Tarnen, Täuschen, Abkassieren: Warum mich die AfD an die Totengräber der Weimarer Republik erinnern
In den letzten Wochen habe ich mich tief in eines der düstersten Kapitel unserer Geschichte vergraben: das Sterben der Weimarer Republik und den Aufstieg Adolf Hitlers 1933. Es ist eine Epoche, die uns unaufhörlich mahnt, unsere Demokratie niemals als gegeben hinzunehmen. Je intensiver ich mich mit den damaligen Geschehnissen auseinandersetze, desto lauter wird in mir ein beunruhigendes Echo. Es geht mir dabei nicht um plumpe Gleichsetzungen oder die Behauptung, Geschichte wiederhole sich eins zu eins. Vielmehr erkenne ich das bedrohliche Wiederkehren bestimmter Mechanismen – Muster, die heute, gerade mit Blick auf die AfD und ihr Umfeld, in modernem Gewand erneut wirksam werden.
„Wehret den Anfängen!“ – dieser Satz droht oft zur leeren Floskel zu verblassen, wenn er nur noch reflexhaft gerufen wird. Für mich gewinnt er erst dann seine wahre, schwere Bedeutung, wenn wir den Blick schärfen: Was waren damals die entscheidenden Hebel? Welche rhetorischen Tricks und gesellschaftlichen Bruchstellen machten den Umsturz möglich? Nur wenn wir diese Hebel im Heute rechtzeitig identifizieren, können wir handeln, bevor es zu spät ist.
Das perfide Spiel der „Saubermänner“: historische Doppelzüngigkeit
Ein zentrales Element beim Aufstieg der Nationalsozialisten war die perfekt inszenierte Fassade einer moralisch integren Kraft. Sie präsentierten sich als die Saubermänner, die gegen die vermeintliche Korruption und den „Verfall“ der Weimarer Republik zu Felde zogen. Dieses bürgerliche Kostüm saß oft erschreckend gut und blendete weite Teile der Gesellschaft. Doch während die Kulisse glänzte, sah die Realität in den Straßen und Hinterzimmern völlig anders aus.
In den Jahren 1933 und 1934 wurde das moralische Feigenblatt besonders deutlich. Die SA, der paramilitärische Arm der NSDAP, war längst berüchtigt für nackte Gewalt, Einschüchterung und blutige Straßenschlachten. Nach außen hin wurde Disziplin und Volksnähe geheuchelt, während im Inneren finstere Machtkämpfe, dunkle Loyalitätsnetzwerke und eine schamlose Selbstbedienungsmentalität florierten. Als Hitler 1934 in der sogenannten „Nacht der langen Messer“ seinen langjährigen Weggefährten Ernst Röhm und weitere Konkurrenten ermorden ließ, verkaufte er diesen blutigen Exzess der Öffentlichkeit als Akt der „Säuberung“ gegen angebliche moralische Verkommenheit.
Es war eine perfide Umkehrung der Tatsachen: Man mordete im Namen der Anständigkeit, während es in Wahrheit allein um die radikale Konsolidierung der Macht ging. Ein gefährlich gewordener Faktor wurde eliminiert, um andere Machtzentren zu beruhigen und den Staat endgültig zur Beute zu machen. Schritt für Schritt wurden die Ressourcen des Landes zum Instrument einer Partei, die sich über das Recht, über jede Institution und über alle menschlichen Grenzen stellte.
Die AfD als „Alternative“ – und die Realität dahinter
Ich möchte eines vorab ganz deutlich sagen: Ich setze die AfD nicht eins zu eins mit der NSDAP gleich. Aber ich erkenne ein Muster wieder, das mich zutiefst alarmiert. Es ist dieser absolute Anspruch, die einzig „saubere“ Kraft zu sein, die gegen ein angeblich durch und durch verdorbenes „System“ in den Ring steigt. Doch blickt man hinter diese moralisierende Fassade, offenbart sich in zahlreichen Recherchen ein Bild, das so gar nicht zu diesem Heiligenschein passen will: Berichte über Selbstbedienung, tiefen Filz und eine erschreckende Gier nach persönlicher Bereicherung.
Besonders das, was oft als „System AfD“ beschrieben wird, lässt mich fassungslos zurück. Da liest man von einer Kultur, in der Posten, lukrative Jobs und Geldflüsse offenbar primär über Loyalität und gegenseitige Abhängigkeiten gesteuert werden. Ein besonders perfides Modell scheint die sogenannte „Über-Kreuz-Beschäftigung“ zu sein: Man stellt nicht die eigenen Verwandten ein – das wäre zu offensichtlich –, sondern die Angehörigen oder Partner der Parteikollegen. So hebelt man Regeln aus, die eigentlich Transparenz schaffen sollten. Ob das im juristischen Sinne gerade noch regelkonform ist, ist für mich zweitrangig. Die entscheidende Frage ist: Ist es moralisch vertretbar? Wer unaufhörlich „Filz“ bei den anderen schreit, müsste in der eigenen Praxis eigentlich glasklar und unantastbar sein.
Die Brisanz dieser Debatte zeigt sich auch in Fällen wie in Sachsen-Anhalt. Wenn ein ehemaliger Landesgeneralsekretär wie Jan Wenzel Schmidt schwere interne Vorwürfe erhebt – von fragwürdigen Reisekonstellationen bis hin zu Unregelmäßigkeiten in Abrechnungen –, dann wiegt das schwer. Sicher, vieles davon ist juristisch noch nicht abschließend bewiesen. Aber allein die Tatsache, dass solche Vorwürfe in dieser Dichte und Plausibilität im Raum stehen, spricht Bände. Es erzählt uns viel über den wahren Zustand einer Partei, die sich so gern als die einzige moralische Alternative verkauft, während sie hinter den Kulissen längst die Mechanismen nutzt, die sie öffentlich so lautstark verachtet.
Die Macht der Worte: Wie Sprache manipuliert und Grenzen verschoben werden
Ein weiterer, beunruhigender Gleichklang liegt nicht allein in den Taten, sondern in der Sprache. Denn Politik beginnt oft nicht mit Paragrafen oder Gesetzen, sondern mit der schleichenden Gewöhnung. Es fängt mit Begriffen an, die völlig normal klingen sollen, obwohl sie in ihrem Kern etwas zutiefst Unnormales, ja Zerstörerisches tragen.
Schon 1933 war die Vergiftung der Sprache ein zentrales Werkzeug. Die Nationalsozialisten nutzten Bilder, die sich sauber und bürgerlich anfühlten, aber eine rassistische und undemokratische Ideologie in die Köpfe pflanzten. Worte wie „Volksgemeinschaft“ oder „nationale Erhebung“ kamen nicht harmlos daher – sie waren Waffen. Die Erosion unserer Sprache war damals der erste, entscheidende Schritt zur Erosion der gesamten Demokratie.
Heute beobachte ich ein ähnliches, kalkuliertes Spiel mit dem Tabu. Es geht um das gezielte Verschieben der Grenzen dessen, was wir als sagbar empfinden. Wenn ein Politiker wie Björn Höcke die SA-Losung „Alles für Deutschland“ verwendet und dafür rechtskräftig verurteilt wird, dann ist das für mich kein „Versehen“. Es ist der bewusste Griff in eine historische Giftkiste. Man weiß ganz genau, welche Geister man damit ruft.
Es reiht sich ein Vorgang an den nächsten, immer an der Grenze zur Provokation: In Brandenburg wurde ein AfD-Politiker wegen eines Wahlplakats verurteilt, das eine Geste zeigte, die Behörden als Hitlergruß-ähnlich einstuften – auch wenn hier noch Rechtsmittel angekündigt sind. Gegen den Abgeordneten Matthias Moosdorf standen Berichte über eine Anklage im Raum, weil er im Reichstagsgebäude eine Geste zwischen Hitlergruß und Hackenschlagen gezeigt haben soll. Ob es am Ende zu einer Verurteilung kommt, ist fast zweitrangig; allein die Tatsache, dass gewählte Volksvertreter so nah an diesen bewussten Grenzverletzungen operieren, lässt mich erschauern.
Das alles sind keine Petitessen, keine bloßen Ausrutscher. Wer mit diesen Symbolen spielt, spielt mit unserer Normalität. Und genau diese Normalität ist in einer wehrhaften Demokratie alles andere als ein Nebenschauplatz.
Geheimallianzen und fremde Einflussnahme: Wenn Vertrauen zerfressen wird
Ein Blick auf die Netzwerke und die verschlungenen Pfade des Einflusses ist ebenso erschreckend. Er trifft die Demokratie dort, wo sie am verwundbarsten ist: beim Vertrauen. Dem Vertrauen darauf, dass politische Entscheidungen das Ergebnis offener Debatten sind und nicht im Geheimen gekauft, gesteuert oder orchestriert werden.
Schon 1933 spielten intransparente Kanäle eine Schicksalsrolle. Historisch ist präzise belegt, wie Hitler bereits vor der Machtübernahme strategische Allianzen mit einflussreichen Kreisen schmiedete. Kreise, die sich Vorteile versprachen oder in ihm das perfekte Werkzeug sahen, um die ungeliebte Demokratie von innen heraus auszuhöhlen. Es ging um nackte Interessen, um Macht und um Absprachen, die das Licht der Öffentlichkeit scheuten.
Heute drängen sich mir ähnliche, beunruhigende Fragen zu verdeckten Vernetzungen auf. Die Ermittlungen gegen den ehemaligen Abgeordneten Petr Bystron wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und Geldwäsche – im Kontext mutmaßlicher Zahlungen aus Russland – wiegen schwer. Auch hier gilt: Es sind Ermittlungen, noch keine Urteile, und Bystron bestreitet die Vorwürfe vehement. Doch der Verdacht allein wirkt politisch verheerend. Er zeigt, wie anfällig eine Bewegung sein kann, die sich ideologisch ohnehin oft an autoritäre Narrative anschmiegt.
Und dann ist da jenes „Potsdamer Treffen“ Ende 2023, das wie ein Schock durch die Republik ging. Ein Treffen von AfD-nahen Akteuren mit rechtsextremen Ideologen, bei dem über „Remigration“ sinniert wurde. Über die Details wird seither politisch und juristisch gestritten, doch der bittere Kern bleibt: Diese Vernetzungen suchten nicht den offenen demokratischen Diskurs, sondern den Schatten des Hinterzimmers. Es ist genau dieses Muster – diese Logik der Schattenkabinette –, die das Vertrauen in unsere Ordnung zerfrisst. Besonders dann, wenn Konzepte besprochen werden, die den Geist gleicher Rechte für alle Menschen angreifen und die viele von uns als finstere Vertreibungspläne verstehen müssen.
Die Lehre aus der Geschichte: Wachsamkeit ist eine Pflicht, keine Pose
Wenn ich die Endphase der Weimarer Republik und die heutigen Entwicklungen nebeneinanderlege, dann tue ich das nicht, um einfache Gleichheitszeichen zu malen. Ich tue es, um die Alarmzeichen unserer Zeit ernst zu nehmen. Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht automatisch, aber sie ist ein unerbittlicher Lehrmeister darin, wie schnell sich eine Gesellschaft an das Ungeheuerliche gewöhnen kann. Wie rasant Verachtung zur Normalität wird. Wie ein hasserfüllter Tonfall schleichend zur neuen Realität erstarrt. Und wie verlockend bequem es für viele ist, wegzuschauen – solange der Funke noch nicht auf das eigene Haus übergesprungen ist.
Wir dürfen nicht zulassen, dass die Erzählung von der „sauberen“ Kraft, die angeblich gegen ein korruptes „System“ aufbegehrt, uns blind macht. Wir müssen genau hinschauen, was hinter dieser Fassade sichtbar wird: eine Ökonomie der bloßen Loyalität, die gezielte Provokation als politische Methode und das ständige, aggressive Austesten demokratischer Grenzen. Und ja, auch eine bei manchen Akteuren mehr als auffällige Nähe zu jener Symbolik und jenen Denkfiguren, die in Deutschland aus gutem Grund geächtet sind.
Für mich ist das alles keine Panikmache. Es ist eine Form von notwendiger, nüchterner Wachsamkeit. Und ich weiß, diese Wachsamkeit ist unbequem. Sie fordert uns heraus. Denn sie bedeutet, nicht erst dann zu handeln, wenn die Fundamente bereits brennen, sondern mutig einzuschreiten, solange wir „nur“ den Rauch riechen.
Euer Schimon
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