Die Erosion der Aufmerksamkeit: Warum Liebe kein Selbstläufer ist

Es gibt Fragen, die mich immer wieder einholen, besonders wenn ich über unser menschliches Miteinander nachdenke. Eine davon ist die Frage nach dem Warum. Warum zerbrechen so viele Verbindungen, die doch mit so viel Hoffnung begonnen haben? In den Geschichten der Paare, die mir begegnen, zeigt sich oft, dass es nicht der eine große Knall ist, der alles zerstört. In den Lebenswegen der Menschen sehe ich vielmehr ein schleichendes Gift, ein langsames Verblassen der Nähe, dem wir oft zu lange tatenlos zusehen. Nachdem wir über die „Hintertür“ und die „Maximizer-Falle“ gesprochen haben, kommen wir heute zu einem Punkt, der uns alle im Alltag betrifft: Der Mangel an Investition in das gemeinsame Leben. Verbindlichkeit bedeutet weit mehr als nur ein Ja-Wort oder das Versprechen, zusammenzubleiben. Wahre Verbindlichkeit zeigt sich dann, wenn es gerade nicht spannend ist. In meinen Gesprächen höre ich oft von der schleichenden Einsamkeit zu zweit. Es beginnt meist harmlos: Man nimmt die Nähe des anderen als selbstverständlich hin. Man hört auf, Fragen zu stellen, hört auf, gemeinsam Pläne zu schmieden, und stellt die eigenen Bedürfnisse dauerhaft über die des Partners. Es entsteht eine Konsumhaltung. Man genießt die Vorzüge der Nähe, die emotionale Sicherheit und den gemeinsamen Haushalt, ist aber nicht mehr bereit, die „Arbeit“ zu leisten, die eine lebendige Beziehung nun mal erfordert. Wenn das „Wir“ zum „Ich“ mit Anhängsel wird Dieses Bröckeln der Verbindlichkeit ist oft ein leiser Prozess. Ein Partner zieht sich emotional Stück für Stück zurück, investiert seine Energie lieber in den Job, das Hobby oder das Smartphone, während die Beziehung nur noch nebenherläuft. In vielen Begegnungen habe ich gesehen, wie schmerzhaft das für den anderen Teil ist. Es ist das Gefühl, nur noch ein Statist im Leben des geliebten Menschen zu sein. Man funktioniert zwar noch als Team im Alltag – die Miete wird bezahlt, die Kinder werden abgeholt –, aber die Seele der Beziehung verhungert. Wenn wir aufhören, Energie in unser Gegenüber zu stecken, signalisieren wir: „Du bist mir den Aufwand nicht mehr wert.“ Eine Partnerschaft ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann besitzt. Sie ist ein Prozess, der tägliche Pflege braucht. Sobald wir anfangen, die Liebe wie ein Abo zu betrachten, das einfach im Hintergrund weiterläuft, ohne dass wir uns darum kümmern müssen, verlieren wir die Verbindung. Die Konsumhaltung führt dazu, dass wir beim ersten größeren Problem frustriert sind, weil wir verlernt haben, gemeinsam durch den Schlamm zu waten. Wir wollen die Ernte einfahren, ohne jemals gesät oder gegossen zu haben. Die tägliche Entscheidung für das Gemeinsame Wie finden wir den Weg zurück aus dieser emotionalen Trägheit? Der erste Schritt ist die schmerzhafte Erkenntnis, dass Liebe eine Tat ist, kein reines Gefühl. Wir müssen uns bewusst machen, dass die „Arbeit“ an der Beziehung nichts Negatives ist, sondern die höchste Form der Wertschätzung. Es geht darum, wieder neugierig zu werden. Wann hast du deinen Partner das letzte Mal gefragt, was ihn gerade wirklich bewegt? Wann hast du eine Entscheidung getroffen, die rein seinem Wohl diente, ohne einen direkten Vorteil für dich selbst? Um die Verbindlichkeit im Alltag zu stärken, müssen wir wieder anfangen zu investieren – und zwar bedingungslos. Das bedeutet, kleine Rituale der Nähe zu schaffen, die nicht verhandelbar sind. Es bedeutet, aktiv Pläne für die Zukunft zu machen, die über den nächsten Wocheneinkauf hinausgehen. Wir müssen lernen, die eigenen Bedürfnisse wieder öfter mit dem „Wir“ abzugleichen. Wenn du merkst, dass du in die Konsumhaltung gerutscht bist, fang heute damit an, die Tür wieder ein Stück weit aufzumachen. Investition bedeutet Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist die reinste Form der Liebe. Was denkt ihr darüber? Habt ihr auch das Gefühl, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Beziehungen eher konsumiert als pflegt? Wo merkt ihr in eurem Alltag, dass die Energie für das „Wir“ knapp wird? Schreibt mir eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare – ich freue mich auf unseren Austausch. Euer Schimon

Persona non grata: Warum Francesca Albanese in Berlin keine Bühne mehr bekommen darf

Skandal um Francesca Albanese: Schimon fordert Konsequenzen für die UN-Berichterstatterin in Berlin. Warum die Einstufung als Persona non grata nach ihren antisemitischen Äußerungen und dem Auftritt mit Hamas-Führern unumgänglich ist. Ein Plädoyer gegen Hass auf Schimons Welt.

18.02.1943 – Flugblätter gegen das Vergessen, warum die Weiße Rose uns heute mehr denn je zu sagen hat

Es gibt Momente in der Geschichte, die sich wie ein kalter Schauer auf der Haut anfühlen, nicht wegen der Grausamkeit allein, sondern wegen des unfassbaren Mutes, der ihr entgegengesetzt wurde. Wenn ich heute auf das Datum des 18. Februars blicke, dann sehe ich nicht nur einen Wintertag im Jahr 1943, sondern ich sehe zwei junge Menschen in den lichten Hallen der Münchner Universität. Ich sehe Hans und Sophie Scholl, wie sie mit klopfendem Herzen Briefe der Freiheit in ein Meer aus Unterdrückung werfen. Es ist der Tag ihrer Verhaftung, der Tag, an dem die „Weiße Rose“ ihr sichtbares Ende fand und doch für immer zu blühen begann. Was mich an ihrer Geschichte immer wieder am tiefsten berührt, ist nicht nur ihr Widerstand gegen die Diktatur als Ganzes, sondern ihre kristallklare Sicht auf das Unaussprechliche: den Holocaust. In einer Zeit, in der ein ganzes Land die Augen fest verschloss, während Züge in den Osten rollten, sahen diese jungen Studenten hin. Sie schwiegen nicht. Sie nannten das Morden beim Namen, als das Wort „Widerstand“ in Deutschland fast schon in Vergessenheit geraten war. Die moralische Pflicht des Hinsehens In ihrem zweiten Flugblatt schrieben sie Sätze, die auch heute noch wie Hammerschläge nachhallen. Sie sprachen von den dreihunderttausend Juden, die in Polen bestialisch ermordet wurden. Man muss sich das einmal vorstellen: Mitten im tiefsten Nationalsozialismus, umgeben von Propaganda und Angst, wagten es diese jungen Menschen, die moralische Katastrophe der Shoah ins Zentrum ihres Protestes zu rücken. Sie verstanden, dass man nicht für die Freiheit des deutschen Volkes kämpfen kann, ohne das Leid der jüdischen Nachbarn zu beklagen. Für mich ist das die reinste Form von Empathie – eine Empathie, die über das eigene Überleben hinausgeht. Sie wussten genau, welches Risiko sie eingingen, als sie an jenem Vormittag den Stapel Papier über das Geländer im Lichthof stießen. Ein kurzer Moment des Flatterns, ein herabsegelnder Gruß der Wahrheit, und dann der Zugriff der Schergen. Die Verhaftung durch den Hausschlosser und die anschließenden Verhöre markierten den Beginn eines grausamen Sprints in den Tod, doch ihr Geist blieb ungebrochen. Hans Scholls letzte Worte vor dem Fallbeil, sein Ruf nach der Freiheit, war kein Schrei der Verzweiflung, sondern ein Vermächtnis an uns alle. Wir wollen hier nicht über die Judenfrage schreiben, keine Verteidigungsrede schreiben – nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Weise ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann. Ein Erbe, das uns heute in die Pflicht nimmt Wenn ich über die Weiße Rose nachdenke, frage ich mich oft, woher sie diese Kraft nahmen. Es war ein tiefes inneres Wissen darum, was richtig ist, gespeist aus einem christlichen und humanistischen Menschenbild, das keinen Platz für den Hass auf das Jüdische ließ. Sie haben uns gezeigt, dass Antisemitismus niemals nur das Problem der Betroffenen ist, sondern ein Angriff auf die Seele der gesamten Menschheit. Ihr Opfer am 18. Februar mahnt uns, dass Wegsehen eine Form der Mitschuld ist. Heute, in einer Welt, in der alte Schatten wieder länger werden und Hass oft lauter ist als die Vernunft, ist ihre Geschichte für mich mehr als nur ein vergilbtes Kalenderblatt. Sie ist ein Kompass. Wir müssen die Stimmen sein, die heute dort aufstehen, wo Ausgrenzung beginnt. Wir müssen die „Weiße Rose“ in unserem eigenen Handeln weitertragen, jeden Tag aufs Neue, mit der gleichen Sanftheit und der gleichen unerschütterlichen Entschlossenheit wie Sophie und Hans in jener schicksalhaften Minute in München. Was löst die Geschichte der Weißen Rose in euch aus, wenn ihr sie im Kontext des heutigen Antisemitismus betrachtet? Glaubt ihr, wir haben genug aus ihrem Mut gelernt, oder sind wir manchmal immer noch zu leise? Schreibt es mir gerne in die Kommentare, ich bin gespannt auf eure Gedanken. Euer Schimon Bild: Symbolbild

Die Falle der Perfektion: Warum das „Bessere“ der Feind des Glücks ist

Es gibt Fragen, die mich immer wieder einholen, besonders wenn ich über unser menschliches Miteinander nachdenke. Eine davon ist die Frage nach dem Warum. Warum zerbrechen so viele Verbindungen, die doch mit so viel Hoffnung begonnen haben? In den Geschichten der Paare, die mir begegnen, zeigt sich oft, dass es nicht der eine große Knall ist, der alles zerstört. In den Lebenswegen der Menschen sehe ich vielmehr ein schleichendes Gift, ein langsames Verblassen der Nähe, dem wir oft zu lange tatenlos zusehen. Nachdem wir uns letztes Mal mit der „Hintertür“ beschäftigt haben, möchte ich heute über ein Phänomen sprechen, das unsere moderne Zeit wie kaum ein anderes prägt: die rastlose Suche nach dem Maximum. In meinen Gesprächen treffe ich immer wieder auf Menschen, die eigentlich eine wunderbare Partnerschaft führen, aber innerlich nie zur Ruhe kommen. In der Psychologie nennen wir sie „Maximizer“. Für sie reicht ein „Gut“ nicht aus, es muss das absolute „Optimum“ sein. Durch die ständige Verfügbarkeit von Alternativen – befeuert durch soziale Medien und Dating-Apps – ist das fatale Gefühl entstanden, dass irgendwo da draußen jemand warten könnte, der noch besser passt, noch weniger anstrengend ist oder noch präziser unseren Idealvorstellungen entspricht. Es ist die Tyrannei der unbegrenzten Möglichkeiten: Wir vergleichen den echten, lebendigen Menschen an unserer Seite mit einer digitalen Illusion von Perfektion, die es in der Realität gar nicht gibt. Wenn Liebe zur Optimierungsaufgabe wird Diese Einstellung prägt eine Beziehung auf eine sehr schmerzhafte Weise, denn wer ständig vergleicht, lässt sich nie ganz ein. Die Partnerschaft fühlt sich dann nicht wie ein sicherer Hafen an, sondern eher wie ein befristeter Vertrag, der jederzeit gekündigt werden kann, sobald ein vermeintlich „besseres Angebot“ auftaucht. In meinen Begegnungen habe ich oft gesehen, wie unerträglich das für den Partner an der Seite eines Maximizers ist. Er spürt, dass er nicht um seiner selbst willen geliebt wird, sondern eine endlose Checkliste erfüllen muss. Er nimmt die subtile Unzufriedenheit wahr, das ständige Bewertet-Werden und die Kälte, die entsteht, wenn der Blick des anderen immer wieder über die Schulter nach draußen schweift. Wenn Liebe zur Optimierungsaufgabe wird, stirbt die Geborgenheit. Man lebt nicht mehr miteinander, man begutachtet sich gegenseitig. Hinter diesem Verhalten steckt oft die tiefe Angst, im Leben etwas zu verpassen. Doch genau hier liegt die Ironie: Wer alle Optionen offen hält, verpasst das Wichtigste – die Tiefe. Wir haben verlernt, dass Zufriedenheit nicht daraus entsteht, die perfekte Wahl zu treffen, sondern daraus, eine Wahl zu treffen und diese dann mit Leben zu füllen. Wissenschaftliche Studien zeigen sogar, dass Menschen, die nach dem „Satisficing“-Prinzip leben – also zufrieden sind, wenn ihre wesentlichen Bedürfnisse erfüllt sind –, am Ende deutlich glücklicher sind als jene, die ihr Leben lang dem Maximum hinterherjagen. Den Störsender ausschalten und im Hier und Jetzt ankommen Doch wie kommt man aus dieser Falle wieder heraus, wenn man merkt, dass die eigene Ruhelosigkeit die Beziehung vergiftet? Der wichtigste Schritt ist die Erkenntnis, dass eine glückliche Beziehung kein Fundstück ist, sondern ein Bauwerk. Wir müssen den Fokus verschieben: Weg vom „Suchen des perfekten Partners“ hin zum „Gestalten einer tiefen Verbindung“. Das bedeutet konkret, die Vergleichskanäle bewusst zu schließen. Wenn das Smartphone zum Störsender für dein Herz wird, dann schaffe dir handyfreie Zonen. Entscheide dich aktiv für die Unvollkommenheit. Um aus der Maximizer-Falle zu entkommen, hilft es, wieder das Prinzip der Genügsamkeit zu entdecken. Wahre Liebe wächst nicht an den Sonntagen, an denen alles perfekt ist, sondern an den Montagen, an denen wir uns trotz unserer Fehler und der anstrengenden Seiten des Alltags füreinander entscheiden. Fang an, die kleinen Dinge zu feiern, die dein Partner für dich tut, statt zu katalogisieren, was er nicht ist. Verbindlichkeit bedeutet, den Blick von der Masse abzuwenden und ihn ganz auf den einen Menschen zu richten, der bereits da ist. Erst wenn wir aufhören zu suchen, fangen wir an, wirklich zu finden. Was denkt ihr darüber? Habt ihr euch auch schon mal dabei ertappt, wie ihr eure Beziehung mit einer unerreichbaren Idealvorstellung vergleicht? Oder fühlt ihr euch vielleicht wie der Partner, der ständig unter Beobachtung steht? Schreibt mir eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch mit euch. Euer Schimon

Wahrheit statt Täuschung: Unsere Integrität in Zeiten von Fake und Gier

Ich freue mich sehr, dass eine liebgewonnene Quelle der Inspiration zurück ist, denn „Schalom Hajom“ meldet sich wieder zu Wort. In dieser neuen Episode nimmt uns Rebbe Baruch Ben Mordechai Kogan mit auf eine Reise zum Kern unseres Wesens und stellt die alles entscheidende Aufforderung in den Raum, einfach ein Mensch zu sein. Er erinnert uns eindringlich daran, dass wir Gefahr laufen, uns selbst zu verlieren, wenn wir dieses Ziel aus den Augen verlieren. Als festen Anker für diese Suche nutzt er die Zehn Gebote, die er nicht nur als bloße Regeln, sondern als einen ethischen Kompass und die wahre Norm für unser Menschsein beschreibt. Ein Kompass für die Würde des Lebens In seinen Worten schwingt eine tiefe Ehrfurcht vor der Schöpfung mit, wenn er über den Schutz des Lebens spricht. Das Verbot zu töten ist für ihn weit mehr als ein Gesetz; es ist der notwendige Schutz für den Mitmenschen, der als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Baruch betont dabei, dass wir durch die Achtung dieses Gebots letztlich unsere eigene Menschlichkeit bewahren. Auch das Thema der Treue liegt ihm sehr am Herzen, wobei er die Beständigkeit in der Ehe als ein fundamentales Element der göttlichen Schöpfungsordnung hervorhebt. Es geht ihm um eine Integrität, die sich auch im Umgang mit Eigentum zeigt, was er explizit auf das geistige Eigentum und die Bewahrung der Heiligen Schrift vor Verfälschungen bezieht. Die Wahrheit als Fundament in stürmischen Zeiten Besonders berührt hat mich seine klare Warnung vor der zerstörerischen Kraft der Lüge, die in unserer heutigen Zeit oft industriell missbraucht wird. Er spricht die Gefahr von gefälschten Videos und manipulierter Kommunikation an, die das Fundament unseres gegenseitigen Vertrauens untergraben. In diesem Zusammenhang findet er deutliche Worte gegen das Recht des Stärkeren und bezeichnet Gewalt und Gier, wie wir sie aktuell im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sehen, als zutiefst unmenschlich. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wahre Menschlichkeit in der Bescheidenheit, der Demut und der tätigen Nächstenliebe liegt. Welche dieser Werte empfindest Du in der heutigen digitalen Welt als am schwierigsten zu bewahren? Ich bin gespannt auf Deine Gedanken dazu in den Kommentaren. Euer Schimon Gerne könnt ihr euch auch direkt auf YouTube an der Diskussion bei den Kommentaren unter dem Video beteiligen.

17.02.2024 – Wenn die Israelfahne zur Zielscheibe wird

Zwei israelische Fahnen an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz – leider kein alltägliches Bild in einer weltoffenen Stadt. Am 17. Februar 2024 wurde genau dieser Anblick zum Auslöser für einen Gewaltausbruch, der mich bis heute fassungslos macht. Es war ein Samstagnachmittag, der uns schmerzhaft daran erinnert, dass die Freiheit, seine Identität offen zu zeigen, für viele von uns an einer Bordsteinkante enden kann. Vor genau zwei Jahren ereignete sich im Herzen Berlins eine Szene, die mich auch heute noch fassungslos macht. Ein 41-jähriger Mann war an diesem Samstagnachmittag unterwegs, er kam gerade von einer Solidaritätskundgebung und trug zwei israelische Fahnen bei sich – ein Zeichen der Identität und Verbundenheit. Doch an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz wurde dieser Ausdruck seiner Überzeugung für ihn zur Gefahr. Ein erst 16-jähriger Jugendlicher trat unvermittelt an ihn heran, voller Aggression und dem festen Willen, ihm die Fahnen zu entreißen. Als der Mann sich weigerte, eskalierte die Situation: Er wurde bedrängt, gewürgt und schließlich so heftig zu Boden gestoßen, dass er Verletzungen an den Händen erlitt. Nur durch das sofortige Eingreifen von Zivilpolizisten, die das Geschehen beobachtet hatten, konnte der Angreifer festgenommen werden. Es ist dieser Moment des körperlichen Übergriffs, dieses Würgen, das einem den Atem raubt, denn es war kein zufälliger Streit, sondern gezielter Hass, der sich hier Bahn brach. Wenn Sichtbarkeit zum Risiko wird Dieser Vorfall am 17. Februar war leider kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer dunklen Welle. Fast zeitgleich wurde an diesem Tag am Wittenbergplatz ein weiterer Mann attackiert und gewürgt, nur weil er eine Flagge trug. Es zeigt uns ein erschreckendes Muster: Das bloße Zeigen eines Symbols reicht aus, um die Hemmschwelle zur Gewalt komplett einzureißen. Der polizeiliche Staatsschutz ermittelte wegen versuchten Raubes und Körperverletzung, doch die juristische Aufarbeitung blieb für uns alle weitgehend unsichtbar. Da der Täter minderjährig war, schützte ihn das Jugendstrafrecht vor der Öffentlichkeit. Das ist Teil unseres Rechtsstaats, aber es hinterlässt bei den Betroffenen oft ein tiefes Gefühl der Ohnmacht. Während andere Fälle mediale Wellen schlugen, blieb es um diesen Angriff am Potsdamer Platz verhältnismäßig ruhig. Aber können und dürfen wir uns jemals daran gewöhnen, dass Menschen auf offener Straße angegriffen werden, weil sie zeigen, wer sie sind? Ein Mahnmal für unsere Zivilgesellschaft Wenn ich heute an diesen 17. Februar denke, dann frage ich mich, wie tief der Hass in einem jungen Menschen verwurzelt sein muss, um einen Fremden mit solcher Gewalt zu attackieren. Dieser Hass fällt nicht vom Himmel; er gedeiht in einer Atmosphäre, in der die Grenze zwischen Kritik und reinem Antisemitismus immer mehr verschwimmt. Wir stehen an einem Punkt, an dem wir uns fragen müssen, wie viel Raum wir diesem Gift noch lassen wollen, bevor wir uns alle nicht mehr trauen, offen Flagge zu zeigen. Für mich ist dieses Datum eine Mahnung, nicht wegzusehen und diese Gewalt niemals als Normalität zu akzeptieren. Es geht um mehr als um Fahnen; es geht um unsere Würde und das Versprechen, dass jeder Mensch ohne Angst seine Identität leben kann. Wie erlebst Du das in Deinem Alltag? Hast Du Momente erlebt, in denen Du gezögert hast, Deine Identität oder Deine Meinung offen zu zeigen, weil Du Angst vor den Reaktionen hattest? Schreib es mir gerne in die Kommentare, ich freue mich auf einen ehrlichen Austausch mit Dir. Euer Schimon Bild: Symbolbild

Wenn die Liebe nur auf Probe ist: Die Gefahr der inneren Hintertür

Es gibt Fragen, die mich immer wieder einholen, besonders wenn ich über die Dynamik zwischen zwei Menschen nachdenke. Eine davon ist die Frage nach dem Warum. Warum zerbrechen so viele Beziehungen, die doch mit so viel Hoffnung begonnen haben? Wenn ich mir das Zusammenleben von Paaren heute anschaue, merke ich, dass es oft nicht der eine große Knall ist, der alles zerstört. Es ist eher ein schleichendes Gift, ein langsames Verblassen der Nähe. Ich möchte in den nächsten Tagen mit euch gemeinsam genau hinschauen und eine kleine Serie darüber schreiben, welche vier Hauptgründe dazu führen, dass wir uns verlieren. Heute beginnen wir mit dem ersten Punkt, der vielleicht der subtilste und gefährlichste von allen ist: der Mangel an echter Verbindlichkeit. In meinem Leben bin ich immer wieder Menschen begegnet, bei denen sich in langen, tiefen Gesprächen herausgestellt hat, dass genau hier das Problem liegt. Es sind Paare, die eigentlich alles haben, um glücklich zu sein, und doch schwebt da dieser unsichtbare Schatten über ihnen. Vielleicht kennst du das Gefühl auch: Du liebst deinen Partner, du bist gerne mit ihm zusammen, aber tief in dir drin gibt es diesen winzigen Spalt in der Tür. Ein kleiner Notausgang, den du dir immer offenhältst, nur für den Fall der Fälle. Wir nennen das oft Freiheit oder Unabhängigkeit, aber wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, ist es eine „Hintertür-Mentalität“. Das Tückische daran ist, dass wir uns dessen oft gar nicht bewusst sind. Wir glauben fest daran, dass wir voll und ganz da sind, während unser Unterbewusstsein längst die Hand an der Klinke hat. Ein Sicherheitsnetz, das den freien Fall verhindert – und das Fliegen Diese Hintertür ist wie ein Sicherheitsnetz, das uns davor bewahren soll, tief zu fallen, wenn die Liebe doch nicht hält. Aber genau hier liegt der Denkfehler: Wer mit Sicherheitsnetz springt, wird nie das wahre Gefühl des Fliegens erleben. Wenn du dich fragst, ob du selbst so einen geheimen Fluchtweg pflegst, schau einmal ganz genau auf dein Bauchgefühl bei langfristigen Plänen. Erwischt du dich dabei, wie du bei Sätzen, die mit „für immer“ oder „nächstes Jahr“ beginnen, innerlich einen Schritt zurücktrittst? Oder hältst du an Dingen fest – sei es die eigene Wohnung, die eigentlich nicht mehr nötig wäre, oder eine emotionale Distanz –, nur um im Ernstfall nicht bei null anfangen zu müssen? Diese Mechanismen sind oft alte Schutzschilde aus unserer Kindheit oder aus vergangenen Verletzungen. Wir versuchen, den Schmerz von morgen zu verhindern, indem wir die Hingabe von heute begrenzen. Doch eine Liebe, die immer unter Vorbehalt steht, kann nie ihre volle Kraft entfalten. Sie bleibt an der Oberfläche, weil wir uns weigern, die Kontrolle abzugeben und uns wirklich verletzlich zu machen. Was wir dabei oft übersehen, ist die Wirkung auf den Menschen an unserer Seite. Auch wenn du glaubst, deine Hintertür sei gut versteckt: Dein Partner spürt sie. Es ist dieses diffuse Gefühl, nie ganz „ankommen“ zu dürfen. Er nimmt eine subtile Kälte wahr, eine Abwesenheit in Momenten größter Nähe. Er kämpft gegen einen Schatten an, den er nicht greifen kann. Oft führt das dazu, dass der andere Partner umso mehr klammert oder misstrauisch wird, weil das emotionale Fundament unter seinen Füßen ständig schwankt. Es ist ein grausamer Kreislauf: Je mehr du dich durch deine Hintertür schützt, desto unsicherer wird dein Gegenüber, was dich wiederum dazu bringt, den Notausgang noch fester im Blick zu behalten. Am Ende stehen zwei Menschen beieinander, von denen einer innerlich bereits auf dem Sprung ist, während der andere verzweifelt versucht, die Tür zuzuhalten. Den Mut finden, die Tür endgültig ins Schloss fallen zu lassen Wenn du nun merkst, dass du genau an diesem Punkt stehst – dass du diese Hintertür hast, sie aber eigentlich gar nicht mehr willst –, dann beginnt die eigentliche Arbeit. Der erste und wichtigste Schritt ist die radikale Ehrlichkeit gegenüber dir selbst. Du musst aufhören, deine Angst als „Freiheitsliebe“ zu tarnen. Schau dir deinen Notausgang genau an: Wovor genau soll er dich schützen? Wenn du die Angst benennen kannst, verliert sie ihre Macht über dich. Sprich mit deinem Partner darüber. Nicht als Vorwurf an dich selbst, sondern als Einladung. Sage: „Ich merke, dass ich oft einen Teil von mir zurückhalte, weil ich Angst habe, verletzt zu werden. Ich möchte lernen, diese Tür zu schließen.“ Das Schließen der Hintertür ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine tägliche Entscheidung. Es bedeutet, bewusst Symbole der Gemeinsamkeit zu setzen. Das kann das Auflösen der Zweitwohnung sein, das gemeinsame Sparkonto oder schlicht das Versprechen, auch in einem heftigen Streit nicht sofort die gesamte Beziehung infrage zu stellen. Du musst lernen, die Kontrolle Stück für Stück abzugeben. Erlaube dir, dich in die Abhängigkeit der Liebe zu begeben, denn wahre Intimität gibt es nur dort, wo wir nicht mehr flüchten können. Es ist ein Sprung ohne Fallschirm, ja. Aber erst wenn die Hintertür fest im Schloss verankert ist, wird der Raum davor zum echten Zuhause. Wie geht es euch damit, wenn ihr über Verbindlichkeit nachdenkt? Habt ihr bei euch selbst schon mal diese „Hintertür“ entdeckt oder fühlt ihr euch gerade ertappt? Schreibt mir eure Gedanken und Erfahrungen dazu gerne in die Kommentare – ich bin gespannt auf eure Geschichten. Euer Schimon

Vom Warschauer Ghetto zur Knesset: Warum der 16. Februar jüdische Geschichte schrieb

Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Kalender uns Geschichten erzählt, die weit über das bloße Datum hinausgehen. Wenn ich heute auf den 16. Februar blicke, dann sehe ich nicht nur einen Tag im Winter, sondern einen tiefen, schmerzvollen und zugleich hoffnungsvollen Pfad der jüdischen Geschichte. Es ist ein Datum, das uns zeigt, wie eng Vernichtung und Neuanfang, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit beieinanderliegen können. Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir einen roten Faden, der sich durch die letzten Jahrzehnte zieht und uns etwas über die Zusammenhänge lehrt, die man oft nur bei genauerer Betrachtung erkennt. Von der Vernichtung zur lauten Stimme Stell Dir vor, es ist der 16. Februar 1943. In der Zentrale der SS unterschreibt Heinrich Himmler einen Befehl, der an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist. Er ordnet an, das Warschauer Ghetto vollständig dem Erdboden gleichzumachen. Es ging ihm nicht mehr nur um die Deportation der Menschen, die dort unter unvorstellbaren Bedingungen eingepfercht waren. Sein Ziel war die totale Auslöschung. Jedes Haus, jede Straße, jede Spur jüdischen Lebens sollte verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Es war der Versuch, ein ganzes Volk nicht nur physisch zu vernichten, sondern es auch aus der Erinnerung der Welt zu tilgen. Dieser Tag markiert einen der dunkelsten Momente der Menschheit, eine Zeit, in der das jüdische Volk am Rande der absoluten Vernichtung stand. Aus Sicherheitsgründen ordne ich hiermit an, dass das Warschauer Ghetto abgerissen wird, nachdem das Konzentrationslager verlegt wurde: Alle brauchbaren Teile der Häuser und sonstige Materialien jeglicher Art sollen zuerst verwendet werden. Die Räumung des Ghettos und die Verlegung des Konzentrationslagers sind notwendig, da wir sonst in Warschau wohl nie Ruhe finden würden und die Kriminalität nicht ausgerottet werden kann, solange das Ghetto besteht. Mir ist ein Gesamtplan für die Räumung des Ghettos vorzulegen. In jedem Fall müssen wir den Lebensraum für 500.000 Untermenschen, der bisher existierte, aber niemals für Deutsche geeignet war, vollständig beseitigen und die Millionenstadt Warschau, die seit jeher ein Zentrum von Korruption und Aufruhr war, verkleinern. Unterschrift H. Himmler Doch die Geschichte blieb hier nicht stehen. Nur sechs Jahre später, am 16. Februar 1949, geschah etwas, das wie ein Wunder anmutet, wenn man die zeitliche Nähe bedenkt. In Jerusalem kam die erste gewählte Volksvertretung des jungen Staates Israel zusammen. Mit der Verabschiedung des Übergangsgesetzes wurde die Knesset geboren. An genau jenem Tag, an dem Jahre zuvor die Vernichtung befohlen wurde, gab sich das jüdische Volk eine eigene, souveräne Stimme zurück. Chaim Weizmann wurde zum ersten Staatspräsidenten gewählt. Es ist dieser Moment, den man in Israel oft mit dem Begriff MiShoa L’Tkuma beschreibt – der Weg vom Abgrund des Holocaust zur Wiedergeburt eines eigenen Staates. Wo 1943 die Zerstörung jeder Handlungsfähigkeit stand, trat 1949 die demokratische Selbstbestimmung an ihre Stelle. Aus der geplanten Stille wurde eine lebendige, debattierende und freie Nation. Der lange Weg der Gerechtigkeit Der rote Faden endet jedoch nicht bei der Staatsgründung. Er führt uns weiter zum 16. Februar 1987, als in Jerusalem ein Prozess begann, der die Welt erneut den Atem anhalten ließ. John Demjanjuk stand vor Gericht, beschuldigt, als „Iwan der Schreckliche“ im Vernichtungslager Treblinka grausamste Verbrechen begangen zu haben. Dass dieser Prozess in Jerusalem stattfand – in der Stadt, in der die Knesset ihren Sitz hat und die das Zentrum des jüdischen Lebens bildet –, schließt einen Kreis, der 1943 seinen schrecklichen Anfang nahm. Es war die Botschaft an die Welt, dass die Taten von damals nicht ungesühnt bleiben und dass die Opfer nun die Macht haben, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn ich über diese drei Ereignisse nachdenke, die alle auf denselben Kalendertag fallen, dann spüre ich eine tiefe Demut. Der 16. Februar zeigt uns die gesamte Spanne menschlicher Erfahrung: von der tiefsten Bosheit und dem Plan zur Vernichtung über den Aufbau einer neuen Heimat bis hin zum unermüdlichen Streben nach Gerechtigkeit. Es ist ein Tag, der uns mahnt, niemals zu vergessen, aber auch ein Tag, der uns zeigt, dass aus Ruinen etwas Neues, Starkes erwachsen kann. Die Geschichte lehrt uns hier, dass die Stimme der Freiheit am Ende lauter ist als der Befehl zur Zerstörung. Es ist ein Weg der Selbstbehauptung, den wir heute, im Jahr 2026, mit Respekt und Wachsamkeit weitergehen müssen. Wie empfindest Du diese zeitlichen Zusammenhänge? Findest Du es auch so erstaunlich, wie sich die Geschichte an bestimmten Tagen zu konzentrieren scheint? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, ich freue mich sehr auf unseren Austausch. Euer Schimon

Das Erlebnis des Neuanfangs: Was uns ein alter Locher über das Altern verrät

Gestern Nachmittag saß ich allein in der Wohnung meiner Eltern. Es ist ein sonderbarer Ort geworden. In der Luft hängt die Stille, die so typisch ist für Räume, in denen die Zeit gerade stehen bleibt. Während mein Vater bereits in der Kurzzeitpflege ist, habe ich meine Mutter zu ihm gefahren, damit sie Zeit gemeinsam verbringen können. Danach bin ich zurückgekehrt, um das zu tun, was getan werden muss: Ordnung schaffen in den Papieren, die Bürokratie mit der Krankenkasse bändigen, den nächsten großen Schritt vorbereiten. Beim Sortieren der Akten zogen Bilder an mir vorbei. Ich sah meine Eltern vor meinem inneren Auge, wie sie noch vor wenigen Jahren voller Tatendrang ihr großes Haus aufgaben, um in diese Wohnung zu ziehen. Ich sah meinen Vater am Tisch sitzen, wie er seine Geschichten erzählte, und meine Mutter, wie sie in der Küche werkelte. Wir haben hier gelacht und gemeinsam gegessen. Doch während ich die Formulare für das Seniorenheim glattstrich, wurde mir schmerzlich bewusst, dass diese Szene nun der Vergangenheit angehört. Wir stehen vor dem nächsten Schritt. Ich war aufgewühlt, die Emotionen wirbelten in mir wie Staubkörner im Sonnenlicht. In dem Wissen, dass auch diese Wohnung bald Geschichte sein wird, fühlte ich Traurigkeit und Wehmut. Das schmerzhafte Ende und ein Neuanfang Dann passierte es. Ich nahm den alten Locher, um ein dickes Bündel Papiere abzuheften. Ich drückte fest nach unten, doch statt des gewohnten Widerstands gab es ein hässliches, knackendes Geräusch. Der Kunststoffbügel zerbrach einfach. Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Hand, ein kleiner Schnitt klaffte in der Haut. In diesem Moment blieb die Welt für einen Herzschlag stehen. Ich starrte auf den kaputten Locher und dachte: Er ist einfach ins Alter gekommen. Der Kunststoff ist über die Jahre spröde geworden, er konnte dem Druck nicht mehr standhalten. Er hat buchstäblich den Geist aufgegeben. Genau so ist es bei meinen Eltern. Auch sie sind nun an einem Punkt im Leben angekommen, an dem die Kräfte nachlassen und das Material des Lebens mürbe wird. Sie haben ihr ganzes Leben gegeben, waren immer für andere da, haben gedrückt und gehalten – und jetzt brauchen sie Hilfe. Es ist ein schmerzhafter Prozess, das anzuerkennen. Sowohl für sie als auch für mich. Der Schnitt in meiner Hand brannte, genau wie das Herz in meiner Brust beim Gedanken an den Abschied von ihrer Selbstständigkeit. Ich stand kurz da, hielt mir die Hand und fragte mich panisch: Wie soll ich jetzt weitermachen? Wie kriege ich diese Arbeit zu Ende? Aber dann atmete ich tief durch. Ich suchte im Schrank und fand ihn: Einen alten, massiven Locher aus Metall. Er ist stabil, er funktioniert tadellos. Er war einfach da, man musste ihn nur hervorholen. In diesem Augenblick veränderte sich meine Sichtweise. Ich begriff, dass ich meinen Eltern mit dieser mühsamen Schreibarbeit gerade etwas „erarbeite“: die Möglichkeit auf etwas neues Schönes. Das Pflegeheim ist kein Ende, sondern eine Entlastung. Ein Ort, an dem sie versorgt sind und die Zeit miteinander genießen können, die sie sich so redlich verdient haben. Es ist das Auffangbecken, der stabile Metall-Locher, der übernimmt, wenn der alte Kunststoff bricht. Es ist keine Niederlage, dass sie Hilfe brauchen – es ist ein neuer Weg, der ihnen Sicherheit schenkt. Es gibt immer einen Ausweg Dieser kleine Unfall ist für mich zu einer Metapher geworden. Egal, wie festgefahren oder schmerzhaft eine Situation scheint, egal wie sehr wir an unsere Grenzen stoßen: Es gibt immer eine Lösung. Manchmal müssen wir nur den Mut haben, kurz innezuhalten, den Schmerz zu versorgen und dann in eine andere Richtung zu blicken. Der neue Weg liegt oft direkt vor der Haustür, wir müssen ihn nur einschlagen. Ich weiß jetzt, dass für meine Eltern alles gut werden wird. Sie werden sich einfinden und dort eine gute Zeit haben. Habt Ihr auch schon einmal erlebt, dass ein scheinbar banaler Gegenstand Euch plötzlich die Augen für eine große Lebensentscheidung geöffnet hat? Wie geht Ihr mit Momenten um, in denen etwas Altes zerbricht? Schreibt es mir gerne in die Kommentare – ich freue mich auf Eure Gedanken. Euer Schimon

15.02.1922 – Den Haag, ist das Völkerrecht gescheitert oder unsere einzige Chance gegen Diktatoren?

Ein Gerichtssaal kann ein kühler Ort sein, voller Paragrafen und strenger Gesichter. Doch wenn wir genau hinschauen, ist er oft die einzige Brandmauer zwischen der menschlichen Zivilisation und dem totalen Chaos. Heute möchte ich mit euch genau 104 Jahre zurückreisen, an einen geschichtsträchtigen 15. Februar im Jahr 1922. An jenem Tag öffnete der Friedenspalast in Den Haag seine Pforten für die erste Sitzung des Ständigen Internationalen Gerichtshofs. Unter der Leitung des Niederländers Bernard Loder geschah etwas, das viele Zeitgenossen für eine bloße Träumerei hielten: Die Geburtsstunde einer echten Weltjustiz. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte gab es ein festes Gremium aus Richtern verschiedener Nationen, das nicht nur gerufen wurde, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen war, sondern das als dauerhafte Institution über dem Zank der Nationalstaaten stehen sollte. Die Vision von Paragrafen statt Patronen Stellt euch die Welt damals vor – tief traumatisiert vom Ersten Weltkrieg, auf der Suche nach einem Anker. Der Völkerbund war der Versuch, eine neue Ordnung zu schaffen, und dieser Gerichtshof war sein juristisches Herzstück. Bernard Loder und seine Kollegen wollten weg von der alten Weltordnung, in der das Recht des Stärkeren galt, hin zu einer Welt, in der die Stärke des Rechts zählt. Es war der mutige Versuch, Konflikte über Grenzen, Verträge und Handelswege nicht mehr durch Mobilmachung, sondern durch Urteilsverkündungen zu lösen. Natürlich war dieses System damals noch zerbrechlich. Die Großmächte zögerten, sich wirklich einer fremden Instanz zu unterwerfen. Doch der Grundstein war gelegt: Die Idee, dass ein Staat vor einem Richter Rechenschaft ablegen muss, war in der Welt und ließ sich nicht mehr so einfach verdrängen. Auch wenn der Völkerbund später scheiterte und die Welt in die Dunkelheit des Zweiten Weltkriegs stürzte, blieb die Vision von Den Haag lebendig. Sie bildete nach 1945 das direkte Fundament für den heutigen Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen, der heute noch im selben prächtigen Gebäude tagt. Was uns Den Haag heute sagen kann Wenn ich heute auf die Nachrichten blicke – auf die Spannungen im Nahen Osten, auf die Kriege in Europa und die zunehmende Missachtung internationaler Regeln –, dann spüre ich eine tiefe Sehnsucht nach diesem Geist von 1922. Wir leben in einer Zeit, in der das Völkerrecht oft wie ein zahnloser Tiger wirkt. Und doch ist es das Einzige, was uns als Weltgemeinschaft zusammenhält. Wenn wir aufhören, an die Kraft des gemeinsamen Rechts zu glauben, kehren wir zurück in eine Ära, in der nur noch die lauteste Stimme und die schwerste Waffe entscheiden. Das Ereignis vom 15. Februar 1922 erinnert uns daran, dass Frieden kein Zufallsprodukt ist. Er ist harte Arbeit, gegossen in Verträge und verteidigt durch Menschen wie Bernard Loder, die den Mut hatten, an eine gerechtere Welt zu glauben. Es ist eine leise, aber beharrliche Kraft. Vielleicht ist es gerade heute wichtiger denn je, sich diesen Mut zur Sachlichkeit und zur Gerechtigkeit wieder in Erinnerung zu rufen – als Kompass in einer Welt, die sich oft viel zu schnell dreht. Was denkt ihr darüber? Glaubt ihr, dass internationales Recht in unserer heutigen, komplexen Welt überhaupt noch eine echte Chance hat, oder ist die Vision von damals gescheitert? Schreibt es mir gerne unten in die Kommentare – ich bin gespannt auf eure Gedanken. Euer Schimon