Schimon schreibt: Wenn das Schweigen bricht – Vom Mut, wieder anzufangen
Es gibt E-Mails, die liest man nicht einfach nur zwischendurch. Man starrt auf den Absender, hält den Atem an und für einen kurzen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Gestern Abend war so ein Moment. In meinem Postfach blinkte ein Name auf, der dort seit genau 514 Tagen nicht mehr zu sehen war: Susi. Im April 2025 endete unser intensiver Austausch ganz abrupt. Ich hatte ihr damals eine Frage gestellt, die tief ging – vielleicht zu tief. Es war die Frage nach den Menschen in ihrem Leben, die ihr unbemerkt die Kraft rauben. Und dann? Nichts. Stille. Anderthalb Jahre lang.
In der psychologischen Beratung und im Coaching lernt man schnell: Schweigen ist fast nie Desinteresse oder Unhöflichkeit. Meistens ist es ein Schutzreflex. Wenn eine Frage zu nah an einen wunden Punkt rührt, geraten wir innerlich in Panik. Wir klappen den Laptop zu, ziehen den vertrauten Schutzpanzer wieder an und flüchten uns panisch zurück in das, was wir jahrelang perfektioniert haben: das Funktionieren. Susi hat funktioniert. Jeden einzelnen Tag der letzten 17 Monate. Sie ist inzwischen 45 geworden, navigiert weiterhin den extremen Spagat zwischen ihrem Job in der Werbeagentur, den Überstunden und der Erziehung ihrer beiden Kinder. Nach außen hin die bewundernswerte, extrem starke Löwenmutter. Innen drin: eine wachsende, bleierne Leere und eine innere Stimme, die sich nicht mehr betäuben lässt.
Dass sie mir nun nach so langer Zeit wieder schreibt, erfordert unendlich viel Mut. Denn es bedeutet, sich selbst einzugestehen, dass das bloße „noch ein bisschen besser Funktionieren“ keine Wunden heilt, sondern sie nur vertagt. Hier ist meine Antwort an sie. Weil jeder von uns das Recht hat, das Schweigen zu brechen, wenn der eigene Panzer zu schwer wird.
Mail an Susi: Willkommen zurück
Liebe Susi,
natürlich erinnere ich mich an Sie. Sehr gut sogar. Und nein, ich nehme Ihnen Ihr Schweigen keine einzige Sekunde lang übel. Ganz im Gegenteil. Als Sie mir damals schrieben, Sie seien „müde vom Starksein“, haben Sie mir einen sehr ehrlichen und verletzlichen Einblick in Ihr Leben gewährt. Meine anschließende Frage nach Ihrem engsten Umfeld war schwer. Sie hat an ein Fundament gerührt, das Sie jahrelang mühsam aufrechterhalten haben, um Ihre Familie zu schützen. Dass Sie damals weggelaufen sind, war kein Scheitern. Es war Ihr damaliger Weg, sich selbst vor einer Überforderung zu schützen, für die Sie einfach noch nicht bereit waren. Und das ist völlig okay.
Nachträglich von ganzem Herzen alles Liebe zu Ihrem 45. Geburtstag. Ein runder oder halbrunder Geburtstag ist oft eine unsichtbare Grenze im Leben. Es ist der Moment, in dem die innere Stimme – die Sie so treffend beschreiben – lauter wird. Sie fordert uns auf, hinzusehen, ob wir unser Leben noch selbst gestalten oder ob wir nur noch von den Umständen gestaltet werden. Sie schreiben, dass Sie immer noch in derselben Fürsorgefalle stecken. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zu damals: Sie wissen es jetzt. Sie haben erkannt, dass der reine Funktionsmodus keine Lösung mehr ist. Das ist kein Zeichen von Schwäche, liebe Susi. Das ist der Beginn von echter, mutiger Klarheit.
Ich bin hier. Ich höre Ihnen zu. Und wir gehen diesen Weg genau in Ihrem Tempo – ohne Druck und ganz ohne Bewertung. Sind Sie bereit, dass wir dort weitergehen, wo wir damals aufgehört haben?
Herzliche Grüße,
Ihr Schimon Winkler
Bild: Peter Winkler / Mit KI überarbeitet
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