Schimon schreibt: Das Tabu der erschöpften Liebe – Wenn Kinder uns Kraft kosten
In meiner Rolle als Berater und Coach begegnen mir immer wieder Situationen, in denen eine einzige Äußerung schlagartig die Stimmung im Raum verändert. Momente, in denen die mühsam aufrechterhaltene Fassade eines Menschen mit einem lauten Knall in sich zusammenbricht. Gestern Abend, als ich Susis E-Mail las, war so ein Moment. Sie hat ein Tabu ausgesprochen, das in unserer Gesellschaft mit einer derart harten sozialen Ächtung belegt ist, dass es die meisten betroffenen Mütter lieber mit ins Grab nehmen, als es laut auszusprechen.
Susi hat geschrieben: „Es bricht mir das Herz, das aufzuschreiben, aber: Es sind meine Kinder, die mir die Kraft rauben.“ Ich habe diesen Satz mehrmals gelesen. Und mit jedem Mal spürte ich tiefer die unendliche Erleichterung, die Susi beim Tippen dieser Worte empfunden haben muss – gepaart mit einer lähmenden Angst, dafür verurteilt zu werden.
Unsere Gesellschaft erhebt Mütter auf ein Podest und misst sie an idealisierten, unerreichbaren Ansprüchen. Eine Mutter hat unendlich belastbar zu sein. Sie hat instinktiv zu wissen, was zu tun ist, sie hat sich aufzuopfern, und vor allem: Sie hat diese Aufopferung mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht zu ertragen. Wer diesen Mythos anzweifelt, wer zugibt, an seine Grenzen zu stoßen, wird im Stillen (und oft auch ganz offen) als Rabenmutter abgestempelt.
Doch die Wahrheit, die ich in meiner Praxis jeden Tag erlebe, ist eine andere: Man kann seine Kinder über alles lieben, für sie sterben wollen – und gleichzeitig von der ununterbrochenen, erdrückenden Verantwortung für sie sterbensmüde sein. Das ist kein Widerspruch. Es ist eine biologische und emotionale Realität. Liebe ist ein Gefühl; Verantwortung und Care-Arbeit im Dauer-Einzelkampf sind schwere Arbeit.
Susi fragt mich: „Wer fängt die Kinder auf, wenn ich aufhöre, die eiserne Festung zu sein?“ Meine Antwort darauf ist radikal: Eine Festung ist kalt, starr und aus Stein. Kinder wollen keine Festung bewohnen. Sie wollen eine lebendige, atmende, fühlende Mutter. Eine Mutter, die ihnen vorlebt, wie man gesund mit den eigenen Kräften umgeht. Wenn wir uns selbst bis zur Selbstaufgabe ausbeuten, bringen wir unseren Kindern unbewusst bei, dass das der Standard für ein erwachsenes Leben ist. Wollen wir wirklich, dass unsere Töchter und Söhne später einmal genauso erschöpft funktionieren wie wir?
Hier ist meine Antwort an Susi – denn der Ausweg aus der Überlastungsfalle führt nicht über noch mehr Disziplin, sondern über den Mut, eine Panzerung abzulegen, die schon viel zu schwer geworden ist.
Mail an Susi: Du bist keine Festung
Liebe Susi,
atmen Sie erst einmal tief aus. Legen Sie für einen Moment die Hände in den Schoß. Spüren Sie die Erleichterung? Sie haben mir die ehrliche, ungeschminkte und schmerzhafte Wahrheit anvertraut. Bevor Sie irgendetwas anderes lesen, lassen Sie diesen Gedanken tief in sich wirken: Sie sind kein Ungeheuer. Sie sind eine wunderbare, aufrechte und unendlich liebende Mutter, die einfach am Ende ihrer Kräfte ist.
Es gibt in unserer Gesellschaft ein grausames Missverständnis: Wir verwechseln die Erschöpfung durch die Rolle mit mangelnder Liebe zum Kind. Wenn Sie schreiben, dass Ihre Kinder Ihre größten Energieräuber sind, dann meinen Sie nicht Jonas und Marie als Personen. Sie meinen die erdrückende, ununterbrochene, 24-stündige Verantwortung, die auf Ihren Schultern lastet. Sie haben keinen Feierabend, kein Wochenende, kein Backup. Jede Entscheidung, jede Sorge, jede finanzielle Last tragen Sie allein. Dass diese Last Sie müde macht, ist kein charakterliches Versagen. Es ist eine logische physikalische Konsequenz.
Sie beschreiben eine „perfekte Falle“: Arbeiten Sie voll, vernachlässigen Sie die Kinder. Arbeiten Sie weniger, gefährden Sie die Existenz.
Liebe Susi, diese Zwickmühle ist real. Doch unüberwindbar wird sie erst, wenn der Anspruch an Sie selbst gilt, in jeder Hinsicht Makellosigkeit an den Tag zu legen. Ich lade Sie ein, ein einziges Wort aus Ihrem Wortschatz zu streichen: perfekt. Ersetzen Sie es durch „gut genug“. Ihre Kinder brauchen keine perfekte Mutter, die am Ende zusammenbricht. Sie brauchen eine Mutter, die sagt: „Ich kann heute nicht mehr. Wir machen uns jetzt einfach Nudeln mit Ketchup, lassen den Abwasch stehen und kuscheln uns auf das Sofa.“ Das ist nicht vernachlässigend – das ist gesund.
Und nun zu Jonas. Sie plagt das schlechte Gewissen, weil Sie ihm ein Stück seiner Jugend rauben, indem Sie ihn zum Mit-Erzieher machen. Hier liegt eine riesige Chance für Sie beide. Jonas ist 17. Er ist kein kleines Kind mehr, das man vor der Realität des Lebens abschirmen muss. Er spürt Ihre Erschöpfung ohnehin, jeden Tag. Wenn Sie so tun, als sei alles in Ordnung (die eiserne Festung spielen), erzeugen Sie bei ihm eine unbewusste Verwirrung.
Gehen Sie weg von den Schuldgefühlen. Schuldgefühle machen uns klein und handlungsunfähig. Gehen Sie stattdessen in die Begegnung auf Augenhöhe. Suchen Sie das Gespräch mit Jonas. Setzen Sie sich mit ihm zusammen – nicht als schwache Mutter, die um Hilfe fleht, sondern als seine Teampartnerin.
Sagen Sie ihm die Wahrheit: „Jonas, wir sind hier ein kleines Team aus drei Personen. Ich schaffe es im Moment nicht mehr allein, die ganze Last zu tragen. Ich brauche dich als Partner an meiner Seite. Lass uns gemeinsam überlegen, wie wir Maries Betreuung in den Ferien so aufteilen, dass es für dich fair bleibt und ich trotzdem Luft zum Atmen bekomme.“
Sie werden überrascht sein, wie viel Reife in Ihrem Sohn steckt, wenn man ihm mit echtem Respekt und ohne die verdeckten Erwartungen eines schlechten Gewissens begegnet. Indem Sie ihn um Hilfe bitten, nehmen Sie ihm nicht die Jugend – Sie geben ihm die Möglichkeit, an einer echten, verantwortungsvollen Rolle zu wachsen.
Ich bin gespannt, was passiert, wenn Sie die Festungstür einen Spalt weit öffnen.
Herzliche Grüße,
Ihr Schimon
Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet
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