Susi schreibt: Der Schritt in ein neues Leben
Der Morgen ist kühl, klar und von einem goldenen September Lichtdurchflutet. Vor dem Haus steht das Auto, der Kofferraum ist bereits weit geöffnet. Jonas hievt ohne ein einziges Wort der Aufforderung die großen Reisetaschen hinein, während Marie lachend mit ihrer kleinen Strandtasche durch den Flur flitzt und kontrolliert, ob ihr Lieblingsbuch auch wirklich eingepackt ist. Susi steht im Flur vor dem großen Holzspiegel. Sie hält für einen Moment inne.
Sie betrachtet ihr Spiegelbild. Da ist kein angespannter Blick mehr, keine tief in die Stirn gegrabenen Sorgenfalten einer getriebenen Überlebenskünstlerin. Ihre kupferroten Locken fallen weich und ungezähmt über ihre Schultern. Ihre Wangen haben durch die spürbare Entlastung der letzten Wochen Farbe gewonnen, und ihre Augen leuchten in einem warmen, ruhigen Hazel-Braun. An ihren Fingern strahlt der leuchtend orange-rote Nagellack – nicht mehr als schützender Gegenwehr-Trotz, sondern als Zeichen purer Lebensfreude.
Sie sieht keine eiserne Festung mehr im Spiegel. Sie sieht eine 45-jährige Frau, die ihr Leben zurückgewonnen hat. Auf der Kommode im Flur steht ihr Laptop. Die Koffer sind gepackt, die Fahrräder auf dem Dach montiert. Bevor sie den Schlüssel umdreht und mit ihren Kindern an die dänische Nordsee aufbricht, setzt sie sich noch einmal kurz an den Tisch. Sie klappt den Bildschirm auf. Es ist Zeit für ihr Übergabeprotokoll. Zeit für ein Dankeschön und das Versprechen, ihren eigenen Weg nun stolz weiterzugehen.
Mail an Schimon: Der Schlüssel zu meinem eigenen Leben
Lieber Herr Winkler, lieber Schimon,
ich sitze hier auf meinem gepackten Koffer, während draußen der Motor unseres Autos leise schnurrt und Jonas und Marie stolz die letzten Vorbereitungen für unsere Reise treffen. In wenigen Minuten fahren wir los nach Dänemark. Und doch musste ich Ihnen diese letzten Zeilen noch schreiben.
Als Sie mir in Ihrer letzten Mail das „Übergabeprotokoll meiner eigenen Schlüssel“ geschickt haben, musste ich weinen. Aber es waren keine Tränen der Trauer oder der Angst vor dem Alleinsein. Es waren Tränen der tiefen, erlösenden Erkenntnis.
Sie haben recht: Der Krieg ist vorbei. Meine Rüstung steht nicht mehr drohend im Weg. Sie steht im Flur an der Garderobe wie ein alter, ausgedienter Mantel, den ich nicht mehr brauche, weil es in meinem Leben wieder warm geworden ist.
Wenn ich an den Tag vor anderthalb Jahren zurückdenke, als ich Ihnen zum ersten Mal schrieb – völlig verzweifelt, gefangen in der Fürsorgefalle und mit der lähmenden Scham, eine schlechte Mutter zu sein –, kann ich kaum glauben, wer ich heute bin. Sie haben mir nicht einfach nur Ratschläge geschrieben. Sie haben mir einen sicheren Raum gegeben, in dem ich meine dunkelste Wahrheit aussprechen durfte, ohne verurteilt zu werden.
Sie haben mir gezeigt, dass meine Verletzlichkeit keine Schwäche ist, sondern der einzige Schlüssel zu echter Nähe. Mein Küchentisch-Bündnis mit Jonas und unsere gemeinsame Ferienplanung haben mein ganzes familiäres Universum verändert. Ich bin nicht mehr die einsame Löwenmutter, die die Welt auf ihren Schultern tragen muss. Ich bin wieder Teil eines Teams. Wir tragen uns gegenseitig.
Sie haben mich gefragt, wer Susi ist, wenn der Platz für Pflichten wieder Raum für eigene Träume lässt.
Ich beginne es gerade erst herauszufinden. Ich spüre zum ersten Mal seit vielen Jahren eine leise, wunderbare Neugier auf mich selbst. Ich bin nicht nur Mutter, nicht nur Marketing-Expertin und Funktioniererin. Ich bin eine Frau mitten im Leben. Ich möchte wieder lachen, ich möchte tanzen, ich möchte spüren, was das Leben noch für mich bereithält. Und ja: Vielleicht schlage ich irgendwann auch wieder die Tür für einen Mann auf, der mein neues Leben bereichert, nicht als Retter oder Schutzschild, sondern als Gefährte auf Augenhöhe.
Ich brauche Ihre wöchentliche Rückversicherung nicht mehr, lieber Schimon. Nicht, weil Sie mir nicht wichtig wären, sondern weil Sie mir das wertvollste Geschenk gemacht haben, das ein Coach machen kann: Sie haben mir das Vertrauen in meine eigenen Kräfte zurückgegeben. Ich habe die Schlüssel zu meinem Leben jetzt selbst in der Hand.
Ich werde den Wind an der Nordsee tief einatmen. Ich werde das Salz auf den Lippen spüren und meinen Kindern beim Lachen zuhören. Und ich werde wissen: Ich bin angekommen.
Danke für alles.
In tiefster Dankbarkeit und mit einem offenen Herzen,
Ihre Susi
Bild: Symbolbild / KI-generiert
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