Schimon schreibt: Das Übergabeprotokoll der eigenen Schlüssel
In der Begleitung von Menschen durch tiefe Lebenskrisen gibt es einen ganz besonderen, fast magischen Moment. Es ist der Augenblick, in dem sich der Nebel der Erschöpfung lichtet und der Klient plötzlich begreift: Ich bin nicht mehr das Opfer meiner Umstände. Ich bin wieder die Regisseurin meines Lebens.
Susis jüngster Bericht über die Planung der Herbstferien am Küchentisch war genau ein solcher Augenblick. Wer die Entwicklung dieser beeindruckenden Frau von den Anfängen – von der schleichenden Verzweiflung im April 2025 und den 514 Tagen des schützenden Schweigens – bis heute verfolgt hat, spürt die enorme Kraft dieser Veränderung.
Susi hat die „Zehn-Sekunden-Lücke“ gewagt. Sie hat die Kontrolle abgegeben, ihren 17-jährigen Sohn Jonas ermächtigt und erlebt, dass ihr Vertrauen mit Reife, Nähe und echter Entlastung beantwortet wurde. Ihre Rüstung ist nicht mehr ihre Identität; sie hängt wie ein schwerer, alter Wintermantel an der Garderobe im Flur.
Der Übergang vom Überleben zum Leben
Viele Menschen verwechseln Überleben mit Leben. Überleben bedeutet Hypervigilanz: Wir scannen ständig den Horizont nach Gefahren, wir halten alle Fäden krampfhaft in der Hand, wir rüsten uns gegen Enttäuschungen und funktionieren wie ein präzises Uhrwerk. Das hat Susi jahrelang perfekt beherrscht. Es hat ihr und ihren Kindern das Überleben gesichert.
Aber Überleben ist kein Dauerzustand. Es saugt uns innerlich aus, bis von unserer Lebensfreude nur noch Asche übrig ist.
Der Schritt zurück ins eigentliche Leben erfordert einen völlig anderen Mut. Er verlangt von uns, dass wir die scheinbare Leere aushalten, die entsteht, wenn wir aufhören zu kämpfen. Wenn die Rüstung abgelegt ist und der Alltag nicht mehr von ständiger Krisenabwehr dominiert wird, taucht eine neue, fast beängstigende Frage auf: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr nur funktionieren muss?
Das Ziel jedes guten Coachings: Sich überflüssig zu machen
Ein professionelles Coaching ist niemals auf dauerhafte Abhängigkeit angelegt. Das höchste Ziel meiner Arbeit besteht nicht darin, Menschen wöchentlich an meiner Hand durch ihren Alltag zu führen, sondern ihnen zu helfen, ihren eigenen inneren Kompass wiederzufinden – bis sie mich schlichtweg nicht mehr brauchen.
Susi hat in den vergangenen Wochen die entscheidenden Werkzeuge nicht nur verstanden, sondern erfolgreich angewendet:
Sie hat die Scham über ihre emotionale Erschöpfung abgelegt. Sie hat das Tabu der mütterlichen Überforderung gebrochen und sich mit ihren Kindern verbündet. Sie hat die Wurzeln ihres alten Misstrauens in den Trümmern ihrer Ehe erkannt. Und sie hat im Alltag bewiesen, dass sie die Kontrolle abgeben und vertrauen kann.
Die Rüstung steht nicht mehr zwischen ihr und der Welt. Deshalb ist es jetzt an der Zeit für das „Übergabeprotokoll“.
Hier ist meine vorerst letzte E-Mail an Susi – die Einladung, die Schlüssel zu ihrem eigenen Leben endlich wieder voll und ganz in die eigene Hand zu nehmen.
Mail an Susi: Die Schlüssel zu Ihrem eigenen Leben
Liebe Susi,
als ich Ihre Zeilen über die Urlaubsplanung am Küchentisch gelesen habe, musste ich leise schmunzeln und tief durchatmen. Ich habe vor meinem geistigen Auge gesehen, wie Sie die Stifte abgelegt, die Augen geschlossen und im Stillen bis zehn gezählt haben.
Das war kein kleiner Schritt, Susi. Das war ein Quantensprung.
Sie haben an genau dem Ort, an dem Ihre Rüstung einst durch Enttäuschungen und Überforderung geschmiedet wurde, mitten in Ihrer Familie die Tür zum Vertrauen aufgestoßen. Und was ist passiert? Jonas ist nicht geflüchtet. Er ist aufblüht. Sie haben ihm nicht nur die Buchung eines Ferienhauses überlassen; Sie haben ihm gezeigt, dass Sie an ihn glauben. Sie haben aus einer erschöpften Einzelkämpferin ein starkes, dreiköpfiges Team gemacht.
Ihr Bild von der Rüstung, die wie ein alter Wintermantel an der Flurgarderobe hängt, weil drinnen die Heizung läuft, ist wunderschön. Es zeigt mir, dass Sie die essenzielle Lektion verstanden haben: Sie sind nicht mehr im Krieg. Ihre Gegenwart ist nicht mehr Ihre Vergangenheit.
Und genau an dieser Stelle, liebe Susi, erreichen wir eine wunderschöne, entscheidende Schwelle auf unserer gemeinsamen Reise.
Schauen Sie sich einmal an, was Sie in den letzten Wochen erreicht haben. Sie haben gelernt, Ihre Grenzen zu spüren und ohne Schuldgefühle auszusprechen. Sie haben gelernt, die Scham zu besiegen, Unterstützung einzufordern und im Alltag die Kontrolle abzugeben. Sie besitzen alle Werkzeuge, die Sie brauchen. Sie haben sie nicht nur theoretisch verstanden, sondern im echten Leben erprobt und gemeistert.
Das bedeutet aber auch: Sie brauchen meine wöchentliche Rückversicherung nicht mehr.
Sie brauchen keinen Coach mehr, der Ihnen erlaubt, Pausen zu machen. Sie dürfen sich diese Erlaubnis ab heute selbst geben. Sie halten die Schlüssel zu Ihrem Haus, zu Ihren Grenzen und zu Ihrer Zukunft bereits fest in den eigenen Händen.
Ich möchte Ihnen zum Abschluss dieser intensiven Coaching-Phase eine letzte Frage stellen. Keine Frage nach der Vergangenheit, nicht nach dem Ex-Mann und nicht nach alten Wunden. Sondern eine Frage nach Ihnen:
Wer ist Susi mit 45 Jahren, wenn sie nicht mehr nur Löwenmutter und funktionierende Angestellte sein muss? Was wünscht sich die Frau unter den kupferroten Locken für ihr eigenes, ganz persönliches Leben?
Ich lade Sie ein, mir noch ein letztes Mal zu schreiben. Keinen Hilferuf, keine Krisenmeldung. Sondern Ihr ganz persönliches Manifest: Ihren Blick nach vorne auf die Straße, die jetzt vor Ihnen liegt.
Ich bin voller Stolz auf Ihren Weg und freue mich auf Ihre Antwort.
In tiefer Verbundenheit,
Ihr Schimon Winkler
Bild: Peter Winkler / KI-überarbeitet
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