Mentale Resilienz & Alltagspsychologie

Wenn die Spurrillen das Lenken übernehmen

Kennst du dieses Gefühl, mit den Reifen eines Autos in tiefen, ausgefahrenen Spurrillen eines Feldwegs zu landen? Die Rillen sind so fest in die getrocknete Erde gegraben, dass man das Lenkrad im Grunde loslassen könnte. Der Wagen fährt einfach weiter geradeaus. Er bricht nicht aus, er kippt nicht um, und für einen trügerischen Moment fühlt sich das sogar nach einer seltsamen Erleichterung an. Man muss nicht mehr korrigieren, man muss nicht mehr aufmerksam sein. Doch die Richtung, in die man rollt, ist schon lange nicht mehr die eigene.

Genau dieses Bild begegnet mir in meiner Beratungsarbeit seit Jahren immer und immer wieder. Menschen sitzen mir gegenüber, die fachlich hervorragend sind. Sie beherrschen ihr Handwerk, sie erfüllen ihre Pflichten, sie liefern ab und ernten dafür von außen oft anerkennendes Nicken. Doch innerlich sind sie vollkommen ausgehöhlt. Sie machen seit Jahren eine Arbeit, die sie rein handwerklich problemlos bewältigen können, die ihnen aber nicht den geringsten Funken Freude oder Sinn zurückgibt. Und das Schlimmste daran ist: Sie merken oft gar nicht, an welcher Weggabelung sie eigentlich aufgehört haben, selbst zu lenken.

Das Tückische an diesen beruflichen Spurrillen ist ihre fatale Bequemlichkeit. Wer mitten in einer tiefen Fahrspur steckt, braucht unendlich viel Kraft, um die Räder nach links oder rechts über die Kante zu reißen. Es bockt, das Fahrwerk poltert, die Reifen quietschen und für einen kurzen Augenblick droht das Fahrzeug ins Schleudern zu geraten. Um diesen Ruck zu wagen, bräuchte man innere Reserven, seelischen Puffer und einen klaren Kopf. Aber genau diese Reserven existieren nach Jahren des reinen Funktionierens schlichtweg nicht mehr. Der seelische Tank ist leer, die Batterie erschöpft. Also lässt man das Lenkrad lieber los, bleibt in der vorgegebenen Spur und hofft insgeheim, dass der Weg schon irgendwie gut ausgehen wird.

Doch das tut er selten. Meistens endet die Fahrt erst dann, wenn der Weg unpassierbar wird: Ein dicker Stein schlägt gegen den Unterboden, das Getriebe blockiert oder der Motor kocht mit lautem Zischen über. Plötzlich steht der Wagen mitten im Nirgendwo. Im echten Leben nennen wir diesen Moment Burnout.

Viele glauben, ein solcher Zusammenbruch käme wie aus heiterem Himmel. Aber das ist eine Illusion. Kein Motor fliegt ohne Vorwarnung in die Luft. Vorher hat die Öllampe wochenlang geflackert, die Bremsen haben gequietscht, das Getriebe hat geknarrt. Wir haben nur gelernt, diese Signale meisterhaft zu ignorieren. Wir kleben innerlich ein Pflaster über die Warnleuchte und reden uns ein, dass es bis zum nächsten Urlaub, bis zum Abschluss dieses einen Projekts oder bis zur nächsten Beförderung schon noch irgendwie gutgehen wird.

Der Körper schickt seine Boten zuerst ganz leise. Da ist der Schlaf, der trotz bleierner Müdigkeit keine Erholung mehr bringt. Da sind die ständigen Verspannungen im Nacken, der diffuse Druck im Magen oder dieser seltsame Schleier im Kopf, der einfache Entscheidungen zu unüberwindbaren Bergen anwachsen lässt. Auf der seelischen Ebene schleicht sich ein zynischer Grundton ein. Man wird dünnhäutig, verliert die Geduld mit den Menschen, die man eigentlich liebt, und schaltet abends auf stummes Durchhalten. Doch statt anzuhalten und den Wagen abkühlen zu lassen, treten wir noch fester aufs Gaspedal, betäuben die Schmerzen und zwingen uns mit eiserner Disziplin zum Weitermachen. Wir verwechseln unsere Fähigkeit zu funktionieren mit echter Lebenskraft.

Erst wenn die Notbremse greift und buchstäblich gar nichts mehr geht, entsteht dieser schmerzhafte, aber notwendige Stillstand. Wenn du morgens auf der Bettkante sitzt und dir die Kraft fehlt, die Schnürsenkel zuzubinden, bricht die gewohnte Fassade zusammen. In genau diesem Moment liegt jedoch, so schwer es sich anfühlt, die erste echte Chance seit Jahren.

Wenn das Auto erst einmal festsitzt, hilft kein blindes Gasgeben mehr. Es hilft auch nicht, wenn jemand von der Seite ruft, man solle doch einfach woanders hinfahren. Jetzt braucht es zuerst das behutsame Bergen aus dem Schlamm. Und dann braucht es den ungeschminkten, ehrlichen Blick auf die Landkarte: An welchen konkreten Handgriffen verbrennst du täglich deine Lebensenergie, und welche Aufgaben schenken dir eigentlich echte Kraft?

Hast du in deinem eigenen Leben auch schon einmal diesen Moment erlebt, in dem du gespürt hast, dass du nur noch fremdbestimmt in einer vorgegebenen Rille rollst, und was hat dich letztlich dazu gebracht, die Hand wieder ans Lenkrad zu legen? Schreib mir deine Gedanken und Erfahrungen sehr gerne direkt unten in die Kommentare.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild / KI-generiert


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