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18.01.1933 – Reichsgründungstag und Flaggenstreit: Wenn Symbole zu Waffen werden

Mitten im Januar 1933 gab es in Ostdeutschland leichte Schneefälle. In Ostpreußen war es immer noch bitterkalt, um die minus 15 Grad. Dieses Wintergefühl, dieses Graue und Harte, lag aber nicht nur über den Straßen, es spiegelte sich auch in der politischen Landschaft. In den Zeitungen liest man von einer unruhigen Welt, innenpolitisch wie außenpolitisch, und trotzdem gibt es diesen Anlass, bei dem die Regierung gern so getan hätte, als gäbe es etwas zu feiern. Der 18. Januar ist so ein Datum – jedenfalls auf dem Papier.

Das historische Ereignis des Tages

Der sogenannte Reichsgründungstag erinnert an den 18. Januar 1871, als im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich symbolisch ausgerufen wurde. Dieses Datum wurde später zum national-konservativen Erinnerungszeichen: ein Tag, an dem man „Einheit“ feiern wollte, und der genau deshalb politisch so aufgeladen war. In der Tagesausgabe der „Vossische Zeitung“ wurde aber nicht feierlich erzählt, sondern fast schon enttäuscht: Ausgerechnet am „Gedenktag der Reichsregierung“ zeige Berlin ein beschämendes Bild, weil verschiedene Behörden ganz verschiedene Flaggen hissen – je nachdem, wie sie politisch geprägt sind.

Im Kern geht es um zwei Fahnen, die damals mehr waren als Stoff. Die eine ist Schwarz-Rot-Gold, die Reichsfarben der Weimarer Republik, verbunden mit Verfassung, Parlament und dem Anspruch: Dieses Deutschland ist demokratisch und neu. Die andere ist Schwarz-Weiß-Rot, die Farben des Kaiserreichs, die von Monarchisten und nationalistischen Milieus als „das eigentliche Deutschland“ empfunden wurden – und Anfang 1933 ganz bewusst wieder als Signal eingesetzt wurden. Genau diese Symbolsprache macht der Artikel sichtbar, weil er konkrete Orte nennt: Am Sitz des Landtagspräsidenten Kerr sei über dem Portal allein Schwarz-Weiß-Rot zu sehen, während auf dem Reichstagsgebäude selbst Schwarz-Rot-Gold wehte.

Besonders brisant wird es, weil der Text beschreibt, dass Schwarz-Weiß-Rot nicht nur irgendwo aus „Privatgefühl“ auftaucht, sondern durch Machtgesten abgesichert wird: Die Reichstagsflagge über dem Landtagspräsidenten-Saal sei nach ausdrücklicher Anordnung des Reichstagspräsidenten Göring durch Schwarz-Weiß-Rot ersetzt worden. Damit wird aus einer Flagge eine Art Stempel: Wer die Farben setzt, markiert Deutungshoheit.

Und als wäre das nicht genug, geht der Streit in den Landtag hinein. Dort wird die Flaggenfrage offiziell erörtert, und der Artikel verbindet das gleich mit einem zweiten Symbol: Ein „dynastischer Hymnus“ im Landtag, also der Tonfall einer Rückkehr zu monarchischer Tradition. Kerr versucht in seiner Eröffnungsansprache, den monarchistischen Bedürfnissen des Tages entgegenzukommen, spricht von „Pflicht und Herzensbedürfnis“ des Gedenkens und deutet den 18. Januar als historischen Identitätsanker.

Die Gegenseite – hier vor allem sozialdemokratische Abgeordnete – greift genau den Punkt an, der in einer Republik entscheidend ist: nicht Geschmack, sondern Gesetz. Es wird beantragt, gegen die Beflaggung vorzugehen, weil sie nach geltenden Bestimmungen unzulässig sei, und es wird sogar thematisiert, dass die Kosten für die Beschaffung dieser Flagge nicht aus Staatsmitteln getragen werden dürften. Dass man bei einem Staatsakt im Parlament darüber streitet, ob eine Flagge überhaupt legal ist, zeigt ziemlich gnadenlos, wie tief die Republik damals bereits in einem Legitimationskonflikt steckte.

Der Artikel hat dabei einen Satz, der wie ein Warnlicht blinkt: Wer meint, es komme „nicht so sehr auf die Farbe“ an, der werde „um so tiefer bedauern“, dass der Tag für Demonstrationen des Flaggenstreits missbraucht werde. Das ist eine ziemlich klare Diagnose: Es geht nicht um Dekoration, sondern darum, dass politische Lager den Staat selbst nicht mehr gemeinsam darstellen können.

Gedanke für die Gegenwart

Wenn Du das auf heute überträgst, wirkt das plötzlich erschreckend vertraut. Auch heute sieht man, wie schnell Symbole und Begriffe zu Waffen werden: Wenn Menschen die Bundesrepublik lächerlich machen, sie als „GmbH“ abtun oder behaupten, das Grundgesetz sei keine Verfassung, dann ist das weniger „Kritik“ als ein Angriff auf Zugehörigkeit und Legitimität. In Weimar war dieser Legitimationsbruch irgendwann so normal, dass selbst Fahnen zum Machtinstrument wurden – und genau solche kleinen Verschiebungen können ein Frühzeichen dafür sein, dass eine Gesellschaft ihr gemeinsames Fundament nicht mehr als selbstverständlich empfindet. Der Vergleich hinkt natürlich in vielem, weil unsere Institutionen heute stabiler sind, aber die Frage nach Identität und Anerkennung des Staates ist wieder lauter geworden, als uns lieb sein kann.

Woran merkst Du in Gesprächen am stärksten, ob jemand noch „in“ dieser Republik steht – oder innerlich schon auf Distanz gegangen ist? Schreib mir das gern in die Kommentare, mich interessiert wirklich, wie Du das erlebst.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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