04.01.1933 – Der Fall Professor Cohn, der Skandal um Gut Neudeck und das bittere Elend der Primitivsiedler
Wenn ich heute die Morgenausgabe der „Vossischen Zeitung“ vom 4. Januar 1933 aufschlage, spüre ich sofort diesen bleiernen Stillstand, der über dem Land liegt. Während ganz Deutschland gebannt auf die winzige Landtagswahl in Lippe-Detmold starrt, die wie ein unheilvolles Barometer für die Macht der Nationalsozialisten über dem Reich schwebt, vollzieht sich an den Universitäten bereits der offene Bruch mit der Zivilisation. Besonders tief bewegt mich der „Fall Professor Cohn“, über den die Zeitung unter der Schlagzeile der „Breslau-Aussprache“ berichtet. Es ist herzzerreißend zu lesen, wie die akademische Freiheit, die wir heute so oft als selbstverständlich erachten, damals unter den Stiefeln radikalisierter Studenten zerbrach. Der jüdische Rechtsgelehrte Cohn konnte seine Vorlesungen nicht mehr halten, weil der nationalsozialistische Mob den Lehrbetrieb systematisch blockierte. Die „Vossische“ dokumentiert hier ein erschütterndes Dokument der Kapitulation: Sie berichtet, dass die Universitätsleitung die „ordnungsmäßige Durchführung der Vorlesungen nicht mehr gewährleisten“ könne. Was mich dabei am meisten erschreckt, ist die hasserfüllte Sprache dieser Studenten, die in ihrem Schreiben eine „Verletzung der völkischen Ehre“ beklagten, nur weil sie von einem jüdischen Professor unterrichtet werden sollten. Es ist diese perfide Verdrehung von Ehre und Anstand, die mich fassungslos macht. Anstatt die Randalierer in ihre Schranken zu weisen, reisten der Rektor und der Dekan der Juristischen Fakultät verzweifelt nach Berlin, um über eine „Bereinigung des Konfliktes“ zu beraten – was am Ende nichts anderes als die faktische Kapitulation vor der Gewalt bedeutete. Man liest in den Zeilen der Zeitung, dass der Riss bereits mitten durch den Lehrkörper ging, da sich einzelne Dozenten offen mit den Aufwieglern solidarisierten. Es war das schleichende Verstummen des Geistes, lange bevor die offiziellen Gesetze der Nationalsozialisten die Hörsäle endgültig leerten. Wenn ich das heute betrachte, frage ich mich, wie dünn das Eis unserer demokratischen Grundordnung eigentlich ist, wenn Lautstärke und Hass mehr zählen als das Recht und die Freiheit des Einzelnen.
Ein bröckelndes Denkmal und das bizarre Theater der Macht
Während an den Hochschulen der Geist vertrieben wurde, bröckelte an einer ganz anderen Stelle das Image des vermeintlich unantastbaren Reichspräsidenten von Hindenburg. Die Zeitung beleuchtet in dieser Ausgabe sehr kritisch die finanziellen Ungereimtheiten rund um „Gut Neudeck“. Es ist fast schon zynisch: In einer Zeit, in der Millionen Menschen nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überstehen sollen, wird enthüllt, wie der greise „Ersatzkaiser“ und sein Umfeld durch geschickte Schenkungen an seinen Sohn Oscar die Erbschaftssteuer umgingen – tatkräftig unterstützt von den Spenden der Schwerindustrie. Es ist dieser stechende Kontrast zwischen der moralischen Erhabenheit, die Hindenburg nach außen verkörperte, und der harten Realität von Steuervermeidung und politischer Einflussnahme, der mich zutiefst nachdenklich stimmt. Die „Vossische“ beschreibt diesen Skandal als ein Thema, das massiv am Ansehen des Präsidenten kratzt, und man spürt zwischen den Zeilen die Sorge der liberalen Redakteure, dass auch dieser letzte Stabilitätsanker der Republik durch Korruption und Gier ins Wanken gerät. Gleichzeitig macht sich das Blatt fast ein wenig spöttisch über das „Schattenreich“ der Nationalsozialisten lustig, indem es die neuen, immer komplizierter werdenden Dienstgrade der SA wie „Gruf“ und „Ogruf“ analysiert. Man versuchte damals wohl noch, den heraufziehenden Wahnsinn durch Ironie zu bewältigen, während die Polizei in Mecklenburg bereits begann, Beförderungen bevorzugt an Parteigänger der NSDAP zu vergeben. Es ist diese schleichende Unterwanderung der staatlichen Institutionen, die wir hier so deutlich dokumentiert sehen – ein Prozess, der von oben durch korrupte Eliten und von unten durch die ideologische Vergiftung der Exekutive befeuert wurde. Es war ein gefährliches Spiel mit der Macht, bei dem die eigentlichen Nöte der Menschen im absurden Gezänk um Posten, Uniformen und Titel untergingen. In den Berichten über Gut Neudeck sehe ich eine zeitlose Warnung davor, was passiert, wenn die Führung eines Landes den Kontakt zur Basis und zum eigenen Gewissen verliert und sich in den schattigen Gängen der Vorteilsnahme verliert.
Zwischen dem Glanz der Technik und dem nackten Überleben im Stroh
Aber was mich in dieser Ausgabe der „Vossischen Zeitung“ wirklich bis ins Mark erschüttert hat, ist der Bericht über die „Primitivsiedler“ am fernen Stadtrand von Berlin. Es ist eine Welt, die so gar nicht zu dem glänzenden Bild passt, das wir manchmal von der Moderne der Weimarer Zeit im Kopf haben. Da leben Menschen, verarmte Berliner Familien, in illegalen Siedlungen aus Kistenholz und Lehm. Die Zeitung beschreibt diese Zustände als „Stallgebäude aus Stroh“, in denen die Bewohner auf engstem Raum mit ihrem Vieh hausen müssen, nur um der totalen Obdachlosigkeit zu entkommen. Es ist ein drastisches Bild der Weltwirtschaftskrise, das uns zeigt, wie tief der Fall in die absolute Hoffnungslosigkeit für so viele damals war. Mitten in dieser Depression wirkt es fast schon surreal, wenn die Zeitung auf den nächsten Seiten stolz über den neuen „Fliegenden Hamburger“ berichtet – einen technischen Wunderwagen der Reichsbahn, der die Strecke nach Hamburg in sagenhaften 140 Minuten bewältigen sollte. Es ist die pure, schmerzhafte Zerrissenheit dieser Epoche: Auf der einen Seite der glänzende technische Fortschritt und die luxuriöse Schweiz-Werbung für den Wintersport in St. Moritz, auf der anderen Seite Menschen, die buchstäblich in Strohhütten um ihr nacktes Überleben kämpfen. Ich frage mich oft, was in den Köpfen dieser Menschen vorging, wenn sie diese Zeitung lasen. Haben sie sich an die Visionen des technischen Aufbruchs geklammert, während sie ihren Margarine-Ersatz strichen, oder war die Wut über die soziale Ungerechtigkeit bereits so groß, dass jede Vernunft erlosch? Es ist dieser Nährboden aus bitterer Not und dem Gefühl, vollkommen abgehängt zu sein, auf dem die Heilsversprechen der Radikalen so erschreckend gut gedeihen konnten. Diese Diskrepanz zwischen dem Luxus der Wenigen und der existenziellen Not der Vielen ist ein Thema, das mich auch heute nicht loslässt. Habt Ihr Euch schon mal gefragt, wie wir selbst reagieren würden, wenn der Fortschritt an uns vorbeizieht, während wir gleichzeitig um unsere grundlegendste Existenz fürchten müssen? Wie nehmt Ihr diese Kluft zwischen technischem Glanz und sozialem Abstieg in unserer heutigen Zeit wahr? Schreibt mir Eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare, denn ich glaube, dass wir nur durch diesen ehrlichen Austausch verstehen können, wie wir die Würde des Einzelnen auch in Krisenzeiten bewahren.
Euer Schimon
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