Susi schreibt: Die Zerrissenheit der Löwenmutter
Die Klimaanlage im Besprechungsraum summt monoton, während bunte Post-its an der Glaswand kleben. Es geht um den neuen Pitch, um Markenidentität, Klickzahlen und Zielgruppenanalysen. Susi nickt, gibt präzise Anweisungen, leitet ihr Team mit der gewohnten, kühlen Souveränität, die man von ihr in der Werbeagentur erwartet. Ihr beiges Seidenhemd sitzt perfekt, ihre roten Locken sind elegant zurückgesteckt. Nach außen hin ist sie die unerschütterliche Teamleiterin. Doch unter dem Tisch umklammert ihre linke Hand ihr Smartphone. Auf dem Display leuchtet eine SMS ihrer 10-jährigen Tochter Marie auf, gesendet vor zwei Stunden: „Mama, Jonas schließt sich in sein Zimmer ein und will nicht mit mir Brettspiele spielen. Mir ist langweilig. Wann kommst du nach Hause?“ Susi hat daraufhin Jonas angerufen, dreimal. Er ist nicht rangegangen. Wahrscheinlich sitzt er mit seinen 17 Jahren mit Kopfhörern vor dem PC oder ist längst heimlich mit seinen Freunden abgehauen.
In Susis Brust zieht sich ein vertrauter, schmerzhafter Knoten zusammen. Es sind Sommerferien. Sechs Wochen, in denen die Kinder eigentlich Abenteuer erleben, ausschlafen und unbeschwert sein sollten. Stattdessen verbringen sie die Tage in der stickigen Stadtwohnung. Allein.
Susi spürt, wie die Schuldgefühle wie kaltes Wasser in ihr hochsteigen. Sie hasst es, ihre Kinder so oft sich selbst überlassen zu müssen. Aber welche Wahl hat sie? Es gibt keine Großeltern in der Nähe, die mal eben einspringen könnten. Und ihr Ex-Mann? Er hat sich nach der Scheidung emotional völlig aus der Affäre gezogen. Der Vater kümmert sich überhaupt nicht um den Alltag der Kinder. Ab und zu, wenn es in seine Freizeitplanung passt, holt er sie für ein Wochenende ab – meistens, um sich als der „tolle Event-Papa“ feiern zu lassen, während Susi die zermürbende Erziehungsarbeit unter der Woche leistet.
Nach dem Meeting hält Susi es im stickigen Agenturgebäude nicht mehr aus. Sie braucht Luft. Sie schnappt sich ihre Handtasche und flieht in den kleinen Park, der nur wenige Gehminuten von der Agentur entfernt liegt. Draußen ist es spätsommerlich warm. Susi setzt sich auf eine abgelegene Holzbank unter einer alten Kastanie, deren Blätter bereits die ersten goldenen Ränder tragen. Sie atmet tief die warme Luft ein, schließt für einen Moment die Augen und holt ihr Smartphone heraus. Sie öffnet Schimons E-Mail. Sie liest seine Worte wieder und wieder: „Sind Sie bereit, dass wir dort weitergehen, wo wir damals aufgehört haben?“ Eine Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel und brennt auf ihrer Wange. Sie wischt sie rasch weg, schaut auf ihre orange-rot lackierten Fingernägel und spürt eine tiefe, fast trotzige Entschlossenheit. Sie wird nicht mehr weglaufen. Nicht vor Schimon und vor allem nicht vor sich selbst.
Es ist spät am Abend, als in der Wohnung endlich Ruhe einkehrt. Marie schläft tief und fest, Jonas ist schweigend in seinem Zimmer verschwunden. Susi sitzt am Küchentisch, eine Kerze brennt, und das Tippen ihrer Finger auf der Tastatur ist das einzige Geräusch in der Stille der Nacht.
Mail an Schimon: Wenn Liebe müde macht
Lieber Herr Winkler,
ich sitze am Küchentisch, und mir zittern die Hände. Nicht vor Angst, sondern vor Erschöpfung – und vor der nackten, ungeschminkten Wahrheit, die ich Ihnen heute schreiben muss.
Heute war wieder so ein Montag. Ein Montag, an dem ich auf dem Papier eine erfolgreiche Karrierefrau im Designer-Outfit war, während ich mich innerlich wie die schlechteste Mutter der Welt gefühlt habe. Meine Kinder haben Sommerferien. Sie sollten draußen sein, lachen, die Welt entdecken. Stattdessen sitzen sie in der Wohnung, weil ich in der Agentur Überstunden schieben muss. Und hier ist sie, die Antwort auf Ihre Frage von damals. Die Frage, vor der ich anderthalb Jahre lang weggelaufen bin: Wer raubt mir in meinem engsten Kreis die Kraft?
Herr Winkler, es bricht mir das Herz, das aufzuschreiben, aber: Es sind meine Kinder. Ich liebe Jonas und Marie mehr als mein eigenes Leben. Ich würde ohne zu zögern alles für sie aufgeben. Aber die schiere, unendliche, nie aufhörende Verantwortung für diese beiden Seelen erdrückt mich. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, gibt es keinen Feierabend. Ich muss kochen, zuhören, trösten, streitende Geschwister trennen, den Haushalt machen, den Vater ersetzen. Ich bin die einzige Säule, die dieses gesamte Dach trägt. Und diese Säule hat Risse.
Dazu kommt ein unerträgliches Dilemma, das mich innerlich zerreißt: Ich dränge Jonas, der mit seinen 17 Jahren eigentlich seine eigenen Wege gehen und unbeschwert sein sollte, in die Rolle des Co-Erziehers. Ich verlange von ihm, dass er auf seine kleine Schwester aufpasst, weil ich arbeiten muss. Ich spüre, wie ich ihm damit ein Stück seiner Jugend stehle, weil wir hier völlig auf uns allein gestellt sind. Keine Großeltern, die helfen. Ein Vater, dem seine Kinder im Grunde völlig egal sind und der nur als sporadischer Wochenend-Gast existiert.
Ich fühle mich in einer perfekten Falle gefangen. Wenn ich arbeite, lasse ich meine Kinder im Stich und verpasse ihre Kindheit. Wenn ich weniger arbeite, gefährde ich unsere finanzielle Existenz. Wie soll ich in diesem System jemals „gut zu mir selbst“ sein, wie Sie es nennen? Wer fängt denn die Kinder auf, wenn ich aufhöre, diese eiserne, funktionierende Festung zu sein? Ich habe schreckliche Angst vor der Antwort. Aber ich bin bereit, sie zu hören.
Mit müden, aber ehrlichen Grüßen,
Susi
Bild: KI-generiert
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