12.02.1940 – Wenn Regentropfen an Tränen erinnern: Wolff Grunwald und das Schweigen von Stettin
Ich war heute den ganzen Tag unterwegs, und während der Regen immer wieder peitschend gegen die Scheiben schlug und die Welt da draußen in ein trostloses Grau tauchte, ließen mich meine Gedanken nicht los. Es ist heute der 12. Februar, und trotz der Nässe und der Ungemütlichkeit des heutigen Tages wanderten meine Gedanken unaufhörlich zurück in eine ganz andere, weit grausamere Kälte. Gestern am Spätnachmittag hatte ich mich schon mit diesem Thema befasst. Ich musste immer wieder an jene Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1940 in Stettin denken, als das, was wir heute unter Zivilisation verstehen, einfach in der Dunkelheit versank. Damals war es kein Regen, der die Menschen begleitete, sondern ein unbarmherziger Frost von bis zu -30°C, der die Welt erstarren ließ, während die Menschlichkeit selbst im tiefen Schnee erstickte. Es war eine Nacht, in der die vertraute Sicherheit des Zuhauses für über tausend Menschen mit einem Schlag endete, und ich frage mich oft, wie viele von ihnen in jenen letzten Minuten in ihren Wohnungen noch gehofft haben, dass dies alles nur ein schrecklicher Alptraum sei. Was dieses Ereignis so besonders erschütternd macht, ist die bürokratische Kälte, mit der es vorbereitet wurde, und die Tatsache, dass es der erste systematische Versuch war, jüdische Bürger direkt aus dem deutschen Kernland, dem sogenannten Altreich, zu deportieren.
Die Maschinerie hinter der eiskalten Stille
Wenn wir uns heute fragen, wie so etwas möglich war, müssen wir uns die menschenverachtende Maschinerie des Reichssicherheitshauptamtes vor Augen führen. Das RSHA war keine gewöhnliche Behörde, sondern das von Reinhard Heydrich geschaffene Nervenzentrum des Terrors, in dem die Fäden der Gestapo und des Sicherheitsdienstes zusammenliefen. In den Akten des RSHA wurde die Stettiner Deportation fast wie ein logistisches Experiment behandelt. Man wollte testen, wie die deutsche Bevölkerung reagiert, wenn ihre Nachbarn mitten in der Nacht aus den Häusern geholt werden. Der treibende Kern vor Ort war jedoch der Gauleiter von Pommern, Franz Schwede. Er war ein Mann von bösartigem Ehrgeiz, ein „Alter Kämpfer“ der NSDAP, der sich bei Hitler persönlich damit brüsten wollte, seine Provinz als erste judenrein zu machen.
Nach dem Krieg wird Franz Schwede verurteilt, kommt aber schon 1956 wieder frei. Vier Jahre später stirbt er in jenem Ort, den er einst zur nationalsozialistischen Musterstadt machen wollte: Coburg
Er nutzte den Vorwand, Wohnraum für Baltendeutsche zu benötigen, um die Räumung zu erzwingen. Die jüdischen Menschen wurden über absolut nichts informiert; es gab keine Warnung, keine Vorbereitungszeit. In jener Nacht drangen keine fremden Soldaten in die Wohnungen ein, sondern Männer der lokalen Polizei und der SA, Gesichter, die man oft aus dem Alltag kannte. Sie brüllten Befehle in die nächtliche Stille und gaben den Menschen oft weniger als eine Stunde Zeit, um ihr ganzes Leben in einen einzigen Koffer zu packen. Was zurückblieb, waren gedeckte Tische, halb gelesene Bücher und eine Leere, die bis heute in den Straßen von Stettin nachhallt.
Ein verwehtes Schicksal im Eis von Lublin
Um das Unbegreifliche greifbar zu machen, müssen wir uns die Gesichter hinter den Zahlen ansehen, wie das von Wolff Grunwald. Er war ein 62-jähriger Stettiner Bürger, ein Mann, der mitten in seinem Leben stand, als man ihn in jener verhängnisvollen Nacht zusammen mit den anderen – darunter Greise, Frauen und Kinder – zum Güterbahnhof trieb. Man pferchte sie in Waggons, die keinerlei Heizung besaßen. Die Fahrt in den Distrikt Lublin im besetzten Polen dauerte mehrere Tage bei mörderischem Frost. Man kann sich kaum vorstellen, was in Wolff Grunwald vorgegangen sein muss, während er sah, wie um ihn herum die Schwächsten im Waggon an der Kälte und der Erschöpfung starben. Als der Zug schließlich in Piaski und Bełżyce ankam, gab es dort keine Unterkünfte, keine Nahrung, nur ein feindseliges Nichts. Die Deportierten mussten in baufälligen Scheunen oder überfüllten Zimmern ohne Fenster hausen. Wolff Grunwald verstarb unter diesen elenden Bedingungen am 4. Juni 1940, nur wenige Monate nach seiner Ankunft, fernab von allem, was ihm einmal Heimat war. Sein Schicksal war in jener Nacht besiegelt: Von den rund 1.200 Deportierten haben nachweislich weniger als neunzehn Menschen das Ende des Horrors erlebt. Es war ein Todesurteil auf Raten, das für die meisten in den Gaskammern von Belzec und Sobibor vollendet wurde. Die Stille der Nachbarn in Stettin war das Signal für die Nationalsozialisten, dass der Weg für die massenhafte Vernichtung nun endgültig frei war. Wenn ich jetzt hier sitze und der Regen langsam nachlässt, bleibt dieses Gefühl der tiefen Verantwortung. Wir können die Geschichte nicht ungeschehen machen, aber wir können den Opfern wie Wolff Grunwald ihre Würde zurückgeben, indem wir ihre Geschichte weitererzählen und niemals zulassen, dass sie vergessen wird.
Was empfindest du, wenn du an einem so ungemütlichen Tag wie heute an diese Menschen denkst, die in die absolute Kälte geschickt wurden? Glaubst du, dass wir in unseren Städten genug tun, um die Erinnerung an diese ersten Deportationen, die direkt vor unseren Haustüren begannen, wachzuhalten? Ich freue mich sehr über deine Gedanken und einen Austausch in den Kommentaren.
Euer Schimon
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