Fachkräftemangel: Wenn Führung Menschen verbrennt und Arbeit ihren Sinn verliert
Es gibt Tage in meiner Praxis als Jobcoach, an denen mich die Gespräche noch bis spät in den Abend hinein begleiten. Wenn mir Menschen gegenübersitzen, die erst vor wenigen Tagen oder Wochen ihren Job verloren haben, blicke ich fast nie in die Gesichter von Faulpelzen. Ich blicke in Gesichter, die gezeichnet sind von Erschöpfung, tiefer Enttäuschung und einer jahrelangen inneren Abnutzung. Sie stehen vor einem beruflichen Scherbenhaufen und können oft gar nicht begreifen, wie es so weit kommen konnte. Die meisten von ihnen haben sich monatelang, manchmal jahrelang Tag für Tag zur Arbeit gequält. Für sie war der Beruf längst kein Ort der Entfaltung mehr, sondern ein reines “Schmerzensgeld Geschäft”, ein notwendiges Übel, um am Monatsende die Miete zu bezahlen.
Ich beobachte dabei immer wieder ein Phänomen, das mich nachdenklich stimmt. Viele trennen mit einer fast schon chirurgischen Härte zwischen ihrer Arbeit und ihrem sogenannten echten Leben. Wenn ich sie frage, was sie nach Feierabend tun, erzählen sie mit leuchtenden Augen vom Gartenbau, vom aufwendigen Restaurieren alter Möbel, von der Pflege kranker Angehöriger oder vom Kochen für Freunde. Doch wenn ich nachhake, sagen sie reflexartig, dass das doch keine Arbeit sei. In unserer Gesellschaft hat sich der Begriff der Arbeit tief in eine Sackgasse verirrt. Wir setzen Arbeit fast nur noch mit fremdbestimmter Lohnarbeit gleich. Das Tätigsein an sich, das Erschaffen, das Wirksamwerden und das Hinterlassen von Spuren ist jedoch ein elementares menschliches Grundbedürfnis. Zu Hause im Garten fühlen wir uns lebendig, weil wir selbst über Methode und Tempo entscheiden und am Abend sehen, was unsere Hände geschaffen haben. Im Betrieb dagegen wird dieser Schöpfungsdrang unter Bergen von starren Vorschriften, Kontrolle und Kälte erstickt.
Die Illusion vom reinen Fachkräftemangel
Wenn wir heute die Zeitung aufschlagen, hören wir von allen Seiten die gleiche Klage über den Mangel an geeigneten Arbeitskräften. Besonders im sozialen Bereich, in Seniorenheimen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen wird das Problem als eine Art unverschuldete Naturkatastrophe dargestellt. Doch wer wie ich regelmäßig mit den Menschen spricht, die dieses System verlassen haben oder darin krank geworden sind, der sieht die Wirklichkeit dahinter. Was uns als Fachkräftemangel verkauft wird, ist in Wahrheit in weiten Teilen ein kolossales Führungsversagen.
Es zerreißt mir oft das Herz, wenn ich sehe, wie dieser Bereich verwaltet wird. Auf der einen Seite hat man über Jahrzehnte hinweg hervorragende Pflegekräfte und Erzieher einfach zur Leitung befördert, nur weil sie fachlich glänzten oder am längsten durchgehalten hatten. Man hat ihnen jedoch nie beigebracht, wie man Menschen auf Augenhöhe führt, wie man Konflikte moderiert und wie man ein Team gesund erhält. Auf der anderen Seite sitzen in den Chefetagen und Direktionen oft reine Betriebswirtschaftler und Quereinsteiger, vielleicht mit einer soliden Karriere in einer Bank im Rücken. Sie beherrschen Belegungsquoten und Pflegesätze bis ins kleinste Detail, haben aber keinen blassen Schimmer davon, was mit einer Pflegekraft passiert, die seit Wochen Überstunden schiebt, ständig aus dem freien Wochenende gerufen wird und mit der Not am Krankenbett allein gelassen wird. Wenn Menschen nur noch als Kostenstellen und Vollzeitäquivalente gerechnet werden, verbrennt man genau die Empathie und Hingabe, die diesen Beruf eigentlich ausmachen.
Wenn Selbstüberzeugung jede Einsicht blockiert
Manchmal juckt es mich gewaltig in den Fingern. Ich würde am liebsten direkt in diese Leitungsrunden gehen, um den Führungskräften und Heimleitungen schonungslos den Spiegel vorzuhalten. Ich würde ihnen gerne zeigen, was ihre Arroganz und ihre blinden Flecken bei den Mitarbeitern an der Basis anrichten. Doch genau dort stößt man auf eine Wand aus Selbstgerechtigkeit. Viele Arbeitgeber und Direktoren sind so felsenfest von ihren Methoden überzeugt, dass sie externe Beratung, Supervision oder gezieltes Führungskräfte-Coaching schlicht als rausgeschmissenes Geld abtun. Man glaubt, mit einer neuen Stellenanzeige oder kostenlosen Getränken sei die Welt gerettet, während die Mitarbeiter scharenweise in die innere Emigration flüchten oder am Ende ganz das Weite suchen.
Für meine Klienten im Coaching ist diese Erkenntnis bitter, aber sie ist auch der Schlüssel zur Heilung. Wenn wir gemeinsam den Scherbenhaufen sortieren, ist der Schmerz über das Erlebte der beste Kompass. Plötzlich wissen die Menschen ganz genau, was sie in Zukunft nicht mehr wollen. Sie wollen kein Mikromanagement mehr, keine gefühlte Kälte und keine Chefs, die ihre eigene Inkompetenz hinter Strenge verstecken. In der intensiven Berufswegeplanung geht es dann darum, dieses Schutzbedürfnis in ein klares Selbstbewusstsein zu verwandeln. Ich ermutige sie, im nächsten Vorstellungsgespräch nicht als Bittsteller aufzutreten, sondern die Führungskultur des neuen Arbeitgebers ganz genau abzuklopfen. Wer den eigenen Wert wiederfindet, muss sich nicht mehr dem erstbesten System ausliefern. Wir müssen aufhören, uns in die eigene Tasche zu lügen und so zu tun, als sei gute Führung ein nettes Beiwerk. Sie ist das Fundament, auf dem Menschen gesund arbeiten und einen echten Beitrag leisten können.
Wie sind Deine eigenen Erfahrungen in Deinem Berufsleben, hast Du echte Führung auf Augenhöhe erlebt oder hast auch Du Dich schon einmal vor schlechten Vorgesetzten in Sicherheit bringen müssen? Schreib mir Deine Gedanken und Erlebnisse dazu unbedingt in die Kommentare.
Euer Schimon
Bild: Symbolbild / KI-generiert
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