06.01.1933 – Schicksalswahl in Lippe und das Geheimtreffen Hitlers bei Bankier Schröder
Wenn ich heute die vergilbten Seiten der Berliner Volks-Zeitung von diesem Freitag im Januar 1933 aufschlage, überkommt mich ein Schauer. Wir wissen heute, was nur 24 Tage später geschah, doch für die Menschen damals war es ein Tag wie jeder andere in einer tiefen Krise. Die politische Gewalt war längst Teil des Alltags geworden. In Breslau erstach ein SA-Mann einen 18-jährigen Arbeiterjungen, während in Hamburg-Barmbeck nächtliche Feuergefechte die Anwohner aus dem Schlaf rissen. Berlin selbst glich einem Belagerungszustand. Unter der Schlagzeile „Razzia am Alex“ berichtet die Zeitung von massiven Polizeieinsätzen im Scheunenviertel und der „Mulackritze“, bei denen 205 Menschen abgeführt wurden. Es war eine Zeit, in der das Recht des Stärkeren die Straße dominierte. Selbst an der Technischen Hochschule eskalierten Nazi-Krawalle gegen den Rektor. Man spürt förmlich, wie die Republik den Atem anhielt, ohne es wirklich zu wissen. Inmitten dieses Chaos wirkte die Kriminalität fast schon filmreif: Ein Hoteldieb mit einer Harold-Lloyd-Brille tarnte sich als Intellektueller, um in Luxushotels zuzuschlagen, während Juwelendiebe über Fassaden kletterten und Bankleute Millionen an den Devisenbestimmungen vorbeischleusten.
Die Materialschlacht in Lippe: Woher kam plötzlich das Geld?
Besonders absurd erscheint mir der Fokus der Zeitung auf das winzige Lippe. Ein Landstrich mit gerade einmal 165.000 Seelen wurde plötzlich zum Nabel der Welt. Die NSDAP warf alles in die Waagschale; Adolf Hitler selbst absolvierte einen Marathon von 15 Reden. Die Zeitung beobachtete diesen „riesigen Apparat“ völlig richtig, doch sie konnte zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren, wie eine Partei, die noch Wochen zuvor als finanziell bankrott galt, eine solche Propaganda-Welle finanzierte. Heute wissen wir dank historischer Belege: Es war kein Zufall. Dass die Nazis Lippe mit Wahlrednern „überschwemmen“ konnten, war das direkte Ergebnis einer geheimen Rettungsaktion. Die NSDAP drückte Ende 1932 eine Schuldenlast von etwa 12 Millionen Mark – Goebbels notierte verzweifelt in sein Tagebuch: „Die Geldnot ist furchtbar.“ Doch genau hier kam Kurt Freiherr von Schröder ins Spiel. Er war Teil des „Keppler-Kreises“, einer Gruppe von Wirtschaftsführern, die Hitler als „starken Mann“ stützen wollten. Durch das Bankhaus J. H. Stein in Köln wurden Gelder der Schwerindustrie kanalisiert. Die Zeitung sah zwar die Folgen – die massive Materialschlacht gegen den bescheidenen Landespräsidenten Heinrich Drake –, doch die wahren Drahtzieher blieben im Dunkeln. Die Taktik der Nazis, Drake als Verschwender zu verleumden, obwohl er sein eigenes Auto fuhr, war eine bewusste Projektion, um von ihrer eigenen Abhängigkeit von der „Hochfinanz“ abzulenken.
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Das Geheimnis vom Stadtwaldgürtel und die Stille vor dem Sturm
Was die Zeitung am 6. Januar noch nicht drucken konnte, war die Nachricht vom 4. Januar 1933. An diesem Tag fand im Kölner Haus des Bankiers Schröder am Stadtwaldgürtel 35 das entscheidende Geheimtreffen zwischen Hitler und Franz von Papen statt. Es war die „Geburtsstunde des Dritten Reiches“. Hier wurde der Pakt geschmiedet: Die Industrie sicherte die Finanzierung der Partei und des Wahlkampfs in Lippe zu, im Austausch für die politische Ausschaltung der Gewerkschaften und die massive Aufrüstung. Schröder stand zur NSDAP in einem engen Vertrauensverhältnis und wurde später sogar zum SS-Brigadeführer ernannt. Während dieses Komplott hinter verschlossenen Türen lief, flüchteten sich die Leser der Berliner Volks-Zeitung in das Feuilleton. Man las über die Briefmarkensammlung von König Georg V. oder den Tod des „sparsamen“ US-Präsidenten Calvin Coolidge. In den Kinos lief die Verwechslungskomödie „Glück über Nacht“ mit Magda Schneider, und man diskutierte über Sammelbilder für die Olympia-Finanzierung 1936. Sogar kuriose Meldungen über einen rasenden Jagdelefanten in Indien oder eine Explosion im Hygienischen Institut der Universität fanden ihren Platz. Es war eine erschreckende Gleichzeitigkeit von banaler Unterhaltung und dem Untergang der Demokratie. Wie nimmst Du diese Diskrepanz wahr – dieses Wissen, dass hinter der Fassade des Alltags bereits die Weichen für die Katastrophe gestellt wurden? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, ich bin sehr gespannt auf Deine Sicht der Dinge.
Euer Schimon
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