Schimon schreibt: Die Trümmer der Festung – Warum wir verlernt haben, um Hilfe zu bitten
Selbst bei einem Spaziergang im Wald bin ich nicht zur Ruhe gekommen: Die Worte aus Susis jüngster Nachricht begleiten mich auf jedem Schritt. Es gibt Momente im Coaching und in der psychologischen Beratung, die mich zutiefst berühren. Momente, in denen wir Zeuge davon werden, wie eine vermeintlich unüberwindbare Mauer Risse bekommt. Susis letzte Nachricht war genau so ein Moment. Sie hat das getan, wovor die meisten von uns die größte Angst haben: Sie hat sich vor ihren 17-jährigen Sohn gesetzt und gesagt: „Ich schaffe es gerade nicht allein.“ Und anstatt dass die Festung über ihr zusammenbricht, ist etwas ganz Erstaunliches passiert: Sie haben sich berührt. Auf Augenhöhe.
In unserer Gesellschaft leben wir in einer Kultur des ständigen Funktionierens. Wir glauben, wir müssten für unsere Kinder, unsere Partner und Kollegen eine unbezwingbare Bastion sein. Wir maskieren unsere Erschöpfung mit Effizienz, unsere Angst mit Aktivismus und unsere Einsamkeit mit stolzer Unabhängigkeit. Doch das ist ein Trugschluss.
Der Preis der eisernen Maske
Eine eiserne Festung schützt uns nicht nur nach außen – sie sperrt uns auch nach innen ein. Und noch schlimmer: Sie drängt die Menschen, die wir am meisten lieben, in die Statistenrolle.
Als Susi vorgab, alles perfekt im Griff zu haben, hat sie Jonas unbewusst vermittelt: „Ich brauche dich nicht. Ich bin unverletzlich.“ Jonas‘ Reaktion war folgerichtig. Er fühlte sich unter Druck gesetzt, weil er einer scheinbar fehlerfreien Mutter gegenüberstand, deren Erwartungen er ohnehin nie erfüllen konnte. Also zog er sich zurück. Ihr Schweigen erzeugte sein Schweigen.
Erst als Susi die weiße Flagge ihrer eigenen Erschöpfung hisste, entstand Raum für Jonas, um seine eigene Unsicherheit zu zeigen. Ihre Verletzlichkeit war die Einladung, die er brauchte, um aus der Rolle des rebellierenden Teenagers in die des reifen Partners hineinzuwachsen. Es ist eines der schönsten Paradoxien der menschlichen Psyche: Perfektion erzeugt Distanz. Verletzlichkeit erzeugt Verbindung. Doch während wir diesen ersten, wunderbaren Meilenstein feiern, müssen wir als Coach und Klientin den nächsten, schwereren Schritt wagen. Denn die Festungsmauer, die Susi jetzt mühsam einreißt, ist ja nicht aus dem Nichts entstanden.
Niemand baut eine Festung in Zeiten des Friedens. Wir bauen dicke Mauern, wenn wir belagert werden. Wenn wir die schmerzhafte Erfahrung machen, dass da draußen niemand ist, der uns beschützt. Wenn wir zutiefst enttäuscht, im Stich gelassen oder emotional betrogen werden. Hier ist meine Antwort an Susi. Weil der Weg in die Freiheit manchmal bedeutet, sich die Ruinen anzuschauen, auf denen wir unsere Schutzpanzer errichtet haben.
Mail an Susi: Die Herkunft Ihrer Festung
Liebe Susi,
ich spüre eine tiefe Freude beim Lesen Ihrer Zeilen. Sie haben etwas geschafft, das unendlich viel Mut erfordert: Sie haben die Maske der „perfekten Mutter“ abgenommen und Ihrem Sohn Ihr wahres, erschöpftes Gesicht gezeigt.
Ihr „Küchentisch-Bündnis“ mit Jonas ist ein Meilenstein. Spüren Sie, was da passiert ist? Sie hatten Angst, dass Jonas den Halt verliert, wenn Sie sich verletzlich zeigen. Aber das Gegenteil war der Fall. Ihre Schwäche hat ihm nicht den Halt genommen – sie hat ihm den Druck genommen. Er musste nicht mehr das Kind einer fehlerfreien Übermutter sein, die scheinbar niemanden braucht. Er durfte endlich ein echter Teil Ihres Lebens werden. Sie haben aus einer Last, die Sie erdrückt hat, eine Brücke gebaut, die sie beide verbindet. Genießen Sie diesen Moment der Entlastung. Er zeigt Ihnen, dass Veränderung möglich ist. Und dass die Welt nicht untergeht, wenn Sie Ihre Grenzen aufzeigen.
Aber jetzt, liebe Susi, wo wir festen Boden unter den Füßen haben und Sie wissen, dass Sie im Team arbeiten werden, müssen wir eine Etage tiefer gehen. Wir müssen uns die Frage stellen, warum Sie diese Festung überhaupt erst bauen mussten.
Niemand wird mit dem Glaubenssatz geboren: „Ich muss alles allein schaffen, sonst stürzt die Welt ein.“ Das ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine mühsam erlernte Überlebensstrategie. Wann in Ihrem Leben haben Sie gelernt, dass Sie sich nur auf sich selbst verlassen können? Wann wurde Ihr Schutzpanzer so überlebenswichtig, dass Sie verlernt haben, um Hilfe zu bitten?
Wenn wir uns Ihr Leben ansehen, gibt es da eine große, schmerzhafte Leerstelle. Sie haben mir geschrieben, dass der Vater Ihrer Kinder sich überhaupt nicht am Alltag beteiligt. Dass er nur als sporadischer Event-Papa existiert und Sie mit der gesamten Last allein lässt. Erzählen Sie mir von dieser Zeit, Susi. Wie war das damals, während Ihrer Ehe? Wann haben Sie begriffen, dass Sie auf verlorenem Posten stehen? Wann fingen Sie an, die Mauern hochzuziehen, um sich und Ihre Kinder vor den Trümmern einer erschöpften Liebe zu schützen?
Ich stehe Ihnen zur Seite und gebe Ihnen den nötigen Halt, während wir diese ersten Schritte gemeinsam betrachten.
Herzliche Grüße,
Ihr Schimon
Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet
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