Susi schreibt: Die Trümmer der Beziehung
Es ist fast Mitternacht. Das Haus schläft längst, und die Straße draußen ist in ein tiefes, samtenes Schwarz gehüllt. In Susis Küche brennt nur noch die indirekte Beleuchtung, die ein warmes, bernsteinfarbenes Licht auf das dunkle Holz des Küchentischs wirft. Die Kerze von gestern ist heruntergebrannt, ein kleiner Wachskegel zeugt noch von dem langen Gespräch mit Jonas.
Susi starrt auf den leuchtenden Laptop-Bildschirm. Ihre Haare, diese wilden, kupferroten Locken, hat sie unordentlich mit einer Spange hochgesteckt, ein paar Strähnen haben sich gelöst und fallen ihr weich ins Gesicht. Ihre Finger mit den perfekt lackierten, orange-roten Nägeln ruhen bewegungslos auf der Tastatur. Sie spürt die Müdigkeit in ihren Gliedern, aber es ist keine bleierne, dumpfe Erschöpfung mehr. Es ist eine wachsame, vibrierende Stille. Schimons Frage aus seiner letzten Mail hallt in ihrem Kopf wieder: „Wann in Ihrem Leben haben Sie gelernt, dass Sie sich nur auf sich selbst verlassen können?“
Susi schluckt trocken. Sie schließt für einen Moment die Augen, und augenblicklich ziehen Bilder an ihr vorbei. Keine Bilder aus der Zeit nach der Scheidung, sondern viel ältere. Sie sieht sich selbst in dieser Küche stehen, vor sieben, vor zehn, vor fünfzehn Jahren. Sie spürt wieder dieses eisige, einsame Gefühl im Magen, das sie damals so erfolgreich weggedrückt hat. Sie öffnet das Schreibprogramm. Ihre Finger fangen an zu tippen, erst langsam, dann immer schneller, als würden die Worte förmlich aus ihr herausdrängen.
Mail an Schimon: Die Trümmer einer erschöpften Liebe
Lieber Herr Winkler,
Ihre Frage hat gesessen. Sie hat eine Tür in mir geöffnet, die ich vor Jahren ganz bewusst abgeschlossen und mit schweren Riegeln versehen habe. Ich dachte, wenn ich diese Tür nie wieder öffne, existiert das dahinter nicht mehr. Aber Sie haben recht: Niemand baut eine Festung in Friedenszeiten. Ich habe meine Festung nicht erst vor dreieinhalb Jahren bei der Scheidung gebaut. Die erste Grundsteinlegung war viel früher. Sie war schleichend, leise und fand mitten in meiner Ehe statt. Wenn ich heute zurückblicke, begreife ich etwas Schmerzhaftes: Ich war schon jahrelang eine alleinerziehende Mutter, als ich noch verheiratet war.
Es begann nicht mit einem großen Knall, sondern mit vielen kleinen, alltäglichen Enttäuschungen. Als Jonas ein Baby war und nächtelang schrie, lag mein damaliger Mann neben mir und schlief einfach weiter. Wenn ich ihn bat, mir zu helfen, hieß es: „Du bist doch sowieso zu Hause.“ Später, als ich wieder anfing zu arbeiten, änderte sich nichts. Ich rotierte zwischen Job, Haushalt und Kindererziehung, während er seine Karriere verfolgte, Verabredungen traf und seine Freizeit genoss. Jedes Mal, wenn ich ihn um Unterstützung bat, gab es Versprechungen, die nie eingehalten wurden. „Ja, ich hole Marie aus dem Kindergarten ab“, hieß es – und dann stand ich mit klopfendem Herzen in der Agentur, weil die Erzieherin anrief, dass mein Kind als letztes übrig geblieben war. Jedes vergessene Versprechen, jedes vertröstete „Ich mach das morgen“ war wie ein feiner Riss im Fundament unseres Vertrauens.
Irgendwann, ich glaube es war vor etwa acht Jahren nach einem besonders heftigen Streit, hat sich in mir ein Schalter umgelegt. Ich lag weinend im Bett, während er im Wohnzimmer fernsah, und in mir stieg eine eiskalte, glasklare Erkenntnis hoch: Wenn du willst, dass deine Kinder sicher sind, wenn du willst, dass euer Leben funktioniert, dann darfst du dich nie wieder auf ihn verlassen. Du musst es selbst tun. Alles.
Das war der Moment, in dem ich die Bauarbeiter in meiner Seele angewiesen habe, die Festung hochzuziehen. Ich habe aufgehört zu fragen. Ich habe aufgehört zu bitten. Ich habe mir das „Ich schaffe das allein“ wie eine eiserne Rüstung übergestreift. Und ja, diese Rüstung hat mich und die Kinder geschützt. Sie hat uns durch die unendlich schmutzige, hässliche Scheidung getragen, in der er mich emotional völlig im Stich gelassen hat.
Aber jetzt stehe ich in dieser Festung und merke, dass die Feinde längst weg sind. Der Krieg ist vorbei. Aber ich trage immer noch diese tonnenschwere Rüstung und wundere mich, warum ich keine Luft mehr bekomme und warum mich niemand mehr berühren kann. Jonas hat mir am Küchentisch gezeigt, dass die Menschen, die ich liebe, keine Festungsmauer wollen. Sie wollen mich. Aber wie lege ich eine Rüstung ab, die mir über Jahre das Leben gerettet hat? Wo fange ich an, das Misstrauen zu verlernen?
Mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung,
Susi
Bild: KI-generiert
Entdecke mehr von SCHIMONS WELT
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


