Wannsee – der Moment, in dem Mord zum Verwaltungsakt wurde
Heute ist so ein Tag, der mir beim Lesen der Nachrichten und beim Blick auf den Kalender kurz den Atem nimmt. Der 20. Januar ist nicht einfach irgendein Datum. Am 20. Januar 1942 trafen sich in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin fünfzehn Männer aus SS, Partei und Ministerien, um die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ in eine Form zu bringen, die man in Akten, Zuständigkeiten und Abläufen abarbeiten konnte.
Und genau das macht es so schwer auszuhalten: Nicht das Bild von „Wahnsinn“ oder „Chaos“, sondern dieses kalte Funktionieren. Dieses „wir regeln das“. Bürokratie, die sich geschniegelt gibt, während sie den Massenmord organisiert.
Was damals in Wannsee wirklich passierte
Die Wannsee-Konferenz war keine Stunde der plötzlichen Entscheidung aus dem Nichts. Der Terror gegen Juden war da längst Realität, Deportationen liefen bereits, und in Osteuropa hatte der Massenmord vielerorts schon begonnen. Aber in Wannsee ging es darum, das Ganze behördlich zu verzahnen: Wer ist zuständig, wie wird koordiniert, wie spricht man darüber, wie bringt man alle Stellen auf Linie.
Man kann das sogar in Dokumenten sehen, die heute öffentlich zugänglich sind, etwa im Protokoll, das die Gedenkstätte bereitstellt. Da steht nicht „wir werden Menschen ermorden“, sondern es wird in einem Tarnvokabular über „Evakuierung“ und „Bearbeitung“ gesprochen, während es faktisch um Deportation und Vernichtung geht.
Diese Art Sprache ist für mich bis heute eine der schlimmsten Erkenntnisse: Wenn ein Staat anfängt, Menschen in Kategorien zu pressen, sie sprachlich zu entmenschlichen und das dann „ordnungsgemäß“ abzuarbeiten, dann ist das der Weg in den Abgrund. Nicht mit Waffen. Sondern mit Formularen.
Today marks the 84th anniversary of the Wannsee Conference, where senior Nazi officials coordinated the implementation of the “Final Solution” – the systematic murder of Europe’s Jews.
— Israel Foreign Ministry (@IsraelMFA) January 20, 2026
This was not chaos, but bureaucracy. Not madness, but planning.
Remembering Wannsee is a… pic.twitter.com/gsapZrxF1V
Wie Deutschland heute daran erinnert – und warum sich der Ton verändert
In Deutschland ist der 27. Januar der offizielle Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, weil an diesem Datum Auschwitz befreit wurde. Trotzdem ist der 20. Januar jedes Jahr ein wichtiger Gedenktag, weil er wie eine Markierung in der Geschichte des Holocaust ist: Hier sitzt Macht zusammen, und sie macht aus Verbrechen ein Verwaltungsprojekt.
Auffällig ist, wie stark das Gedenken inzwischen auch ein Streit um Gegenwart geworden ist. Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz begeht den 84. Jahrestag heute nicht nur mit stiller Erinnerung, sondern mit einer großen Diskussionsveranstaltung sichtbar: „Erinnern als Staatsräson?“ – deutsche Erinnerungskultur und israelische Perspektiven auf das Gedenken an die Shoah. Und ja, die Veranstaltung ist laut Gedenkstätte sogar ausgebucht.
Allein dieser Titel sagt viel über das Jahr 2026. Es geht nicht mehr nur um „Wie erinnern wir?“, sondern auch um „Was bedeutet dieses Erinnern politisch? Was folgt daraus – und wo wird es missbraucht?“ In einem aktuellen Interview (Berliner Morgenpost, 19.01.2026) spricht die Leiterin der Gedenkstätte, Deborah Hartmann, genau über diese Spannung: Kritik an Israel, Antisemitismus, die Frage nach Grenzen und nach Ehrlichkeit in der Debatte.
Und dann kommt noch etwas dazu, was wir vor ein paar Jahren so in der Schärfe nicht kannten: die digitale Verfälschung. Die Gedenkstätte verweist aktuell auf einen offenen Brief gegen KI-generierte Holocaust-Verfälschungen auf Social Media. Das ist für mich ein Alarmzeichen, weil es zeigt: Erinnerung ist nicht nur „damals“, Erinnerung ist auch Abwehrarbeit gegen neue Formen der Lüge.
Warum Wannsee heute so weh tut – und warum ich trotzdem hinschaue
Wenn ich an Antisemitismus heute denke, dann denke ich nicht nur an offene Hassparolen. Ich denke auch an dieses leise „abdriften“: Wegschauen, Relativieren, dieses „wird man ja wohl noch sagen dürfen“, dieses Austesten von Grenzen. Wannsee ist für mich die Erinnerung daran, dass das Ende selten mit dem Ende anfängt. Es fängt vorher an. In Sprache. In Stimmung. In der Bereitschaft, Menschen als Problem zu behandeln.
Und genau deshalb ist der 20. Januar so ein Tag, an dem ich nicht einfach nur „gedenke“, sondern mich frage, was wir aus dieser Art Verwaltungsdenken lernen müssen. Weil Entmenschlichung nicht immer brüllt. Manchmal klingt sie geschniegelt, vernünftig und „pragmatisch“. Und genau das ist die Falle.
Ich will dabei auch ehrlich sein: Diese Debatten sind heute aufgeladen, oft aggressiv, und manchmal habe ich das Gefühl, dass Erinnerung von manchen als Waffe benutzt wird, statt als Orientierung. Umso wichtiger finde ich Orte, die versuchen, den Dialog zu fördern – ohne Ausweichen, ohne billige Parolen, ohne Abkürzungen.
Wenn Du heute nur eine Sache mitnimmst, dann vielleicht diese: Wannsee zeigt, wie schnell ein Staat moralisch verrotten kann, wenn Menschenwürde nicht mehr der Maßstab ist, sondern „Zielerreichung“. Und es zeigt, wie tödlich Sprache sein kann, wenn sie Verbrechen in Verwaltung verwandelt.
Was macht der 20. Januar mit Dir – ist das für Dich „Geschichte“, oder spürst Du da auch eine Mahnung für unsere Gegenwart? Schreib mir das bitte in die Kommentare, ich will Deine Sicht wirklich lesen.
Euer Schimon
Bild: A.Savin, Wikipedia – Villa in Berlin-Wannsee, Deutschland – bekannt als Haus der Wannseekonferenz
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