt habe. Wir können die Zukunft versuchen einzuschätzen, aber wir wissen es letztlich nie mit absoluter Sicherheit. Der Gedanke, der mich heute so tief beschäftigt, ist jedoch ein anderer: Man kann Entscheidungen im Leben zwar jederzeit neu treffen – aber man kann sie niemals ungeschehen machen. Wenn ich mich an einer Gabelung für den linken Weg entscheide, dann gehe ich los, vielleicht hundert Meter, vielleicht einen Kilometer oder gar viele Jahre. Und irgendwann merke ich schmerzhaft, dass dieser gewählte Pfad überhaupt nicht zu dem Bild passt, das ich in meinem Kopf hatte. Dann drehe ich um und gehe zurück. Das ist völlig legitim und manchmal sogar überlebenswichtig. Aber eines bleibt unumstößlich: Ich bin diesen Weg ein Stück gegangen. Ich habe Zeit gebraucht, um zu merken, dass er nicht passt, und ich habe dort Erfahrungen gesammelt, die ich ohne diese Entscheidung niemals gemacht hätte. Sie gehören ab jetzt untrennbar zu mir.
Der vermeintliche Rückschritt als Fundament der Gegenwart
Wir können im Leben zwar jederzeit zurückgehen, aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Jeder Weg, jede vermeintliche Sackgasse hinterlässt bleibende Spuren in uns, auch wenn wir später eine völlig andere Richtung einschlagen. Ich musste dabei an meine eigene Geschichte denken. Es ist noch gar nicht so lange her, vielleicht sechs oder sieben Jahre, da schlug ich noch einmal den Weg ein, im Rettungsdienst aktiv zu sein. Es war eine intensive, fordernde Aufgabe, die mir viel abverlangte. Doch nach einiger Zeit stieß ich an eine ganz physische, unüberwindbare Grenze. Bei lautem Straßenverkehr und den extremen Nebengeräuschen auf der Autobahn merkte ich, dass mein Gehör im Einsatz nicht gut genug war. Ich konnte die lebenswichtigen Anweisungen des Arztes nicht mehr fehlerfrei verstehen. Es war eine harte Erkenntnis, aber ich musste umdrehen. Ich bin diesen Weg wieder zurückgegangen, habe den Rettungsdienst hinter mir gelassen und mich beruflich völlig neu orientiert. War dieser Weg deshalb umsonst? Absolut nicht. Noch heute zehre ich von den damaligen Erfahrungen, von dem medizinischen Wissen und der mentalen Resilienz, die ich in diesen Grenzsituationen gelernt habe. Ich kann dieses Fundament immer wieder im Alltag und in meiner heutigen Arbeit gebrauchen. Der Schritt zurück war kein Scheitern, sondern das Sammeln von Reife für das, was danach kommen sollte.
Auf dem Parkplatz der Neuorientierung
Wir wünschen uns oft so sehnlich, wir könnten Fehlentscheidungen einfach ungeschehen machen, sie wie eine falsche Zeile im Computer löschen. Aber das Leben nimmt alles mit, was wir tun, und webt es in unser heutiges Ich ein. Genau diesen Perspektivwechsel versuche ich auch immer wieder in meinem Unterricht an Menschen weiterzugeben, die an einer Kreuzung in ihrem Leben stehen. Ich nutze dort gerne das Bild einer weiten Landschaft: Im Hintergrund sieht man eine gewaltige Bergkette mit völlig unterschiedlichen Gipfeln und Zielen. Im mittleren Teil verläuft ein Netz aus unzähligen Straßen, die kreuz und quer zu diesen Zielen führen. Und im Vordergrund befindet sich ein großer Parkplatz. Auf diesem Parkplatz steht eine symbolische Figur namens Mario. Mario ist an einem Punkt angekommen, an dem er sich beruflich völlig neu orientieren und neue Wege gehen möchte. Er steht dort am Auto, blickt zurück auf die Straßen, die er bereits befahren hat, und schaut nach vorne auf die Berge. Dieser Parkplatz ist ein unheimlich wertvoller Ort. Es ist der Ort der Bestandsaufnahme, des Innehaltens und der ehrlichen Reflexion, bevor der Motor wieder gestartet wird.
Hier stellt sich unweigerlich die große Frage: Wie gehe ich an die nächste Entscheidung heran, wenn ich noch gar nicht weiß, wie der Weg dahinter im Detail aussieht? Was in uns ist ein echter Impuls aus dem Bauch heraus, was entspringt dem Kopf, was ist reine Gewohnheit und was ist vielleicht einfach nur der verzweifelte Wunsch, endlich irgendwie weiterzukommen? Das sind existenzielle Fragen, die mich persönlich schon sehr lange begleiten, und genau aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle kurz innehalten. Ich werde in den nächsten Tagen einen zweiten, vertiefenden Artikel darüber schreiben, wie ich persönlich auf meinem eigenen Parkplatz prüfe, ob ich eine Entscheidung aus einem bloßen emotionalen Reflex heraus treffe oder aus einer echten, gereiften inneren Klarheit heraus. Manchmal brauchen wir Zeit für so etwas, manchmal viel mehr, als uns lieb ist. Aber es lohnt sich unendlich, diese Zeit zu investieren. Wenn du also gerade selbst auf einem solchen Parkplatz stehst und auf die Nebelwand vor der nächsten Weggabelung blickst, nimm dir den Druck. Jeder Schritt, den du ab jetzt tust, wird ein Teil von dir – und kein einziger davon ist jemals umsonst.
Kennst Du das Gefühl, an einer Weggabelung festzustecken oder das Gefühl zu haben, einen falschen Weg gegangen zu sein? Welche Erfahrungen aus Deinen vermeintlichen Umwegen oder Sackgassen möchtest Du heute im Leben auf keinen Fall mehr missen? Schreib mir Deine Gedanken und Deine Geschichte dazu unbedingt in die Kommentare.
Euer Schimon
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